Viele Stiftungen arbeiten nicht monothematisch, sondern sind in mehreren Themenfeldern tätig. Das lässt sich relativ leicht in Satzungen festlegen, ist aber in der täglichen Praxis durchaus nicht einfach zu handhaben. Rasch führt die Vielfalt der Zwecke zu einer Überdehnung in der Projektarbeit. Da bietet sich eine eher kompakte Arbeit in sogenannten Projektketten als Möglichkeit an, einen inneren Zusammenhang der Stiftungsarbeit zu schaffen, bei dem sich die geförderten oder selbst entwickelten Projekte gegenseitig nutzen. Außerdem kann die Stiftung auf diese Weise eigene Kenntnis und Erfahrung in ihren Themenfeldern aufbauen.
Projektketten sind Gruppen von Projekten, die einen inneren Zusammenhang aufweisen. Sie können thematisch, methodisch oder auch biografisch sein. Der Charme solcher Projektketten liegt darin, dass man auf diese Weise selbst echte Erfahrungen sammelt und daraus ein theoretisches wie praktisches Expertenwissen eigener Art generiert. Dies wiederum ist interessant für die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, weil hier gelernt werden kann, Erfahrungen weiterzugeben, sie mit anderen Erfahrungen zu konfrontieren und sie auch verallgemeinernd zu formulieren. Projektketten eigenen sich also, um in einer größeren Zahl von Projekten aktiv zu sein, dabei aber den Überblick zu bewahren, Nutzen zu entfalten und anwendbares Wissen zu gewinnen. Das kann man operativ tun, und das kann man durch Jahres- und Schwerpunktthemen auch fördernd tun. Wie sagte doch der französische Philosoph Blaise Pascal? „Vielfalt ohne Einheit ist Beliebigkeit.“
Beim Aufbau der 2005 errichteten Stiftung Polytechnische Gesellschaft in Frankfurt – einer Mehrspartenstiftung – wurden systematisch solche Projektketten entwickelt, dies ist ersichtlich an zwei Beispielen:
1. Der „DeutschSommer“ und das „Diesterweg-Stipendium“
Viele Kinder können keine ihrer Begabung entsprechende Schullaufbahn absolvieren, weil ihre Deutschkenntnisse nicht ausreichend sind. Oft sind es Zuwandererkinder, aber wegen der insgesamt zunehmenden Sprachentwicklungsstörungen sind auch deutschstämmige Kinder betroffen. 2007 führte die Stiftung in enger Anlehnung an das Summercamp aus Bremen den „DeutschSommer“ für Drittklässler in Frankfurt ein. Das Projekt machte eine enge Tuchfühlung mit Grundschulen, öffentlicher Bildungsverwaltung und Partnerstiftungen erforderlich – gut für das junge Team der jungen Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Der „DeutschSommer" wurde im engen Kontakt mit den Schulen weiter zu einem ganzen Sprach- und Persönlichkeitsprogamm entwickelt: mit einem Auswertungstag für die Schulen, einer Lehrerfortbildung und dem „Endspurt“, einem weiteren Schülertraining in der letzten Woche der Weihnachtsferien. All das erfordert Sorgfalt, genaues Hinsehen, Aufgreifen vieler Anregungen und Auswertung. Die Zusammenarbeit mit den Kindern und ihren Eltern führte den Projektmitarbeitern die Lebenssituationen vieler Familien in schwierigen Stadtteilen vor Augen.
Und so entwickelte die Stiftung für die potentialstärksten Kinder des „DeutschSommers“und für ihre Eltern ein Familienstipendium, das „Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern“. Es setzt auf die Kraft der Familie. Es hilft Kindern wie Eltern dabei, den oft schwierigen Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule erfolgreich zu bewältigen und es befähigt die Eltern dazu, Bildungsbegleiter ihrer Kinder zu werden. Auf diese Weise kann die Stiftung bildungsbiografisch von der dritten bis zur sechsten Klasse aktiv sein und systematisch dabei helfen, das Begabungspotenzial von Kindern zu entfalten. Durch die Partnerschaft mit Stadt und Land können die Einblicke in die Bedingungen, unter denen Familien versuchen, ihre Isolation zu durchbrechen und sich Zugänge in die offene Gesellschaft zu verschaffen, an wichtige Stellen weitergegeben werden.
Beispielsweise ist die ziemlich in Vergessenheit geratene Familienbildung von zentraler Bedeutung, um die Familien gerade auch von Zuwanderern für die Bildungsbegleitung ihrer Kinder zu stärken – nach der Fendt-Studie ist der Einfluss der Familien prägender als der der Schulen. Nicht zuletzt fördert die Projektkette systematisch den Kontakt von Grundschulen und weiterführenden Schulen und sensibilisiert für Fragen der Übergangsgestaltung.
Jetzt kann die Stiftung den „DeutschSommer“ mit seinem gesamten Ausbauprogram anderen Kommunen zur Nachahmung anbieten. Man kann ein Modul nehmen und es im Laufe der Zeit durch weitere aus dem Programm ergänzen. Eines ergibt sich aus dem anderen. Und eines nützt dem anderen. Denn für die „DeutschSommer“-Kinder und ihre Familien besteht die Chance, in das Familienstipendium aufgenommen zu werden. Diesterweg-Kinder können später beim „DeutschSommer“helfen. Lehrer aus der Lehrerfortbildung des „DeutschSommers“können Empfehlungen für das Stipendium aussprechen. Die beteiligten Partnerorganisationen reichern ihre Kenntnisse an: Zum Beispiel über die Isoliertheit vieler Zuwandererfamilien, die sich die Signatur unserer offenen Städte selbst nicht erschließen können, aber durch persönliche Ansprache den Weg in die Gesellschaft durchaus finden und dies auch wollen. Das sind ganz konkrete Hinweise für Bildungs- und Familienpolitik in Stadt und Land.
2. Ehrenamtsstipendien: Botschafter, Historiker und Bürgerakademien
Ähnliche positive Erfahrungen mit Projektketten hat die Stiftung mit dem Aufbau dreier Ehrenamtsstipendien in Frankfurt machen können, die auch unter den erschwerenden Bedingungen von Individualismus und Karrierestress Menschen zu einer Ehrenamtslaufbahn motivieren: einem Jugendprogramm, den StadtteilBotschaftern; einem Erwachsenenprogramm, den StadtteilHistorikern, und einem Programm für die impulsstärksten Kräfte aller Ehrenamtsorganisationen, den Bürgerakademikern. Auch hier ist der Lerneffekt auf allen Seiten erheblich. Und auch die Aussicht, alle drei Programme durchlaufen zu können, ist ein motivierender Faktor. Außerdem können wiederum Module oder auch das ganze Programm übertragen werden. Die Stiftung wie auch ihre Partner haben durch die zusammenhängende Projektarbeit weiterführende Kenntnisse über die Zukunft des Ehrenamts gewinnen und teilen können.