Potenzialentfaltungsgemeinschaft

Es begann am 24. November 2005. An diesem Tag wurde die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main durch den Regierungspräsidenten genehmigt. Die Mitglieder der traditionsreichen Bürgervereinigung gleichen Namens hatten zuvor der von ihrem damaligen Präsidenten Prof. Dr. Klaus Ring vorgeschlagenen Stiftungsgründung zugestimmt und damit den Weg gebahnt für den Aufbau eines neuen polytechnischen Tochterinstituts.

Die Stiftung stellte sich von Beginn an in die Tradition der polytechnischen Ideen, die 1816 zur Gründung der Bürgervereinigung geführt hatten. Dies waren und sind die Ideen der Aufklärung: die Ausrichtung des eigenen Handelns an gesellschaftlicher Nützlichkeit und die Orientierung an Bildung und Wissenschaft. Die Themenfelder der Stiftung ergaben sich aus der Verbindung der polytechnischen Tradition mit modernen Anforderungen: Familienbildung, Sprachbildung, Hinführung zu Wissenschaft und Technik, kulturelle Bildung und Bürgerkompetenz.

Mit einem Teil des Erlöses aus dem Verkauf der Frankfurter Sparkasse – einem im Jahr 1822 von der Polytechnischen Gesellschaft gegründeten Tochterinstitut – wurde das Stiftungsvermögen dotiert. Ausgestattet mit einem Kapital in Höhe von 397 Millionen Euro gehörte die Stiftung zu den 20 größten gemeinnützigen Stiftungen in Deutschland und konnte eigenständig und unabhängig ihre Beiträge zum Wohle der Stadtgesellschaft entwickeln. Die Unabhängigkeit auch gegenüber städtischen und sonstigen Interessen hatte Prof. Dr. Klaus Ring, der auch der erste Vorstandsvorsitzende der Stiftung war, unmissverständlich kommuniziert.

Bei der ersten Stifterversammlung im August 2006 im Metzler-Saal des Städel Museums stand, abgestimmt mit dem umsichtig agierenden Stiftungsrat, das Konzept einer operativen und fördernden Stiftung mit einem professionellen Vermögensmanagement zur Erwirtschaftung ausreichender Erträge und zur langfristigen Erhaltung der realen Leistungsfähigkeit des Vermögens. Es erhielt die Zustimmung der Mitglieder der Polytechnischen Gesellschaft, die die Stifterversammlung bilden. Das Netzwerk der Polytechniker war für die Verankerung der Stiftung in der Stadt von unschätzbarem Wert und ist es bis heute. 

»Ein Feuerwerk an neuen Ideen.«

Hans Riebsamen

Frankfurter Allgemeine Zeitung

»Ein Feuerwerk an neuen Ideen«, schrieb zum damaligen Beginn Hans Riebsamen in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Es ging rasch voran. Bereits im Frühjahr 2006 wurde die museologische Erneuerung der Historischen Villa Metzler mit einer bedeutenden Förderung ermöglicht. Eigene Projekte wurden vorbereitet. Im folgenden Jahr wurden die ersten Stadtteil-Botschafter und Stadtteil-Historiker aufgenommen. Der Deutschsommer wurde durchgeführt. Diese Projekte verdankten ihre Entstehung den rund 400 Gesprächen, die Vorstand und Mitarbeiter der Stiftung in dieser Zeit in der Stadt führten.

Auch wenn im Jahr 2008 die Lehman-Krise das Vermögensmanagement vor besondere Aufgaben stellte, weil es kurz nach dem Start schon die erste Krise an den Finanzmärkten zu bewältigen galt, wurde das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern in Zusammenarbeit mit dem Hessischen Kultusministerium und der Stadt Frankfurt aufgebaut. Es bildete zusammen mit dem Deutschsommer die erste »Projektkette« der Stiftung. In diesem Jahr entdeckte Mr. X die Stiftung. Bis heute fördert der Mäzen, der anonym bleiben möchte, ihre Arbeit durch bedeutende Spenden. 2008 war die junge Stiftung bereits in vollem Schwung. Weitere Projekte wurden aufgenommen. Nach anderthalbjähriger Vorbereitung starteten die Willkommenstage in der frühen Elternzeit, ein Projekt zur Stärkung junger Familien direkt nach der Geburt ihres Kindes, das in Zusammenarbeit mit den Familienbildungsstätten in Frankfurt entwickelt worden war.

Mit der Konzertpädagogik und dem Opernstudio stieg die Stiftung in die Musikförderung ein. Die Förderung des wissenschaftlichen Spitzennachwuchses nahm sie im selben Jahr mit dem vor allem naturwissenschaftlich ausgerichteten Main-Campus-Stipendiatenwerk auf. Als Prof. Dr. Klaus Ring Ende 2008 planmäßig als Vorstandsvorsitzender aus dem Vorstand ausschied, hatte die Stiftung alle fünf Themenfelder mit eigenen Projekten bestückt.  In Anknüpfung an die polytechnische Tradition wurde 2009 gemeinsam mit der Handwerkskammer Frankfurt-Rhein-Main die Samstagsschule für begabte Handwerker gegründet. Ihre Vorläuferin, die Freie Sonntagsschule für Handwerker, war das erste Projekt der Polytechnischen Gesellschaft im Jahr 1817 gewesen.

Mit der Bürger-Akademie ergänzte die Stiftung ihre Projekte im Bereich Bürgerengagement. Auch diese Initiative war das Ergebnis eines anderthalbjährigen Vorbereitungsprozesses gemeinsam mit 23 Ehrenamtsorganisationen in Frankfurt. Nach fünfjähriger Aufbauzeit, im Jahr 2010, hatte die Stiftung ihre Reiseflughöhe erreicht. 2011 wurde die naturwissenschaftliche Projektkette noch um den Polytechnik-Preis für die Didaktik der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik erweitert. Zur freudigen Überraschung des engagierten Stiftungsteams mehrten sich Besuche auswärtiger Delegationen, die Interesse an der Übernahme der neuen Stiftungsprojekte zeigten. In den Jahren 2010 bis 2013 wurden der Deutschsommer und das Diesterweg-Stipendium an fünf andere Standorte transferiert. Lokale Verankerung und Außenwirkung schlossen einander nicht aus.

Gute Ideen gehen ihren Weg. Diese Karte zeigt, in welche Städte die Stiftungsprojekte mittlerweile transferiert wurden.

2011 wurde das Vermögensmanagement durch die Staatsschuldenkrise zwar erneut hart geprüft. Durch den ersten Schock von 2008 war das Team allerdings bereits krisenerprobt. Darüber hinaus gab es mit dem Bezug des neuen Stiftungssitzes im Februar 2011 in bester Innenstadtlage auch ein besonders freudiges Ereignis zu registrieren. Die Stiftung hatte das 1874 errichtete Gebäude nach intensiver Suche erworben. Nach einer behutsamen Sanierung und Renovierung verfügt sie seitdem sowohl über moderne Büroräume als auch über repräsentative Flächen für die verschiedensten projektbezogenen Aktivitäten. Eine der ersten Besucherinnen in den neuen Räumlichkeiten war die Stifterin Marga Coing, die das Management ihrer unselbstständigen Stiftung dem Team der Polytechnischen Stiftung übertrug. Wegen der in Bildungsstudien festgestellten unzureichenden Orthografiekenntnisse in der Schülerschaft entwickelte die Stiftung im Jahr 2011 den Diktatwettbewerb Frankfurt schreibt!, der 2012 auf Hessen ausgeweitet werden konnte.

2012 fand zum ersten Mal ein großer Alumnitag auf der Wegscheide statt. Mittlerweile engagieren sich zahlreiche Alumni der ersten Generationen als Referenten und Mentoren in aktuellen Programmen der Stiftung. Die folgenden Jahre bis 2015 waren durch weitere Projekttransfers in andere Städte geprägt. Mit den Babylotsen wurde die Projektkette im Bereich der Familienbildung um ein wichtiges Glied erweitert. Gemeinsam mit dem Sozialdezernat der Stadt und befreundeten Stiftungen stellte die Stiftung in wenigen Wochen die Koordinierungsstelle für ehrenamtliche Flüchtlingshilfe »Frankfurt hilft!« auf die Beine. 2016 folgte das Kolleg für junge Talente, ein Studium generale für vielseitig interessierte und talentierte Schülerinnen und Schüler, das an die polytechnischen Ideen anknüpft und zugleich die Projektkette mit den Stadtteil-Botschaftern ergänzt.

Unsere Arbeit in Zahlen seit Stiftungsgründung

  •  19 operative Leitprojekte
  • 120.000 Frankfurter Bürger gefördert
  • 1.900 Stipendiaten in acht Programmen
  • 37 Stiftungen als Partner bundesweit
  • 200 Partnerorganisationen
  • 80 Mio. Euro Ausgaben für Satzungszwecke
  • 32 Mio. Euro Eigenkapitalstärkung
  • 447 Mio. Euro Stiftungskapital

*Stand: 1.1.2020

Die beiden Jahre 2015 und 2016 waren auch für das Vermögensmanagement von wichtigen Weichenstellungen geprägt. Durch die Einstellung eines ersten Mitarbeiters in diesem Bereich war es möglich, die Einbringung eines großen Teils des Stiftungsvermögens in einen Spezialfonds vorzubereiten und umzusetzen. Mit dieser Maßnahme wurde das Instrumentarium zur Steuerung von Risiken aus der Vermögensanlage weiter professionalisiert.

Als im November 2016 die Polytechnische Gesellschaft e. V. unter der Führung ihres Präsidenten Walther von Wietzlow ihr 200-jähriges Jubiläum beging, konnte die noch junge Stiftung als bereits herangewachsene Tochter gratulieren. Nach dem plötzlichen Tod des Präsidenten im Oktober 2017 sicherte seine Stellvertreterin Dr. Birgit Sander gemeinsam mit Stiftungsrat und Vorstand die Kontinuität der Stiftung. Inzwischen sind fünf Stiftungsprojekte an 23 auswärtige Standorte »exportiert« worden. Die Stiftung hat sich zu einer kooperativen Stiftung weiterentwickelt. Mit dem im Jahr 2019 ins Leben gerufenen Digitechnikum, einer Plattform für junge IT-Talente in Frankfurt, wurde ein weiteres Glied der Projektkette im Bereich Naturwissenschaft und Technik hinzugefügt. Im selben Jahr erzielte das Vermögensmanagement mit 10,2 Prozent die bei Weitem höchste Performance in der Geschichte der Stiftung. Damit wurde auch der reale Kapitalerhalt erreicht.

»Die Stiftung hat sich zu einer kooperativen Stiftung weiterentwickelt.«

Im Jahr 2020 startete die Stiftung neben den 19 operativen Leitprojekten, die auch unter Corona-Bedingungen weitestgehend fortgeführt werden konnten, zwei neue operative Projekte in bester polytechnischer Tradition: Während sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projekts Nachhaltigkeitspraktiker den Bereichen Umwelt, Konsum und Nachhaltigkeit widmen, stellt das Projekt Junge Paulskirche ein Schülerforum zu den Themen Demokratie und Verfassung dar.
 
Zudem wurden wurden auf Initiative des seit 2018 amtierenden Präsidenten der Polytechnischen Gesellschaft e. V., Prof. Dr. Dr. h. c. Volker Mosbrugger, neun ehemalige Stipendiaten der Stiftung als »junge Polytechniker« in die Polytechnische Gesellschaft e. V. aufgenommen. Damit schloss sich im 15. Jubiläumsjahr der Stiftung ein Kreis.

Die weltweite Corona-Epidemie hat die Stiftung herausgefordert. Diese hat elastisch reagiert, ihre Arbeit größtenteils digital und mobil von zu Hause aus fortgesetzt und ihre verschiedenen Programme rasch an die neue Situation angepasst. Umso schöner, dass eine besondere Überraschung zur richtigen Zeit kam: Zum Stiftungsjubiläum spendet "Mr. X" – ein Bürger, der anonym bleiben möchte und bereits seit 2007 ein treuer Weggefährte der Stiftung ist – 100.000 Euro. Die Spende soll für das Präventionsprojekt Willkommenstage in der frühen Elternzeit eingesetzt werden. Die Willkommenstage unterstützen Familien, um die Bindung zwischen Eltern und Kind in den wichtigen ersten zwölf Lebensmonaten zu festigen. Seit Projektstart haben über 1.000 Personen von den Willkommenstagen profitiert. 

Gleichwohl ist die Pandemie unbestreitbar eine echte Prüfung, insbesondere auch für das Vermögensmanagement der Stiftung, das allerdings mit seiner umsichtigen Strategie der Diversifizierung auch gegen unvorhersehbare Krisen gut gewappnet ist. So hat das Vermögensmanagement in den ersten 15 Jahren der Stiftung insgesamt 80 Millionen Euro für die Entfaltung von Menschen mit Potenzial aus den verschiedensten Milieus zur Verfügung stellen können. Hinzu kommen über 1.201 Projekte Dritter, die durch Förderungen der Stiftung ermöglicht wurden.

Kann man die Arbeit der Stiftung auf einen Begriff bringen? Christiane Mettlau, Erziehungswissenschaftlerin an der Universität Hamburg, hat den Versuch gemacht. Herausgekommen ist eines jener langen und komplexen Komposita, wie sie die deutsche Sprache hervorbringen kann, die aber alles unter einem Dach versammeln:

»Potenzialentfaltungsgemeinschaft.«

Über die Autoren

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer leiten die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main. 

Stipendiaten und Alumni im Porträt