26. März 2019

10 Jahre Bürger-Akademie: Qualifizierung und Vernetzung

von Jens-Ekkehard Bernerth

Seit zehn Jahren werden herausragende Frankfurter Ehrenamtliche im Rahmen der Bürger-Akademie vernetzt und qualifiziert. Der Vorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, blickt zurück, und Projektleiter Konrad Dorenkamp wagt im Interview einen Ausblick auf die Zukunft des Programms und teilt besondere Momente.

Foto: Dominik Buschardt


Ihre Geburtsstunde hatte die Bürger-Akademie im November 2006. Die damals ein Jahr alte Stiftung trug sich in das Goldene Buch der Frankfurter Stiftungen im Kaisersaal ein. Anschließend standen die Stiftungsväter und die geladenen Gäste im Foyer des Kaisersaals zusammen.

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt erinnert sich: "An einem der Stehtische stand ich zufälligerweise, vielleicht auch nicht ganz zufälligerweise, zusammen mit Stefan Cornel von der Freiwilligen Feuerwehr, der wie immer in seiner schicken Uniform gekommen war, außerdem mit Thomas Sittler, damals Vorsitzender des Stadtverbandes der Vereinsringe, mit Jan Lamprecht, damals Vorstandsmitglied des Frankfurter Jugendrings, und unserer jungen Mitarbeiterin Dr. Tina Kühr, die damals das Stadtteil-Botschafter-Projekt aufbaute. Viele Menschen aus der Frankfurter Ehrenamtsszene, aus Verbänden, Vereinen und den Kirchen, waren vor Ort, und so kamen wir an diesem Stehtisch auf die Idee, ein weiteres Projekt für das Frankfurter Ehrenamt auf den Weg zu bringen."

Aus dieser Idee sollte schließlich die Bürger-Akademie werden. "Es war die schlichte Idee, dass die verschiedenen großen Organisationen, Wohlfahrts- und Hilfsorganisation, Kirchen, Zusammenschlüsse von Vereinen, auch die Stellen der Stadt Frankfurt, die mit dem Ehrenamt unter dem Bürgerengagement zu tun haben, ein Interesse daran haben müssten, ein gemeinsames Projekt zu haben, in dem sie besonders aktive Menschen ihrer Organisationen zusammenbringen, sodass es immer einen gemeinsamen Jahrgang von Frankfurter Ehrenamtlern gibt", erläutert Prof. Dr. Kaehlbrandt. "Dieser Jahrgang sollte sich dann gut kennenlernen, und seine Mitglieder sollten mehr wissen über die anderen Organisationen und damit auch über die Leistungen, Herausforderungen und Chancen des Ehrenamtes in Frankfurt. Vor allem aber sollte eine kreative, inspirierende Gemeinschaft von Ehrenamtlern entstehen, die sich gegenseitig stärken und ihre Stärke später wieder in ihren eigenen Organisationen zurückgeben. Und ein dritter Aspekt, der sich im Laufe der Gespräche über diese Idee herauskristallisierte: Es sollte den ausgewählten Ehrenamtlern eine Anerkennung zuteilwerden, indem sie als Bürger-Akademiker einen Ehrentitel tragen."

Seitdem wurden 133 Ehrenamtlerinnen und Ehrenamtler in sechs Generationen zu Bürger-Akademikern ernannt. 

Interview mit Projektleiter Konrad Dorenkamp

Seit 2010 zeichnet Konrad Dorenkamp für die Betreuung der Bürger-Akademie verantwortlich. Im Gespräch erklärt er die Besonderheiten des Programms und gibt einen Ausblick auf die Zukunft.

Was zeichnet Ihrer Meinung nach die Bürger-Akademie besonders aus?

Die Bürger-Akademiker schätzen besonders die Vielfalt in der Teilnehmerschaft; sie sind neugierig auf neue Gleichgesinnte. Weiterhin schätzen sie die inspirierenden "Entwicklungsräume", die bewirkt werden durch Wertschätzung, Ambiente, relevante Inhalte, methodenreiche Trainer und viel Austausch untereinander.  

Was ist für Sie der wichtigste Aspekt der Bürger-Akademie?

"Die Mischung macht’s." Die Vermittlung von Fortbildungsinhalten ist immer verbunden mit dem sozialen Aspekt des Lernens – zum Beispiel lernt man in der Bürger-Akademie einiges an Phänomenen in  Gruppen und Teams, darüber, wovon ihr Funktionieren abhängt, welche Entscheidungsformen es gibt etc. In der Bürger-Akademie erleben die Teilnehmer dies am eigenen Leib, weil sie in jedem Seminar als Gruppe Aufträge bearbeiten. Durch diese Gruppenarbeit wird erfahrbar, was gemeint ist. Das ist viel wirksamer, als es in einem noch so schlauen Buch zu lesen.

Außerdem: Die Bürger-Akademie ist ein Programm für besondere Menschen im freiwilligen Engagement, die ein Jahr lang regelmäßig zusammenkommen und dadurch einen gemeinsamen Geist entwickeln. Sie sind ab da über ihre Funktion im jeweiligen Ehrenamt hinaus Bürger-Akademiker. Sie verstehen sich als eine besonders geehrte, aber auch impulsgebende, besonders verantwortliche Gruppe von Frankfurter Bürgern.

Inwiefern befähigt die Bürger-Akademie die Teilnehmer?

Durch vielerlei Methoden und Techniken für den Alltag im Ehrenamt – von der Planung einer überzeugenden Argumentation über Steuerungswerkzeuge für Entscheidungsprozesse bis hin zu konstruktiven Ansätzen für die Analyse und Bewertung von schwierigen Situationen oder gutes Management. Abgesehen von dieser handwerklichen Seite befähigt die Bürger-Akademie auch durch Stärkung und Ermutigung, bewirkt durch den immer ein bisschen verwöhnenden Rahmen der Veranstaltungen, aber auch durch die Solidarität und den gegenseitigen Zuspruch unter den Teilnehmern.

Hat sich das Projekt im Verlauf der zehn Jahre verändert?

Ja. Die einzelnen inhaltlichen Bausteine wurden immer mehr verfeinert und aufeinander abgestimmt. Mittlerweile ist das Programm der Bürger-Akademie "aus einem Guss". Die Seminare bauen aufeinander auf, nehmen aufeinander Bezug, ermöglichen Vertiefungsschleifen und sinnvolle Verknüpfungen. Zum Beispiel wird der "Perspektivwechsel" als Methode in der Ideenwerkstatt vorgestellt, um durch einen gedanklichen Umweg den Blick auf die Möglichkeiten etwa bei der Planung eines Projekts zu verbessern. In einem Akademischen Seminar wird deutlich, dass es in der Diskussion um Heimat und Integration wichtig ist, die Perspektive anderer zu erkennen und zu verstehen. Also auch hier: Perspektivwechsel, und zwar nicht als Technik, sondern als Voraussetzung für gutes Zusammenleben. Bei einem Beratungsabend schließlich hilft eine Form des Rollenspiels, die herausfordernde Situation im eigenen Ehrenamtsgremium besser zu durchschauen und zu bewerten – auch das funktioniert durch Perspektivwechsel.

Gibt es Zukunftspläne oder Änderungsvorhaben?

In Winterhalbjahr hat das INBAS Sozialforschungsinstitut die Bürger-Akademie evaluiert. Nach Interviews mit Bürger-Akademikern und Beiräten hat sie Empfehlungen ausgearbeitet. Diese werden wir im Beirat bewerten. Wir selbst möchten zum Beispiel gern das inhaltliche Angebot für die Alumni etwas erweitern.

Was sind zwei für Sie besonders herausragende oder wichtige Momente in den Jahren gewesen?

Mit der Übernahme eines eigenen Ehrenamtes in einem Vereinsvorstand vor einigen Jahren habe ich ein Lernfeld dazugewonnen, das ich eigentlich für meine Funktion als Projektleiter eines Programms zur Fortbildung im Ehrenamt unbedingt brauche. Ich verstehe jetzt noch viel besser die Belange der Bürger-Akademiker und die Herausforderungen, vor denen sie im Alltag stehen. So  kann ich noch viel genauer Inhalte planen, die nützlich sind.

Das zweite Erlebnis: Als ausgebildeter Spiel- & Theaterpädagoge habe ich irgendwann begonnen, selbst als Referent in der Bürger-Akademie ein Angebot zu machen: Die Ideenwerkstatt nämlich, in der es darum geht, sich als spielerischen, kreativen Menschen wiederzuentdecken. Das ist für mich eine sehr erfüllende Aufgabe.