19. September 2018

10 Jahre Willkommenstage: Ganz wunderbar

von Jens-Ekkehard Bernerth

Kinder kugeln sich vergnügt quiekend den kleinen Hang hinunter. Ein Geschwisterpaar spielt Fangen. Andere sitzen bei ihren Eltern auf dem Schoß, naschen an ihrem Kuchen und lauschen gebannt den Unterhaltungen der Erwachsenen. Denn beim Familienfest der Willkommenstage im Palmenhaus im Palmengarten gibt es viele schöne Geschichten zu hören.

Foto: Dominik Buschardt


Es ist ein herzliches Miteinander. Die Betreuer, Kinder und Eltern mögen sich, es werden viele Herzlichkeiten ausgetauscht, Neuigkeiten mitgeteilt oder aber gemeinsam in Erinnerungen geschwelgt. Denn die Willkommenstage gibt es nun schon seit zehn Jahren. Zehn Jahre, in denen zum einen viel Halt, Kraft und Durchhaltevermögen gespendet wurde, zum anderen aber auch angehenden Eltern eine unbezahlbare Hilfestellung gegeben wurde. "Ich habe fünf Kinder, davon sind drei hier geboren. 2012 waren wir bei den Willkommenstagen dabei, Frau Weimer von der Stiftung hat uns sehr geholfen und unterstützt, hier im System zurecht zu kommen. Als meine Frau schwanger war, wurde für uns eine Hebamme organisiert. Alles, was wir nicht verstanden haben, wurde uns erklärt", berichtet ein Vater.

Dabei hört die Unterstützung nicht an der Haustüre auf. Es kam schon öfters vor, dass die Mitarbeiterinnen mit in den Kreißsaal gingen und bei der Geburt die Mütter unterstützen. Für beide - Mutter wie Betreuer - ein ganz besonderer Moment. 

Herzlichkeit wie in einer Familie

Doch wie kommt es dazu, dass vermeintlich fremde Menschen in so einer intimen Situation gebeten werden, die werdenden Mütter zu begleiten? Die Antwort lautet Herzlichkeit. "Für mich sind die Mitarbeiter der Willkommenstage wie eine Familie gewesen. Ich habe mich sofort wohl gefühlt. Die Damen waren immer dabei, haben mir so viel geholfen. Besonders schön war, dass sie bei der Geburt meines Sohnes dabei waren. Ich habe so viel mitgenommen, wie man das Kind ernährt, auf die Gesundheit zu achten, Entspannungsübungen, einfach alles."

Das Wort Familie fällt oft im Zusammenhang mit den Willkommenstagen. Eine Familie aus Afrika erklärt: "Die Willkommenstage sind perfekt für die Integration. Ich habe dort mein Deutsch sehr verbessert und viel gelernt. In Afrika hat man die Familie um sich, die der werdenden Mutter beibringt, wie man mit dem Neugeborenen umzugehen hat. Durch die Familie lernt man das dort. Hier waren für uns die Willkommenstage der Familienersatz." Der Mann ergänzt: "Als frischgebackener Papa hatte ich viele wertvolle Momente bei den Veranstaltungen, habe viel gelernt und mitgenommen, was den Umgang mit den Kindern angeht und worauf man achten muss. Beispielsweise haben wir gelernt, dass Vorlesen für Kinder sehr wichtig ist. Seitdem haben wir immer Bücher im Kinderzimmer, damit sie sich dran gewöhnen und es normal für sie ist."

Sozialer Mittelpunkt

So verwundert es nicht, dass alle befragten Familien die regelmäßigen Veranstaltungen genossen haben. Zum einen, weil sie viel gelernt haben, zum anderen, weil sich im Laufe der Zeit Freundschaften mit anderen Teilnehmern entwickelt haben und so die Willkommenstage ein sozialer Mittelpunkt im Leben der Familien geworden sind. Dass die Pädagogen auch bei bürokratischen Hürden helfen, versteht sich von selbst. Doch viel wichtiger ist das, was sie den Müttern mitgeben: Halt und Bestätigung, wie eine Mutter berichtet: "Das Wichtigste für mich aus den Willkommenstagen war die Gewissheit, dass es viele verschiedene Wege gibt, etwas richtig zu machen. Wir sind ganz jung Eltern geworden, wussten gar nicht, was auf uns zukommt. Und was wir im Endeffekt gelernt haben, ist, dass es viele verschiedene Möglichkeiten gibt, es selbst zu machen, und jede davon ist irgendwie gut. Jeder macht es anders, und man soll auf sein Gefühl hören. Das haben wir auch so beigebracht bekommen, und wir wurden immer wieder darin bestärkt, dass wir gute Eltern sind. Das hat uns so viel Kraft gegeben, das war das Allerwichtigste. Das war in jeder Hinsicht ganz wunderbar."

Viele der befragten Willkommenstage-Familien assoziieren das Projekt der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, das in Kooperation mit der Katholischen Familienbildung Frankfurt, dem Internationalen Familienzentrum e. V., dem Zentrum Familie / Haus der Volksarbeit e. V. sowie dem FrauenGesundheitsZentrum e. V. als Träger der Familienbildung im KiFaZ Fechenheim durchgeführt wird, mit dem Wort "Familie". Ein Kompliment, das schöner nicht sein kann, findet auch Melanie Weimer, die das Projekt von Beginn an betreut und die sich über das Wiedersehen immens freut: "Es ist total berührend, alle Familien jetzt auf einem Fleck zu haben. Ich habe ja alle Familien in allen Durchgängen kennengelernt, und jetzt sehe ich zehn Jahre alte Willkommenstage-Babys wieder, Familien, die mir um den Hals fallen. Das und die riesige Resonanz auf die Einladung ist einfach schön. Es zeigt auch, dass die Familien positive Erinnerungen mit den Willkommenstagen verknüpfen." Für Frau Weimer zeichnet das Programm vor allem die intensive Beziehungsarbeit der Betreuer mit den Familien aus: "Wenn man im ersten Lebensjahr gemeinsam durch die ganzen Aufregungen geht, das verbindet und schweißt zusammen."

Austausch und Bestärkung

Nicht nur die Begleitung, auch der Austausch und der Kontakt der Willkommenstage-Familien untereinander ist ein wichtiger Baustein des Programms, wie eine Mutter betont: "Von Anfang an war es schön, dass man sich alle zwei Wochen mit den Müttern austauschen konnte. Wirklich perfekt gelöst. Besonders wertvoll war es für mich, wenn die Papas mit waren. Das brachte dann gleich eine komplett andere Atmosphäre. So konnte man auch sehen, dass die Probleme und die Überforderung, die man vermeintlich nur selbst hat, bei anderen genauso vorhanden sind." Eine andere Mutter ergänzt: "Anfangs ist man in einer unerwarteten Situation, man fühlt sich alleine gelassen und sehr einsam. Es ist egal, wohin man guckt, man weiß nicht mehr wohin, selbst wenn man es eigentlich besser weiß. Dass es auch andere Menschen gibt, die so ähnlich empfinden, war eine sehr große Erkenntnis für mich."

Den Weg zu den Willkommenstagen haben die Familien über verschiedene Personen und Institutionen gefunden, darunter die Babylotsen, Sozialrathäuser und Familienbildungsstätten. Eine Situation hat eine Mutter ganz besonders beeindruckt: "Es wurden Spiegel auf den Boden gelegt, und die Krabbelkinder konnten sich somit selbst entdecken. Da habe ich meinen Sohn beobachtet, wie er da reingesehen und gelacht hat. Das hat mich sehr berührt. Insgesamt bin ich dank den Willkommenstagen ruhiger und geduldiger mit meinem Kind umgegangen. Ich habe das Kind so gesehen, wie es ist. So richtig mit dem Herzen.“