16. November 2016.

200 Jahre Polytechnische Gesellschaft: Interview mit dem Präsidenten

von Extern

StadtteilBotschafterin Michelle Schröder im Gespräch mit Walther von Wietzlow, dem Präsidenten der Polytechnischen Gesellschaft e. V., und seiner Stellvertreterin Dr. Birgit Sander.


Die Polytechnische Gesellschaft wird 2016 zweihundert Jahre alt. Mit welchen Zielen wurde sie gegründet?

Walther von Wietzlow – Polytechnik bedeutet "Vielfalt der Fähigkeiten". Wesentliche Zielsetzungen der Polytechniker waren von Beginn an, Lebensumstände, Leistungsfähigkeit und technischen Fortschritt der Frankfurter durch mehr Bildung und starkes soziales Engagement zu verbessern – gerade auch der bildungsferneren Schichten – so würde man heute sagen.

Unsere Gründer waren Naturwissenschaftler, Handwerker, Mediziner – eine bunte Mischung in ihrer Zeit sehr modern denkender Leute. Hohe soziale Kompetenz und humane Grundeinstellungen waren ihre Triebfedern: Die Polytechniker wollten die frühliberalen Ideen, die von der Französischen Revolution ausgingen, hier in Frankfurt als Frankfurter Bürger umsetzen. Dieser liberale Lebensentwurf der Gründer zieht sich wie ein roter Faden durch unsere 200-jährige Geschichte.

Sind die polytechnischen Ziele und Werte heute noch dieselben wie damals?

Dr. Birgit Sander – Wir sind unseren Zielen und Werten treu geblieben, bewerten sie aber vor den aktuellen gesellschaftlichen Hintergründen. Spielte etwa früher die beginnende Industrialisierung eine wichtige Rolle, ist es heute die digitale Welt. Andererseits sind Themen wie Bildung, Soziales und Innovation ungebrochen von Interesse. Auch unsere Werte – wie Toleranz, Unterstützung der Schwachen und Würdigung der Leistungsträger – sind zeitlos. Auf dieser Ebene überlegen wir uns, was man für eine Stadtgesellschaft tun kann, die heute multikulturell und heterogen ist.

Walther von Wietzlow – Wichtig ist dabei die Offenheit für Neues, für Menschen und Entwicklungen. Diese Offenheit wollen wir "Polytechniker" nicht nur als Plakativ mit uns herumtragen, sondern leben. Wir verstehen uns als Kinder der Aufklärung. Und die Aufklärung ist ein Prozess, der immer noch nicht beendet ist. Die Regeln der Vernunft und der Toleranz entwickeln sich weiter, und deshalb ist die so verstandene Aufklärung heute noch genauso aktuell wie 1816.

Auf welche Weise setzt die Gesellschaft heute die polytechnischen Werte um?

Dr. Birgit Sander – Unsere sieben Tochterinstitute verkörpern sie auf ganz unterschiedlichen Gebieten: Das Kuratorium Kulturelles Frankfurt, der Kunstgewerbe- und der Kammermusikverein stehen für Kunst und Kultur, das Institut für Bienenkunde und die Wöhler-Stiftung für Wissenschaft und Technik und die Frankfurter Stiftung für Blinde und Sehbehinderte für das Soziale.

Walther von Wietzlow – Und dann kommt natürlich die Stiftung Polytechnische Gesellschaft dazu, die die polytechnischen Ziele als Mehrspartenstiftung besonders effizient verfolgt. Mit den 397 Millionen Euro, mit denen sie 2005 nach dem Verkauf der Frankfurter Sparkasse von 1822 gegründet wurde, hat sie in den zehn Jahren ihres Bestehens ihre Aufgabe als "Werkbank für die Stadtgesellschaft" bestens und kreativ gelöst und ist zum operativen Arm polytechnischer Aktivitäten in der Stadt geworden.

Was war der genaue Anlass der Stiftungsgründung?

Walther von Wietzlow – Es war der Wunsch, Kräfte zu bündeln, um in den klassischen polytechnischen Bereichen Bildung, Soziales, Kultur und Wissenschaft noch mehr für Frankfurt tun zu können. Dass mein Vorgänger, Professor Dr. Klaus Ring, dazu die Gründung einer neuen Stiftung wählte, war ausgesprochen weitsichtig. Heute ist sie aus dem bürgerschaftlichen Leben Frankfurts gar nicht mehr wegzudenken – denken Sie nur an die wichtigen Projekte der Kultur- und Sprachintegration von Kindern aus den unterschiedlichen Migrantenmilieus.

Dr. Birgit Sander – Wenn man ein solches Finanzvolumen zur Verfügung hat, muss man es in professionelle Hände geben. Und diese sind beim Stiftungsteam gegeben.

Ist das Verhältnis zwischen "Mutter" und "Tochter" heute sehr eng?

Walther von Wietzlow – Auf jeden Fall, denn in gewisser Weise sind wir die Stiftung: Die Polytechniker sind die Stifter, und es ist Geld der Polytechnischen Gesellschaft, das in die Gründung der Stiftung geflossen ist. Es gibt eine Stifterversammlung als höchstes Gremium, und alle Mitglieder der Polytechnischen Gesellschaft gehören ihr an. So entsteht ein ganz enges Band der Identifikation. Auch die Verzahnung zwischen den Ämtern ist eng und die Kommunikation zwischen den Gremien der Stiftung und der Polytechnischen Gesellschaft ist sehr intensiv und kollegial. Der Vorstand der Polytechnischen Gesellschaft ist über die Aktivitäten der Stiftung hervorragend informiert.

Dr. Birgit Sander – Außerdem profitiert die Stiftung in vielerlei Hinsicht von den Polytechnikern, weil sich viele von ihnen in der Stiftung ehrenamtlich engagieren.

Welchen Zukunftsaufgaben will sich die Polytechnische Gesellschaft stellen?

Dr. Birgit Sander – Wir wollen zunächst die Mitglieder der Gesellschaft noch stärker miteinbeziehen. Unter ihnen gibt es so viele kluge Leute und Experten auf unterschiedlichsten Gebieten – ihren Ideen und Gedanken würden wir gerne Raum geben.

Walther von Wietzlow – DiePolytechnische Gesellschaft, ihre Mitglieder und ihre sieben Tochterinstitute verstehen sich nach wie vor als Impulsgeber für Innovationen. Wir wollen Fortschritt fördern, gesellschaftliche Notwendigkeiten erkennen und entsprechend reagieren.

Wie kann die Stiftung Sie dabei unterstützen?

Dr. Birgit Sander – Ich kann mir die Stiftung sehr gut als Impulsgeber und in manchen Bereichen auch als Berater für die Polytechnische Gesellschaft vorstellen.

Walther von Wietzlow – Das ist immer ein Dialog und ein Miteinander. Die Stiftung hat mir ihren kreativen und professionellen Mitarbeitern weitergehende Möglichkeiten, Entwicklungen einzuleiten, als wir, die wir ausschließlich ehrenamtlich tätig sind. Gemeinsam wissen wir, dass gerade das 21. Jahrhundert ein starkes, vielfältiges Bürgertum benötigt.

Dieser Text stamm aus der Ausgabe 2/2016 der Polytechnik, dem Stiftungsmagazin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Sie finden Sie zum Download in unserer Mediathek. Ein kostenfreier Postversand der Druckausgabe ist ebenfalls möglich. Schreiben Sie uns dafür eine E-Mail an info@sptg.de mit Angabe Ihrer Anschrift.

(Bild: Philip Eichler)