Frankfurt im März 2021. Getreu dem Jahresmotto "unverdrossen!" hat das Stiftungsteam alles darangesetzt, im anhaltenden Lockdown mit digitalen Angeboten an der Seite der Geförderten zu sein. Denn gerade jetzt ist eine tatkräftige Unterstützung und Begleitung der Frankfurter Bürgergesellschaft durch die zahlreichen gemeinnützigen Aktivitäten der Polytechnischen Stiftung wichtiger denn je. 

Foto: Dominik Buschardt


Das Sprachförderprojekt Endspurt, eine Fortsetzung des Deutschsommers, fand Anfang Januar für 71 Grundschulkinder komplett digital statt. Als besonders erfolgreich erwies sich dabei folgender Methoden-Mix: Unser Team brachte jedem beteiligten Kind ein Lern-Päckchen persönlich nach Hause; darin befanden sich ein Lesebuch, Stifte, Rätsel, Knobelaufgaben und Spiele. Daran schlossen sich digitale Lernstunden (Link auf Instagram) mithilfe einer Messenger-App an, die auf dem zugesandten Material aufbauten. Unserem engagierten Team kamen ein großer Enthusiasmus der Kinder und eine große Dankbarkeit der Eltern entgegen. Die Kinder waren teilweise wie ausgehungert nach Bildung! Kein Kind ging verloren.

Im Diesterweg-Stipendium für Kinder und Eltern verliefen die Beratungen zum Wechsel der Kinder auf die weiterführende Schule vollständig digital. Dabei kamen auch ältere ehemalige Diesterweg-Stipendiaten zum Einsatz. Sie konnten in einer Schülerfragestunde kundigen Ratschlag aus erster Hand geben. Die Stadtbücherei Frankfurt zeigte herausragendes Engagement und bot den Stipendiatenfamilien ein mehrteiliges digitales Orientierungsseminar über die Nutzungsmöglichkeiten der Bibliothek an. Derzeit wird bereits ein Osterferienkurs für die Geschwister der Stipendiaten im Museum Giersch vorbereitet. Unser Frankfurter Diesterweg-Team hat inzwischen eine kleine Online-Schule aufgebaut: Das fünfteilige Online-Programm bietet Themen wie Weltwissen, Tagesnachrichten für Kinder, Deutsch als Zweitsprache, Rechtschreibung und Leseförderung. Inzwischen wurden alle Diesterweg-Familien mit Tablets ausgerüstet. 

Ansporn zur rechten Zeit

Ein gut vorbereitetes und deshalb auch gelungenes Experiment war der erste rein digitale Standorttag des Diesterweg-Stipendiums mit dreizehn Standorten aus Deutschland. Diesterweg-Stipendien gibt es inzwischen neben Frankfurt in Berlin-Spandau, Berlin-Marzahn, Osnabrück, Trier, Leipzig, Hannover, Hamburg, Duisburg, Dortmund, Darmstadt, Hanau und Offenbach. 52 Vertreter der Partnerorganisationen tauschten sich in einer technisch reibungslosen Konferenz lebhaft über Methoden der Bildungsbegleitung aus. Alle Standorte zeigten Beispiele digitaler Didaktik und Pädagogik, vom digitalen Theaterspiel über Diesterweg-Gartenhefte mit vielfältigen Anregungen zur sprachlichen Vertiefung und digitale Elterncafés bis hin zu hybriden Formaten, die drinnen und draußen kombinieren, indem Diesterweg-Kinder beispielsweise zu Experten ihres Stadtteils werden und dazu digitale Beiträge erstellen und teilen. Querstehend zu allem: die Notwendigkeit digitaler Grundbildung im Sinne einer digitalen Lebenskompetenz der Familien.

Ein schönes Symbol der Arbeit des Stipendiums schuf die Koordinatorin des Diesterweg-Projekts für Flüchtlingsfamilien in der Flüchtlingsunterkunft Frankfurt-Bonames, Laetitia ten Thije: Aus Knetmasse formte sie einen Anker mit Flügeln. Dazu passend war ein persönlicher Videogruß von First Lady Elke Büdenbender – Ansporn und Ermutigung zur rechten Zeit. Denn anstrengend ist es, sich stets neu zu erfinden.  

 

Frühe Hilfen wichtiger denn je

Die Projekte der Stiftung im Bereich der Frühen Hilfen sind in der jetzigen Lage wichtiger denn je. So war es denn besonders erfreulich, dass die wissenschaftliche Evaluation des Präventionsprojekts Babylotse sehr gute Ergebnisse erbrachte. Am 4. Februar resümierte die Leiterin der Studie, Prof. Dr. Sabine Andresen, Goethe-Universität Frankfurt, in einer vielbeachteten Pressekonferenz die Ergebnisse. Fazit:  Die Elternansprache durch die Babylotsinnen in den Geburtskliniken gelingt. Die Überleitungen in passgenaue und möglichst wohnortnahe Angebote gelingen ebenfalls. Und auch das Brückenbauen an der Nahtstelle von Gesundheitswesen und Sozialsystem funktioniert. "Das richtige Projekt zur richtigen Zeit am richtigen Ort," fasst Prof. Dr. Andresen die Studienergebnisse bei deren Vorstellung zusammen.  Das freut die beteiligten Stiftungen und die Stadt.

Auch in den Willkommenstagen in der frühen Elternzeit, die gleich nach der Geburt ansetzen und sogenannte Schwellenfamilien in ihrer Erziehungskompetenz und der Bewältigung ihres Alltags stärken, wurde alles darangesetzt, um Kontakt zu den Familien zu halten. Überraschend und erfreulich war auch hier der Erfolg digitaler Müttercafés, die teilweise stärker genutzt wurden als die analogen Formate zuvor. Die Online-Treffen sind im Lockdown zur wichtigsten Begegnungsmöglichkeit mit den betreuten Familien geworden. Für eine Teilnahme reicht ein einfaches Smartphone aus, und darüber verfügen fast alle Familien. 

Nur ein Fehler

Was die Sprachförderung der Stiftung betrifft, so wird derzeit der Deutschsommer vorbereitet. Im Projekt Meine Zeitung nehmen 33 Schulklassen in rein digitalem Format teil, das sind rund 850 Schüler. Im Rahmen des Rechtschreibwettbewerbs Deutschland schreibt! fand Ende Januar ein digitaler Trainingstag mit immerhin 80 Teilnehmern statt, und vom 25. bis 28. März nahmen 290 Sprachbegeisterte am lokalen Online-Wettbewerb Frankfurt schreibt! teil, deutlich mehr als sonst am analogen Format. Mit nur einem Fehler siegte Dr. Dierk Wolters, Redakteur der Frankfurter Neuen Presse. 

Smarter Kühlschrank

Im naturwissenschaftlich-technischen Bereich arbeiten die 16-, 17-jährigen Stipendiatinnen und Stipendiaten des Digitechnikums, unserer Werkstatt für junge IT-Talente, unverdrossen unter Nutzung mehrerer digitaler Plattformen an ihren Projekten, darunter ein smarter Kühlschrank und ein Nachhaltigkeits-Tracker. Die neuen Stipendiaten des wissenschaftlichen Stipendienprogramms Main-Campus stellen sich heute mit ihren Forschungsthemen vor. Als Gastredner wird Prof. Dr. Jürgen Bereiter-Hahn, Polytechniker und Zellbiologe, die Veranstaltung mit einem Video-Vortrag zum Thema "Wissenschaft und Verantwortung" einrahmen. Der Frankfurter Stadtverordnetenvorsteher Stephan Siegler wird eine -Rede über "Die Seele Frankfurts" beisteuern. Unterdessen haben die Stipendiatinnen und Stipendiaten auch ein eigenes interdisziplinäres Kolloquium auf die Beine gestellt, selbstverständlich online. 

Klicks für den Chor

Im kulturellen Bereich erfreuen sich die sogenannten Maskenkonzerte in den Kitas wachsender Beliebtheit. In der Kulturförderung Dritter tat sich die Stiftung im März mit der Crespo Foundation, der Grunelius-Stiftung und der Aventis Foundation zusammen, um den Notfallfonds des Kulturdezernats für freie Kulturschaffende mit einem weiteren substantiellen Betrag zu unterstützen. Die Stiftungen brachten 130.000 Euro zusammen, die Stadt erhöhte auf 300.000 Euro. Frankfurter Bürgersinn. 

Im Projekt Jazz und Improvisierte Musik in die Schule! werden digitale Lehrerfortbildungen und Jazz-Training-Sessions für Schüler mit Jazz-Standards zum Nachspielen angeboten. Und die Stiftungsband Plan Zehn hat zwei neue Songs eingespielt: "The long and winding road", gesungen von dem neuen Band-Sänger, dem 18-jährigen Luca Kron, und "I wish", stimmgewaltig dargeboten von den bewährten Band-Sängerinnen Lara Cadiz und Sophia Ortiz. Zu sehen sind diese Filme auf dem Youtube-Kanal der Stiftung, gemeinsam mit häufig angeklickten musikalischen Beiträgen des Stiftungschors.

Zur kulturellen Bildung gehört auch das Projekt Stadtteil-Historiker, in dessen Rahmen am 16. Januar der Tag der Geschichte erstmals digital stattfand. Gastredner war der Frankfurter Schriftsteller Martin Mosebach mit einem stilvollen Vortrag über die Geschichte, Stadtentwicklung und Architektur Frankfurts. Frankfurts. Der im Oktober 2020 aufgenommene achte Jahrgang hat sich unkompliziert in die digitalen Formate des Projekts, die Werkstattgespräche und die monatlichen Zoom-Treffen, eingefunden. In Bad Homburg startete im März der erste Jahrgang mit fünf Pionier-Stipendiaten.

Vielfältiges Bürgerengagement 

Auch in der Hinführung zum Bürgerengagement ist die Stiftung alles andere als untätig. Im Kolleg für junge Talente stieß der Vortrag des Ökonomen Wolfgang Graf Vitzthum über die Frage, ob Deutschland in die Schuldenfalle laufe, auf großes Interesse. Neun ehemalige Diesterweg-Stipendiaten im Alter von 15 bis 16 Jahren nehmen seit Februar mit Begeisterung an einer Sonderausgabe des Kollegs für junge Talente teil und befassen sich dabei mit Persönlichkeitsbildung, Geschichte, Grundgesetz und Naturwissenschaften.

Im März startete die Ausschreibung zu dem noch jungen Projekt Nachhaltigkeitspraktiker. Interessierte zwischen 18 und 35 Jahren, die ein selbstgestecktes persönliches Nachhaltigkeitsziel verfolgen, können dies in einem von der Stiftung begleiteten Selbstversuch unternehmen. Jungen Datums ist auch das Projekt Junge Paulskirche in dem sich 16 besonders geschichts- und politikinteressierte Jugendliche in sogenannten "Paulskirchen-Debatten" mit der Aktualität des Grundgesetzes auseinandersetzen. Am 26. Mai werden sie in der Paulskirche ihr eigenes Memorandum vorstellen.

Vom 19. bis 20. März findet der erste Teil einer deutsch-französischen Jugendbegegnung Frankfurt-Lyon zum Thema "Nachhaltige Stadt/La ville résiliente" statt. 16 junge Erwachsene aus beiden Städten befassen sich online mit Herausforderungen und Lösungsmodellen in Bereichen wie Siedlung, Infrastruktur und Mobilität. Vom 20. bis 26. Juni wird die Begegnung fortgesetzt. Partner der Stiftung sind das Goethe-Institut Lyon und die Ecole urbaine in Lyon sowie das Institut für sozialökologische Forschung in Frankfurt. 

Oldschool

Unverdrossen sind auch die Stadtteil-Botschafter am Werk. Mit großer Energie und Engagement arbeiten sie an ihren Projekten. So brachte ein Team um Stadtteil-Botschafterin Lena Schumacher bereits ein eigenes, professionell gestaltetes Jugendmagazin heraus. Der Titel: "Oldschool". Auf klassische Medien setzt auch Stadtteil-Botschafterin Lotte Haardt, die im Dornbusch den Kontakt zu älteren Menschen mit ihrer Postkartenaktion „Old but Gold“ sucht und findet. Aber auch Digitales geht: Großen Zuspruchs erfreuen sich die Online-Seminare zur Gebärdensprache von Stadtteil-Botschafterin Annalisa Weyel. Das Thema demokratische Bildung ist Stadtteil-Botschafterin Lena Sieling ein Anliegen. Die ehemalige Kollegiatin will entsprechende Projekttage für Sechstklässler anbieten und hat bereits erste Umfragen unter 12-Jährigen gestartet. 

In der Bürger-Akademie werden die digitalen Treffen unkompliziert zum Netzwerken der ehrenamtlich aktiven Stipendiaten genutzt, zuletzt das Seminar "Denkanstöße" am 20. Februar mit Prof. Sabine Andresen zu den beiden Studien "Jugend und Corona". 

Gänsehaut pur

Höhepunkt des ersten Vierteljahres war der digitale Alumni-Tag am 6. März. Die 120 Teilnehmer aller Altersgruppen aus den verschiedenen Stipendienprogrammen der Stiftung erlebten wieder einmal jene gewisse Stimmung des vorurteilslosen Zusammenkommens und der begeisternden Kreativität, die auch bei früheren Alumni-Tagen auf der Wegscheide immer wieder spürbar war. „Ein Treffen mit engagierten Menschen aus der Stadtgesellschaft, die sich kreativ mit der gegenwärtigen Situation beschäftigen und ermutigende Perspektiven ausstrahlen“, so die Erwartung einer Teilnehmerin. 98 Prozent der Teilnehmer fanden ihre Erwartungen erfüllt. „Die Altersbandbreite baute keine Hürden auf, sondern ermöglichte konstruktives Miteinander“, so eine Teilnehmerin über die Workshops. „Eine wunderschöne Gemeinschaft“, fasste ein Stipendiat die Stimmungslage zusammen.

Dass das Experiment eines digitalen Alumni-Tages gelang, lag zunächst an der präzisen technischen Vorbereitung und Durchführung auf mehreren digitalen Plattformen, die das Zusammenkommen und –arbeiten überhaupt erst ermöglichten. Dann aber auch an den inspirierenden Workshops: vom Musikworkshop mit gemeinsamem Songwriting über einen Workshop für Henna-Tattoos oder auch das gemeinsame kreative Zeichnen und Malen bis hin zum Sprechtraining und einem Grundkurs in Gebärdensprache. In einer gemeinsamen Abschlusspräsentation stellten die Stipendiaten erneut ihre schöne Kreativität unter Beweis. "Das Zusammenkommen am Ende hat Gänsehaut pur verursacht", so eine Teilnehmerin. Auch danach blieben so manche noch miteinander im Gespräch, als wär’s am Lagerfeuer. Wie sagt man? Geht doch!

Alles über 0% ist gut

Ja, es geht, aber es geht auch nur, weil sich die Stiftung noch weiter in die Digitalität hineingearbeitet hat. Mobiles Arbeiten von zuhause ist inzwischen fast schon Normalität. Ein stiftungsinternes Kernteam Digitalität fasst Vorschläge und Ideen aus dem Team zusammen, bewertet sie fachlich und diskutiert sie mit dem Vorstand. So können neue Formate rasch geprüft und bei Eignung eingeführt werden. In einer wöchentlichen „Digistunde“ werden aktuelle digitale Tools und ihre Einsatzmöglichkeiten vorgestellt. 

All das muss aber finanziert werden. Auch unter den besonders herausfordernden Bedingungen des vergangenen Jahres hat das Vermögensmanagement jedoch ein gutes Ergebnis erzielt. In der deutschen Stiftungswelt lautet derzeit ein Leitsatz: "In der Performance ist alles über 0% ein gutes Ergebnis." Die Stiftung, so viel kann jetzt schon gesagt werden, liegt darüber. Es bleibt in der kommenden Zeit freilich eine echte Herausforderung, stabile Erträge zu generieren. 

So geht die Stiftung ihren Weg an der Seite der von ihr Geförderten. Sie geht ihn derzeit digital. Sie geht ihn unverdrossen. Wie sagt man derzeit gern etwas trotzig? "Geht doch!"

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer

 

Hier finden Sie die weiteren Übersichtsartikel des Vorstands:

 

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