18. September 2020.

Auf neuen Wegen: Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft im Herbst 2020

von Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer

Die Stiftung hat sich seit März 2020 nach Kräften auf Digitalisierung und Einhaltung des Abstandsgebots eingestellt. Inzwischen wurden neue Routinen gebildet, innovative Wege des Arbeitens eingeschlagen, und zuletzt hat der Start des neuen Schuljahrs – trotz der weiterhin gültigen Corona-Auflagen – ein Stück Normalität in unruhige Zeiten gebracht. Warum die Arbeit der Stiftung gerade in diesen Zeiten besonders gebraucht wird und was aktuell konkret getan wird, davon möchten wir an dieser Stelle berichten.

Foto: Dominik Buschardt


Die Auswirkungen der Corona-Pandemie sind durchaus spürbar, aber zum heutigen Zeitpunkt in ihrem ganzen Ausmaß sicher noch nicht seriös zu prognostizieren. Klar ist, dass unsichere Zeiten auf die Gesellschaft zukommen. Die bisherigen Aussichten einer scheinbar von immer größerem Wohlstand geprägten Gesellschaft mit großen Aufstiegschancen für die junge Generation in einem durchlässigen Bildungssystem trüben sich sichtbar ein. Das Wirtschaftswachstum geht zurück. Wir kennen die Mahnrufe von Bildungsforschern und Soziologen, die vor einer Spreizung der Gesellschaft warnen, und wir wissen natürlich nicht, welche langfristigen Folgen die mehrmonatige Schließung von Kitas, Schulen oder Universitäten auf die Lebensläufe haben wird.

Ein verlässlicher Partner in turbulenten Zeiten

Was wir wissen: Die Arbeit von (Bildungs-)Stiftungen wird im Zuge der Krise an Bedeutung gewinnen. Das gilt für Förderstiftungen gleichermaßen wie für operative Stiftungen. Denn gerade in schwierigen Zeiten zeigt sich der wertvolle Beitrag gemeinnützig aktiver Stiftungen für unsere Zivilgesellschaft. Wann, wenn nicht jetzt, gilt es, flexible und kurzfristige Hilfen auf die Beine zu stellen und mit Augenmaß und Empathie auf die veränderten Situationen einzugehen? Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft ist dabei ein verlässlicher Partner für die Frankfurter Stadtgesellschaft in turbulenten Zeiten.

Auch wenn der für viele unserer Projekte so wichtige persönliche Kontakt vor ungeahnten Hindernissen steht, haben wir unsere Kräfte gebündelt und gemeinsam neue Wege gefunden, um den Kontakt zu den Menschen zu halten und in der Krise erreichbar und behilflich zu sein. Bevölkerungsgruppen, die aufgrund materieller oder sonstiger Einschränkungen nicht aus eigenen Kräften die ausbleibende Bildungsversorgung auffangen konnten, wurden durch spezielle Angebote unterstützt.

Neue und erweiterte Angebote

In unseren Familienbildungsprojekten den Willkommenstagen oder dem Diesterweg-Stipendium wurden neue Angebote wie Telefonmentorinnen oder auch Zoom-Cafés etabliert. Zahlreiche intensive Kleingruppengespräche wurden durchgeführt – unter freiem Himmel oder in ausreichend großen Räumlichkeiten. Der Kontakt reißt also nicht ab, was sich auch daran zeigt, dass 26 Diesterweg-Familien am Anschlussprojekt Diesterweg Plus teilnehmen.

Der Deutschsommer konnte mit einem angepassten Konzept und unter veränderten Bedingungen umgesetzt werden. Insgesamt nahmen hessenweit über 300 Kinder am Sprachförderprojekt teil. Und im Herbst wird es eine weitere Station in Frankfurt geben: einen Deutschsommer im Herbst! Eine Premiere, mit der wir auf den großen Bedarf und die zahlreichen Anmeldungen für das Projekt reagieren. Wir freuen uns drauf.

Einen kleinen Rekord gab es im Projekt Stadtteil-Historiker zu vermelden: Über 40 spannende und qualifizierte Bewerbungen sind für den Start der neuen Generation der „Bürger, die Geschichte schreiben“, eingetroffen. Eine schwere Auswahl für die Jury, die am 1. September tagte und 25 Stipendiaten für den neuen Jahrgang ausgewählt hat. Die Projekte der auslaufenden Generationen wurden in einer umfassenden Porträtserie in der Frankfurter Neuen Presse vorgestellt, eine Auswahl vergangener Arbeiten und Themen ist seit kurzem auf der neuen Website www.stadtteil-historiker.de zu sehen. Hier zeigt sich der ganze Facettenreichtum der identitätsstiftenden Arbeiten. Ein wichtiger Beitrag zur Frankfurter Stadtgeschichtsschreibung.

Besonders produktiv hat Sascha Wild die Schließzeit der Schulen und die damit verbundene Absage mehrere Schulkonzerte im Projekt Jazz und Improvisierte Musik in die Schulen genutzt. Der umtriebige Musiker und Musikvermittler hat sich kurzerhand selber in Videoproduktion geschult und mit Unterstützung der Stiftung zahlreiche Jazz-Video-Tutorials aufgenommen, die nun als Bausteine seines Projektes frei verfügbar zugänglich gemacht werden. Die neue Website finden Sie an dieser Stelle.

Am 15. August 2020 hat erstmals wieder eine „analoge“ Probe des Stiftungschores stattgefunden. Der Chor konnte einen Probentag im Biergarten des Bornheimer Ratskellers durchführen, ein weiterer folgte auf dem Gelände der Lebenshilfe Frankfurt e. V. Es waren Emotionen pur, als die Sängerinnen und Sänger endlich wieder einmal live zusammen singen konnten – wenn auch nur in Kleingruppen von jeweils 12 Personen.

Auch das Main-Campus-Stipendiatenwerk zieht es in den schönen Spätsommerwochen verstärkt an die frische Luft. Ziel ist, die Allgemeinbildung im Bereich der Geistes- und Naturwissenschaften gemeinsam zu erweitern. Die engagierten Nachwuchswissenschaftler treffen sich zu Fachexkursionen zum Weltnaturerbe Grube Messel, auf der Saalburg im Taunus oder auch zu einer gemeinsamen Wanderung entlang des ehemaligen römischen Grenzwalls Limes.

Die Bürger-Akademie vernetzt besonders aktive und verdiente Ehrenamtler und qualifiziert sie weiter. Für die - auch ohne Pandemie - vielbeschäftigten Bürgerinnen und Bürger hat der coronabedingte Umstieg auf neue, digitale Kommunikationsplattformen in der Bürger-Akademie einen regelrechten Innovationsschub entfacht. Entstanden ist ein fokussiertes und motiviertes digitales Netzwerk, das von aktuellen und ehemaligen Stipendiaten für Wissenstransfer, gegenseitige Unterstützung und Fortbildung genutzt wird.

Hybride Veranstaltungen – mit analogen und digitalen Elementen und einer damit einhergehenden Öffnung von Zugängen auf verschiedenen Wegen – sind das Mittel der Stunde. Die 17 neuen Stadtteil-Botschafter, junge Menschen, die in ihrem Viertel ein eigenes gemeinnütziges Projekt verwirklichen wollen, starteten im August mit einer hybriden Projektwoche, bestehend aus digitalen Arten des kollaborativen Arbeitens, Kleingruppentreffen an der frischen Luft und einem Abschlusstermin in den großzügigen Räumlichkeiten der Evangelischen Akademie am Frankfurter Römer. Zum Auftakt hatte sich die Gruppe vorerst digital getroffen, gemeinsam an ihren Projektideen gefeilt und innerhalb kürzester Zeit erste Kontakte geknüpft, Konzepte verfeinert und Prototypen erstellt. „Ich hätte nicht gedacht, dass über das digitale Arbeiten schon so ein Gefühl füreinander entsteht“, betonte die Projektleiterin Silja Flach. Zum Abschluss gab es dann aber doch noch ein lang ersehntes physisches Treffen mit der ganzen Gruppe. Denn auch das zeigt das neue Arbeiten: Ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht ist nicht zu ersetzen.

Das Kolleg für junge Talente hat sich erfolgreich an die neue Lage angepasst. Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus den aktuellen und zurückliegenden Generationen trafen sich unter anderem in einer Veranstaltung auf der Video-Plattform Zoom. Es war ein polytechnischer Gedankenaustausch zur Pandemiezeit. Auf die Frage nach den eigenen Handlungsmöglichkeiten in der Krise kamen Antworten wie: „Anderen aufmerksam zuhören!“, „Selber nachdenken!“ oder „Die Chance nutzen, andere Möglichkeiten auszuprobieren!“.

Gänzlich digital hat der von Studierenden der Goethe-Universität organisierte große Rechtschreibwettbewerb Die Goethe schreibt! stattgefunden. „Ich war wirklich überrascht über die vielen positiven Rückmeldungen und hatte eigentlich nicht damit gerechnet, dass so viele Leute teilnehmen“, erzählt Carina Nolting, Deutschlandstipendiatin und Mitglied des Orga-Teams. Nachdem sich ein Online-Format für den großen Rechtschreibwettbewerb an der Frankfurter Goethe-Universität bewährt hat, wird auch die bundesweite Jagd um den Titel „Rechtschreibchampion 2020“ in diesem Herbst online stattfinden. Vom 29. Oktober bis zum 1. November 2020 findet der erste Deutschland schreibt!-Onlinewettbewerb auf www.deutschland-schreibt.de statt. Alle Interessierten sind herzlich eingeladen, in der Kategorie Freie Schreiber einen kniffligen, rund 20-minütigen Text zu meistern. Auf die Gewinner warten tolle Preise – also schreiben Sie mit!

Neu: Digitalisierung, Demokratieerziehung und nachhaltige Bildung

Bis jetzt konnten unsere operativen Leitprojekte immer wieder gute Antworten auf verschiedene Bedarfslagen bieten und flexibel und dynamisch auf gesellschaftliche Krisen reagieren. Neben Klassikern wie dem Diesterweg-Stipendium oder den Stadtteil-Botschaftern finden sich im Projektmix der Stiftung Polytechnische Gesellschaft aber auch drei neue Projekte: Das Digitechnikum, eine Zukunftswerkstatt für digitale Talente, die Junge Paulskirche, ein Schülerforum zu Demokratie und Verfassung, sowie die Nachhaltigkeitspraktiker, junge Menschen, die sich gegenseitig dabei unterstützen, ihren Alltag langfristig nachhaltiger zu gestalten. Orientiert an den „Sustainable Development Goals“ der UNO setzten sich unsere drei neuen Projekte mit den derzeit relevanten Themen „Digitalisierung“, „Demokratieerziehung“ und „Nachhaltigkeit“ auseinander. Und zwar ganz praktisch und angewandt – sprich polytechnisch.

In Krisenzeiten wird flexibel und kurzfristig geholfen

Im Förderbereich konnten wir, gleich nach Ausbruch der Krise, spezielle Förderungen für weitere, besonders hart betroffene Zielgruppen auf den Weg bringen. Unser Motto wurde dabei von der Frankfurter Rundschau gut auf den Punkt gebracht: „In Krisenzeiten wird flexibel und kurzfristig geholfen“ (9. Juli 2020). Wir schlossen uns dem Künstlerfonds der Stadt und dem Corona-Fonds der Goethe-Universität an und gewannen eine weitere Stiftung mit einem großen Betrag. Ansonsten setzten wir unsere Förderarbeit fort und zeigten uns entgegenkommend bei bereits beantragten Projekten, die in der vorgesehenen Weise nicht durchgeführt werden konnten.

Auch wenn so manches im Wandel ist und die Zukunft in vielen Bereichen der Gesellschaft als ungewiss erscheint, so erweist sich das Fundament, auf dem die Stiftung Polytechnische Gesellschaft 2005 gegründet worden ist und auf dem sie in den vergangenen fünfzehn Jahren gewachsen ist, als robust und krisensicher. Zentrale Säulen sind dabei die Werte einer vernunftorientierten Aufklärung, die dem wissensbasierten sorgfältigen Urteil mit Maß und Mitte zutraut, das Bewährte zu bewahren und den Fortschritt zu fördern. Außerdem ein Fokus auf Bildung, Wissenschaft, Kultur und Bürgerengagement als Ferment einer aufgeklärten Zivilisiertheit. Und schließlich unser Anspruch, praktisch und nah an den Menschen tätig zu sein und konkrete Lösungsbeiträge für die Bürgerstadt Frankfurt zu leisten. Eben zu tun, was fehlt und nützt.

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer, 18. September 2020

 

Hier finden Sie die weiteren Übersichtsartikel des Vorstands: