12. November 2021.

Ausstellung "Kunsthandwerk ist Kaktus": "Kunsthandwerk ist auch polytechnisch"

von Axel Braun

Noch bis zum 27. März 2022 zeigt das Museum Angewandte Kunst in Frankfurt die Ausstellung "Kunsthandwerk ist Kaktus". Die Präsentation möchte anhand von über 700 Werken aus dem internationalen Bestand des Museums die eigene Sammlung des Kunsthandwerks aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts reflektieren und an den Schnittstellen zu Design und bildender Kunst untersuchen. Die Frage, was Kunsthandwerk heute sein kann, wird neu gestellt und bewertet. Gefördert wird das groß angelegte Ausstellungsprojekt von der Hessischen Kulturstiftung, der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und dem Kunstgewerbeverein in Frankfurt am Main e. V.

Foto: Rademacher/Guenzel/Museum Angewandte Kunst


Im Folgenden veröffentlichen wir Auszüge aus der Rede des Vorstandsvorsitzenden der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, anlässlich der Ausstellungseröffnung am 5. November 2021:

"Kunsthandwerk ist Kaktus. Der Titel der Ausstellung ist anregungsreich, durchaus nicht nur für kunstsinnige Menschen, sondern auch für Sprachliebhaber – was kein Widerspruch sein muss. Der Kaktus ist eindeutig eine Metapher, denn es heißt ja im Titel der Ausstellung, Kunsthandwerk ist Kaktus, und nicht Kunsthandwerk ist wie Kaktus – das wäre nur ein Vergleich; die Metapher aber überträgt ihre herausragenden Eigenschaften auf den Ausgangsbegriff und stellt ihn damit in ein neues Licht, das ihn deutlicher konturiert. Mir fiel dazu auch eine in der Linguistik vielgebrauchte Metapher aus der Werbung ein: 'Gold ist Liebe'. Die Metapher ist übrigens deutlich unterschätzt. Wir machen uns gar keinen Begriff davon, wie häufig wir sie verwenden, vom Stuhlbein bis zum Mietendeckel, ja, häufig sind Metaphern geheime Verführer, deren Einfluss wir im alltäglichen Sprachgebrauch gar nicht bemerken.

Kunst ist Kaktus aber lässt uns auch durch die lautlich auffällige Verwandtschaft beider Begriffe über ihre inhaltliche Verwandtschaft nachdenken. Es ist eine Metapher, die sich zu erkennen gibt – und die uns der Besonderheit des Kunsthandwerks oder der angewandten Künste als Zwischenreich zwischen künstlerisch erdachter und handwerklich gekonnter Form näherbringt.

Kunsthandwerk – ein kluges Kompositum aus Kunst, Hand und Werk – ist eigentlich ein Kernbegriff aus der polytechnischen Ideenwelt, nämlich die Verbindung von künstlerisch-ästhetischer Reflexion mit handwerklichem Können und – sehr häufig jedenfalls – bestmöglichem praktischen Gebrauch. Noch etwas genauer: Gesucht wird die künstlerisch konzipierte und kunstvoll gestaltete qualitätsvolle Form, die zugleich dem praktischen Gebrauch am ehesten angepasst ist; also eben angewandte Kunst, oder Kunsthandwerk.

In Ergänzung zum humanistischen Bildungsbegriff, der zweckfreie Bildung anstrebt, ist der polytechnische Bildungsbegriff stärker auf gesellschaftliche Nützlichkeit oder auch Brauchbarkeit ausgerichtet. Dementsprechend setzten sich schon die ersten Frankfurter Polytechniker vor über 200 Jahren für die Verbindung von Kopf und Hand ein, so auch namentlich der erste proponierende Sekretär der Polytechnischen Gesellschaft, Johann Heinrich Moritz von Poppe, der 1819 die allererste Professur für 'Technologie', also für angewandte Wissenschaft, in Deutschland bekleidete.

Nicht umsonst gab sich die Bürgervereinigung zunächst den Namen 'Frankfurter Gesellschaft zur Förderung nützlicher Künste und ihrer Hülfswissenschaften'. Einige Jahrzehnte später wurde in ebendiesem Geist der Mitteldeutsche Kunstgewerbeverein gegründet, mit dem Ziel, angesichts industrieller Massenproduktion das Bewusstsein für Qualität und gute Formen zu schärfen.

"Wir haben es gegründet"

'Schönheit der Form und technische Vollendung', so hieß es im Originalton in einer Gründungsschrift. Das war 1877, und bereits 1878 wurde der Verein als Tochterinstitut in die Polytechnische Gesellschaft aufgenommen. Der Kunstgewerbeverein und die Polytechniker stehen am Anfang des Kunstgewerbemuseums, des heutigen Museum Angewandte Kunst. 'Wir haben es gegründet', heißt es selbstbewusst und stolz auf der Homepage des Kunstgewerbevereins.

So ist es kein Wunder, dass auch die viel später gegründete jüngste polytechnische Tochter, die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, immer wieder Aktivitäten des Kunstgewerbevereins und des Museum Angewandte Kunst unterstützt: sei es die museologische Ertüchtigung der Historischen Villa Metzler oder das Museumsprojekt 'Ideenbotschafter'. Und so war es für unsere Stiftung ein kurzer Weg, als Matthias Wagner K uns fragte, ob die Stiftung diese Ausstellung unterstützen könnte.

Wir fanden es besonders vielversprechend, dass das Museum die Sammlungsstücke seit 1945 zeigen wollte. Auch heute leben wir im Zeitalter der Reproduzierbarkeit, aber in einer noch viel extremeren als zur Zeit der industriellen Produktion. Vieles wird nicht mehr haptisch, sondern nur noch virtuell reproduziert. Da lohnt es sich, wieder unmittelbare Anschauung von Sinn, Form und Qualität zu ermöglichen, so wie es das Museum Angewandte Kunst mit dieser Ausstellung nun dankenswerterweise tut.

Ich freue mich, dass unsere Stiftung hierzu einen sinnvollen und substanziellen Beitrag leisten konnte. Zumal man auch sagen kann: Kunsthandwerk ist auch polytechnisch."

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Foto: Rademacher/Guenzel/Museum Angewandte Kunst