25. Mai 2020.

Babylotsinnen im Interview: "Babys halten sich nicht an Pläne und Routinen!"

von Jens-Ekkehard Bernerth

An allen sieben Frankfurter Geburtskliniken sind die Babylotsinnen im Einsatz. Anne Kratz und Viktoria Schildbach geben im Interview interessante Einblicke in den Arbeitsalltag des Projekts, das seit seiner Einführung in Frankfurt vor gut fünf Jahren schon 10.000 werdenden Eltern beratend und unterstützend beistand.

Anne Kratz (links) und Viktoria Schildbach (rechts) im Interview. Fotos: Privat


Was ist das bewegendste Erlebnis, das Sie als Babylotsin gemacht haben?

Anne Kratz: Es gibt viele Familien, die mich in meiner Zeit als Babylotsin ganz besonders berührt haben. Ich erinnere mich immer gerne an eine Familie zurück. Das Elternpaar kam 2016 als Asylsuchende nach Deutschland. Sie erwarteten ihr erstes Kind. Das Paar kämpfte mit vielen Alltagsschwierigkeiten. Sie versuchten unter widrigen Wohnbedingungen, „ein Nest“ für ihre Familie einzurichten. Während die Mutter mit Stillschwierigkeiten und dem Zweifel, ob sie das Neugeborene ausreichend versorgen könne, den Babyalltag bewältigte, versuchte sich der Vater im Behördendschungel und dem Gesundheitssystem zurechtzufinden. Der Anspruch an sich selbst, unter diesen Bedingungen gute Eltern zu sein, belastete das Paar sehr. Ohne familiäres und soziales Netzwerk hatten sie niemanden, mit dem sie diese Sorgen teilen konnten.

Das Angebot der Babylotsen war für diese Familie wie auf den Leib geschneidert. Die Eltern waren sehr engagiert, wussten aber oft nicht, wie und wohin sie sich wenden konnten. Ausgestattet mit allen notwendigen Informationen und Ansprechpartnern, machten sich die Eltern auf den Weg in ein Leben zu dritt. Hier endete meine Arbeit mit der Familie.

Knapp drei Jahre später traf ich sie bei der Geburt ihres zweiten Kindes wieder. Ich wurde sofort wiedererkannt. Der Vater begrüßte mich sehr herzlich mit den Worten: „Frau Kratz, schön Sie zu sehen, aber dieses Mal brauchen wir Ihre Hilfe nicht.“ Die Eltern berichteten mir voller Stolz von ihrem Familienleben und der Ruhe und Zufriedenheit, die mittlerweile Einzug in ihren Alltag gefunden hat.

Viktoria Schildbach: Für mich ist jeden Arbeitstag aufs Neue die Geburt eines Kindes der bewegendste Moment überhaupt. Es ist mir eine absolute Freude, die Mütter und/oder Eltern in den wenigen Stunden nach der Entbindung mit ihrem Neugeborenen zu begleiten. Die Geburt eines Kindes bringt starke Emotionen mit sich, sowohl überwältigende positive Gefühle als auch Ängste und Verunsicherungen, und diese mitzuerleben und den Eltern in diesem Übergang eine Ansprechpartnerin zu sein, ist tagtäglich ein durch und durch bewegendes Ereignis.

Wie haben Sie von dem Projekt erfahren?

Viktoria Schildbach: Ich möchte das so formulieren: Das Programm Babylotse hat in gewisser Weise mich gefunden. Mit meiner vorherigen beruflichen Tätigkeit in der stationären Mutter-Kind-Einrichtung in Hamburg ist in mir nach und nach der Wunsch gereift, mich beruflich zu verändern. Ich wollte mit meiner Arbeit zum Wohle der Kinder früher ansetzen und vorzugsweise präventiv im Kinderschutz wirken. So bin ich in Hamburg durch eigene Recherche auf das Programm Babylotse aufmerksam geworden und ich habe mich kurzerhand für die Schulung Babylotse in Hamburg angemeldet, ohne die genauen Voraussetzungen und Bedingungen zu kennen. Kurz darauf bin ich allerdings in meine alte Heimat Frankfurt zurückgezogen. Die Stiftung SeeYou, die das Projekt entwickelt hat und sein Träger in Hamburg ist, hatte angeboten, meine Kontaktdaten an die Kolleginnen in Frankfurt weiterzuleiten, und ich hatte das Glück, dass gerade eine offene Stelle zu besetzen war. So bin ich durch eine wunderbare Fügung bei den Babylotsinnen gelandet.

„Sprachvermittlerinnen unterstützen uns bei der Verständigung“

Wie läuft ein typischer Arbeitstag ab?

Anne Kratz: In unserer täglichen Routine starten wir morgens auf der Entbindungsstation und verschaffen uns einen ersten Überblick über die anstehenden Gesprächsvermittlungen. Im Anschluss besuchen wir die Familien auf Station, um zu schauen, welche Informationen oder Unterstützung die Eltern für einen guten Start zu Hause brauchen. Neben den Kontakten direkt im Krankenhaus bieten wir auch Termine bereits in der Schwangerschaft oder nach der Entlassung an. Ein weiterer Arbeitsbereich ist die Netzwerkarbeit und Kommunikation mit den verschiedenen Institutionen und Akteuren der Frühen Hilfen.

Viktoria Schildbach: Es kommt durchaus vor, dass ich zunächst mit einer alleinerziehenden Mutter mit fehlendem Netzwerk über Möglichkeiten der Unterstützung im Alltag, finanzielle Leistungen für Alleinerziehende wie zum Beispiel Unterhaltsvorschuss und perspektivisch Berufsbildungsmaßnahmen für Mütter mit Kind spreche. Direkt im Anschluss gehe ich zu einer Familie mit Migrationshintergrund, die erst seit wenigen Monaten in Deutschland ist, über wenig Deutschkenntnisse verfügt, von den behördlichen Angelegenheiten rund um die Geburt eines Kindes bislang wenig Kenntnis hat, den neuen Sozialraum noch nicht kennt und demnach noch nicht weiß, welche Angebote es für Familien überhaupt gibt. In so einer Situation haben wir unsere Sprachvermittlerinnen, die uns bei der Verständigung unterstützen. Das sind Frauen, z. B. Mütter aus dem Diesterweg-Stipendium, die sich in Deutschland etabliert haben und nicht nur sprachlich vermitteln, sondern den jungen Müttern aufzeigen, was eine Frau in Deutschland erreichen kann.

Welche Facette des Jobs ist für Sie am interessantesten?

Anne Kratz: Mich begeistert an meiner Arbeit vor allem das Thema Interdisziplinarität. Die Lebenssituationen von Familien sind so komplex wie das Leben selbst. Fragen und Themen mit Eltern zu sortieren, gegebenenfalls zu koordinieren und zu vernetzen, ist unsere zentrale Aufgabe. Dabei gilt es immer wieder, über Grenzen einzelner Disziplinen hinaus zu denken, Abhängigkeiten von Problemlagen auf struktureller Ebene bei Verantwortlichen sichtbar zu machen und Familie als ein Ganzes zu betrachten. Interdisziplinäres Denken als originäre Aufgabe zu haben empfinde ich als sehr spannend und zugleich als große Herausforderung, denn auch ich habe ja eine Herkunftsdisziplin, die mein Handeln prägt. Eines ist klar, als Babylotsin wird es nie langweilig und man lernt nie aus.

Viktoria Schildbach: Ich finde es sehr bereichernd, dass ich mit verschiedensten Klientinnen und Klienten und deren jeweiligen Lebensentwürfen zu tun habe und mich dementsprechend auch mit vielfältigen Beratungsthemen konfrontiert sehe. Für mich ist zudem eine wichtige Facette, dass unsere Babylotsen-Tätigkeit am frühestmöglichen Zeitpunkt, nämlich rund um die Geburt des Kindes, ansetzt und wir Familien, die einen erhöhten psychosozialen Unterstützungsbedarf aufweisen und/oder bereits von Benachteiligung betroffen sind, unterstützen und sie niedrigschwellig in Angebote der Frühen Hilfen begleiten. 

Unsere Babylotsen-Tätigkeit ist, wie Anne es bereits skizziert hat, gekennzeichnet durch interdisziplinäres Arbeiten mit Fachkräften aus den Bereichen des Gesundheitswesens, der Sozialhilfe und der Jugendhilfe. Dies beinhaltet einerseits eine große Chance, Hilfen und Leistungen abzustimmen und zum Wohle der Klientinnen und Klienten zu vereinen, andererseits stellt es doch auch immer wieder eine Herausforderung dar, die jeweiligen Strukturen und Arbeitsweisen in Einklang zu bringen. Auch und gerade aus diesem Grund hat sich während meiner Tätigkeit als Babylotsin herauskristallisiert, meinen akademischen Bildungsweg um ein Masterstudium in psychosozialer Beratung und Recht der University of Applied Sciences Frankfurt zu erweitern. Hierbei fundiere ich meine bisherigen Beratungskompetenzen in systemisch-integrativer Gesprächsführung und erhalte umfassende Kenntnisse in sozialrechtlichen Fragestellungen.

„Babys halten sich nicht an Pläne und Routinen!“

Was sind die Herausforderungen?

Anne Kratz: Ich arbeite nun seit fünf Jahren im Programm Babylotse und eines lässt sich festhalten: Babys halten sich nicht an Pläne und Routinen! Das kann das Leben von Eltern manchmal ganz schön durcheinanderwirbeln und Überforderung auslösen. Frühgeburten, Erkrankung des Neugeborenen oder fehlende Rahmenbedingungen bringen herausfordernde Situationen mit sich. Für uns Babylotsen bedeutet das, in der Beratung manchmal auch kurzfristige und kreative Lösungen mit den Eltern zu finden.

Eine weitere große Herausforderung ist der Zeitdruck des Klinikalltags. Kurze Liegezeiten auf den Wochenbettstationen, gepaart mit fehlenden Kapazitäten beim passenden Angebot wie z. B. Familien- oder Nachsorgehebammen, erschweren manchmal eine lückenlose Betreuung, die je nach Bedarf jedoch dringend gebraucht wird.

Hat Sie das Thema Frühe Hilfen bereits während Ihres Studiums interessiert?

Anne Kratz: Bereits im Studium hat mich der Bereich Frühe Hilfen sehr interessiert. Ein Schwerpunkt meines Studiums war das Thema Kinderschutz. Dabei hat mich vor allem die Frage beschäftigt, welche Schutzfaktoren von Bedeutung sind, damit Kindern ein gesundes Aufwachsen ermöglicht werden kann. Das Bundeskinderschutzgesetz, welches zeitgleich zu meiner Studienzeit verabschiedet wurde, brachte viele neue Perspektiven mit sich. Ab da wusste ich, dass ich in diesem Bereich später einmal arbeiten möchte. Das Programm Babylotse vereint alles, was mich in meiner Ausbildung motiviert hat, und ich bin sehr gerne eine Babylotsin.

„Die Aufgabenvielfalt ist durch und durch gut und erfüllend!“

Was würden Sie zukünftigen Babylotsinnen mit Ihrem Wissen von heute raten?

Anne Kratz: Als Babylotsin kommt man mit Menschen in Kontakt, die sich gerade in einer sehr intimen und sensiblen Zeit befinden. Für die einen ist die Geburt der Inbegriff von Glück und Hoffnung, für die anderen verbunden mit Überforderung und Angst, der großen Verantwortung möglicherweise nicht gewachsen zu sein. Die Palette der Gefühle, die eine Geburt auslösen kann, ist bunt. Ebenso die Familien, in die Babys hineingeboren werden.

Es ist wichtig, sich diese besondere Situation immer wieder vor Augen zu führen, um die emotionale Ebene nicht aus dem Blick zu verlieren. Für uns ist es Alltag, aber für die Eltern ist es alles andere als alltäglich.

Viktoria Schildbach: Zukünftigen Babylotsinnen möchte ich mit auf den Weg geben, dass es eine sehr vielseitige, interessante und wertvolle Tätigkeit ist, die einem sehr viel Flexibilität im Arbeitsalltag abverlangt. Auch wenn man vor Beginn der Tätigkeit eine Vorstellung davon hat, was es bedeutet, eine Babylotsin zu sein, ist die Aufgabenvielfalt doch sehr überraschend - aber vor allem durch und durch gut und erfüllend.

Und was künftigen Eltern?

Anne Kratz: Ich erteile Eltern sehr selten Ratschläge. Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass man seine „Fehler“ als Mutter selbst machen muss um zu begreifen, was mit dem Ratschlag eigentlich gemeint war. Nach der Geburt meines Sohnes wurde mir beispielsweise von meiner Hebamme geraten: „Schlafe immer, wenn das Baby schläft.“, „So wenig Besuche im Wochenbett wie möglich!“ „Lasst euch von der Familie Essen vorkochen“, „Je ruhiger man seine Tage gestaltet, desto entspannter das Baby.“ „Hör auf dein Baby, es zeigt dir, was es mag und was nicht!“

Erst nach einigen Wochen teilweise mit viel Besuch und viel Trubel habe ich erkannt, wie sinnvoll diese Empfehlungen doch waren!

Viktoria Schildbach: Werdenden Eltern wünsche ich eine gute Portion Gelassenheit und Selbstvertrauen für den Prozess des Elternseins. Und wenn es anders kommt als erwartet - aber auch unabhängig davon - stehen wir Babylotsinnen ihnen immer gerne mit Rat und Tat zur Seite.

Über die Interviewten

Anne Kratz ist seit 2014 im Team Babylotse. Die 33-Jährige ist staatlich anerkannte Sozialarbeiterin.

Viktoria Schildbach hat ihren Bachelor of Arts im Fach Erziehungswissenschaft gemacht. Neben ihrer Arbeit als Babylotsin macht sie aktuell ihren Master im Studiengang Psychosoziale Beratung und Recht. Die 29-Jährige ist seit 2018 im Team Babylotse.