08. Oktober 2018

Bildungssprache Deutsch: Was die Schule leisten muss und kann

von unserer Gastautorin

Bianca Taubenheim, Leiterin des Fachbereichs Sprachen, Kunst und Musik (FB I) an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Frankfurt-Sachsenhausen, eruiert in diesem Artikel aus der Polytechnik 1/2018 , was Schule heutzutage leisten muss - und kann.

Foto: Dominik Buschardt


Die Zahl der Abiturientinnen und Abiturienten ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Gleichzeitig ist auch die Heterogenität der Schülerschaft in allen Bildungseinrichtungen gewachsen. Der Nationale Bildungsbericht  "Bildung in Deutschland 2018" macht deutlich, dass zugleich die Kluft zwischen der Leistungsspitze und denjenigen, die ihre schlechten Startchancen nicht überwinden können, immer größer wird (F.A.Z, Ausgabe 143 vom 22.6.2018). In den letzten Jahren hat sich zunehmend herausgestellt, wie wichtig sprachliche Kompetenzen in jedem Fach für erfolgreiches Lernen sind.

Daher besteht großes Interesse an Konzepten zur Förderung und Entwicklung von Bildungssprache. Im Verständnis der Sprachdidaktiker Helmut J. Vollmer und Elke Thürmann ist Bildungssprache  "Ausdruck jener sprachlichen bzw. kommunikativen Anforderungen in fachlichen Lernkontexten, hinter denen sich komplexe Herausforderungen in der Verwendung von Sprache als Werkzeug verbergen" (Fachdidaktische Forschungen 2013). In der fachwissenschaftlichen und fachdidaktischen Diskussion besteht Einigkeit darüber, dass die Schülerinnen und Schüler die Chance bekommen müssen, bildungssprachliche Kompetenzen im Kontext Schule zu erwerben. Dabei versteht sich von selbst, dass dem Fach Deutsch eine zentrale Rolle bei der Vermittlung von  "Sprache" als Instrument zukommt.

Im Deutschunterricht und in zusätzlich eingerichteten Förderkursen (LRS = Lese-Rechtschreib- Schwierigkeiten, DaZ = Deutsch als Zweitsprache) wird vor allem in den unteren Jahrgangsstufen durch fokussiertes und reflektiertes Einüben die Entwicklung von sprachlichen Teilkompetenzen ermöglicht. Der Ansatz der Sprachdidaktik, grammatische Phänomene stark von ihrer Funktion her zu denken, unterstützt nachhaltiges Lernen, während kontextlos eingeübte sprachliche Phänomene von den Schülerinnen und Schülern schnell wieder vergessen werden. Um die Lernenden beim Erwerb von Bildungssprache zu unterstützen, wird seit einigen Jahren bis in die gymnasiale Oberstufe verstärkt auf Methoden des Fremdsprachenunterrichts zurückgegriffen: Zur Verfügung gestellt werden Hilfsangebote im Bereich Lexik und Grammatik, Redemittel oder Satzstrukturen für den jeweiligen sprachlichen Kontext.

Die Förderung bildungssprachlicher Kompetenzen kann aber nicht durch das Fach Deutsch allein erreicht werden. Es liegt nahe, dieses wichtige Ziel mithilfe eines  "sprachsensiblen“ und  "sprachbewussten „ Unterrichts in allen Fächern zu unterstützen. Erste Schritte in diese Richtung finden bereits statt: Viele Lehrerinnen und Lehrer machen sich im Rahmen von pädagogischen Tagen oder in Fortbildungsreihen mit dem Thema  "sprachsensibler Fachunterricht“ vertraut. Nun muss im Fachunterricht der Raum für die Bewältigung von fachspezifischen Sprachanforderungen geschaffen werden. Wenn Lernende im Fach Mathematik auf der Ebene von Textverstehen und Sprachhandeln, das heißt beim Verstehen von Aufgaben und beim Formulieren von Lösungen, Schwierigkeiten haben, sind andere sprachliche Hilfen nötig als bei einer Quelleninterpretation im Geschichtsunterricht.

Sprache ist grundsätzlich Werkzeug und Gegenstand

Im Fach Deutsch hingegen ist Sprache grundsätzlich Werkzeug und Gegenstand. Nach Jürgen Trabant, dem Berliner Romanisten, sind Poesie und Dichtung  "nicht das Andere der Sprache, sondern gerade die Sprache selbst". Vielfältige Erfahrungen zeigen, dass Literatur eine wichtige Rolle beim Erwerb der Literalität und damit auch beim Erwerb von Bildungssprache einnimmt. Vor allem literarische Texte mit einem hohen Polyvalenzgrad bieten ästhetische Zugänge zu Sprache, die für Lernende auch von hoher subjektiver Bedeutung sein können. Bei der Beschäftigung mit literarischen Texten vollzieht sich sprachliche Bildung beiläufig durch produktive, kreative Auseinandersetzung mit den Texten, denn Gegenstand der Betrachtung ist die Sprache selbst.

Auch literarische Gespräche fördern die sprachliche Kompetenz, mit Polyvalenz/Ungewissheit umzugehen, und bieten die Möglichkeit, dass die eigene Sprache und die Sprache des literarischen Textes miteinander in Beziehung treten. Literarisches Schreiben, etwa die Aufgabe, Leerstellen eines literarischen Textes zu füllen (wie den berühmten Gedankenstrich in Kleists Novelle  „Die Marquise von O.“), können Sprachkompetenz im Sinne literaturdidaktischer Ziele fördern, indem sie den Lernenden die Verknüpfung und Umwälzung von Wortschatz und sprachlichen Strukturen ermöglichen und dazu anregen, auch neue, eigene Sprachkonstrukte entstehen zu lassen. Mit Blick auf die Heterogenität der Schülerinnen und Schüler ist erkennbar, dass die Schule auf zwei Ebenen tätig sein muss: Wichtig ist eine Kombination aus Förderung und Fordern.

Zur Förderung der Schülerinnen und Schüler sind neben sprachlichen Unterstützungsangeboten im Fachunterricht und auf die Adressaten abgestimmten Lernarrangements auch Extrakurse und zusätzliche Angebote nötig. Vorstellbar sind die Unterstützung in Diskurspraktiken wie Argumentieren, Erklären, Beschreiben und Kursangebote im orthografisch korrekten Schreiben. Auf der anderen Seite sind alle Schülerinnen und Schüler ihrem jeweiligen Niveau entsprechend zu fordern, sodass beim Erwerb neuer Kenntnisse und der Erweiterung von Kompetenzen die Schülerinnen und Schüler ihre Potenziale bestmöglich nutzen können.

Projektartige Lernarrangements besonders fruchtbar

Als fruchtbar haben sich im Fach Deutsch besonders projektartige Lernarrangements erwiesen: zum Beispiel die Planung eines Literaturfestes auf Basis einer vorangegangenen Schreibwerkstatt, die Teilnahme am Projekt Zeitung in der Schule sowie die Vorbereitung auf Wettbewerbe wie Diktatwettbewerb, Jugend debattiert, Schreibwettbewerbe. Dabei ist die Zusammenarbeit mit außerschulischen Kooperationspartnern – Stiftungen, kulturellen Einrichtungen und Betrieben – für die Schülerinnen und Schüler besonders motivierend, da sie am öffentlichen Leben teilnehmen und ihre Kompetenzen auch außerhalb des schulischen Schonraums einer Prüfung unterziehen und erweitern können. Für die Zukunft wäre wünschenswert, dass in einem stärker interdisziplinären Austausch an der Schule darüber nachgedacht wird, in welchen Handlungs- und Kompetenzbereichen vordringlich Förderbedarf besteht und welche Förderschwerpunkte auszuarbeiten sind, um bildungssprachliche Entwicklungen aller Schülerinnen und Schüler in ihrer Heterogenität zu gewährleisten. Ein langer Prozess …  

Über die Autorin

Bianca Taubenheim ist Leiterin des Fachbereichs Sprachen, Kunst und Musik (FB I) an der Freiherr-vom-Stein-Schule in Frankfurt-Sachsenhausen.