04. November 2016.

BürgerAkademiker-Kamingespräch: Stadt gestalten anstatt nur zu träumen

von Miriam Mandryk

Was bedeutet urbanes Leben in Frankfurt? Wie gestaltet es sich? Wie lässt es sich aktiv mitgestalten und was bedeutet es für die Entwicklung der Stadt, wenn Bürger öffentliche Räume erobern und sie sich mit kreativen Projekten zu eigen machen? Diesen Fragen gingen die BürgerAkademiker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft am Abend des 31. Oktober 2016 bei ihrem diesjährigen Kamingespräch auf den Grund.

Silja Flach im Gespräch mit Olaf Cunitz, Daniela Cappelluti und Stadtforscher Christoph Siegl (v.l.n.r.).


Unter dem Titel "Stadt gestalten – sta(d)tt träumen? – Urbanes Leben in Frankfurt und die Bedeutung freiwilliger Mitgestaltung durch Bürger" lieferten der ehemalige Bürgermeister und Planungsdezernent der Stadt Frankfurt, Olaf Cunitz, Stadtforscher Christoph Siegl und Daniela Cappelluti, Gründerin des Urban Gardening-Projekts "Frankfurter Garten", drei verschiedene Blickwinkel auf diesen Themenkomplex.

Als Stadtforscher nähert sich Christoph Siegl der Stadtkultur mit phänomenorientiertem Blick. Er untersucht und beschreibt Phänomene im urbanen Raum, die den meisten Bürgern einer Stadt alltäglich erscheinen. Mit themenbezogenen Stadtrundgängen und Jahresschriften wie dem Sammelband "Narango" zeigen er und seine Kollegen vom Open Urban Institute urbane Phänomene in Frankfurt auf und beschreiben und erklären deren Zusammenhänge, Wirkungen und Folgen.

Zweiteilung der Stadtbevölkerung 

Die (Mit-)Gestaltung einer Stadt habe viel mit Verantwortungsgefühl zu tun, sagt Christoph Siegl. In puncto Bürgerengagement bei Mitgestaltung des öffentlichen Raumes und des urbanen Lebens in Frankfurt erkennt er eine Zweiteilung der Stadtgesellschaft: "Die eine Hälfte der Bürger ist sehr aktiv und daran interessiert, die Stadt und auch das Miteinander – zum Beispiel mit kreativen Projekten – aktiv mitzugestalten", erläutert er. Die andere Hälfte sei stark auf Konsum gepolt und habe kein Interesse daran, Zeit und Engagement für die Gemeinschaft zu investieren, so seine Beobachtung.

"Schön wäre", so Christoph Siegl, "wenn es eine zusammenführende Bewegung gäbe." Denn eine attraktive Grundgestaltung und der Raum für Mitgestaltungsmöglichkeiten seien wichtige Faktoren für die Entwicklung einer Stadt.

Skepsis gegenüber Veränderungen

Ein großer Teil des bürgerlichen Engagements in Sachen Stadtentwicklung speise sich vor allem aus der Skepsis vieler Bürger gegenüber Veränderungen in ihrem direkten Umfeld, erläutert Olaf Cunitz seine Beobachtungen aus seiner Zeit als Bürgermeister und Planungsdezernent der Stadt Frankfurt. "Aus den verschiedenen Ansichten darüber, was für die Entwicklung einer Stadt richtig und gut ist, ergeben sich immer Zielkonflikte, die häufig auch dazu führen, dass Stadtentwicklung verhindert wird", gibt Cunitz zu bedenken. Daher sei es wichtig, pflichtet Christoph Siegl bei, bei den Bürgern ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass – Gutes wie auch Schlechtes – nicht für die Ewigkeit ist.

Eine, die dem Thema des Kamingesprächs alle Ehre gemacht und die Stadt aktiv gestaltet und nicht nur davon geträumt hat, ist Daniela Cappelluti. 2012 hat die Event- und Kulturmanagerin den Frankfurter Garten auf dem Danziger Platz ins Leben gerufen: Ein Mitmach-Projekt, mit dem sie mehr "Grün" in die Stadt holen wollte.

"Verrückte Idee", positives Ergebnis

Anfangs musste sich Daniela Cappelluti bis zur Umsetzung ihrer "verrückten Idee", wie sie selbst sagt, einigen bürokratischen Hürden stellen, da sich natürlich auch die aktivsten und kreativsten Bürger bei der Gestaltung des öffentlichen Raumes an Regeln, Satzungen und Gesetze halten müssen.

Doch der Einsatz hat sich sowohl für den Platz als auch für die Frankfurter Bürger sichtlich gelohnt: Seit 2013 hat sich auf dem ehemals unwirtlichen Danziger Platz mit dem Frankfurter Garten nicht nur eine grüne Oase inmitten der Stadt, sondern auch ein generationenübergreifender Lernort etabliert, an dem Nachbarn und Besucher gemeinsam gärtnern, lernen und gestalten – das größte Urban Gardening-Projekt Hessens.

Und auch darüber hinaus hat Daniela Cappelluti nicht nur mit vielen Veranstaltungen, Workshops und Unterrichtseinheiten rund um verschiedene Garten-Themen für die Allgemeinheit und insbesondere für Urban Gardening-Fans gewirkt: Mittlerweile gibt es beim Grünflächenamt der Stadt Frankfurt eine eigene Stelle für Fragen rund um bürgerschaftliches Engagement im Bereich Urban Gardening – der beste Beweis dafür, dass man auch mit einer vermeintlich "verrückten Idee" urbane Räume und das Miteinander in der Stadt aktiv positiv gestalten kann.

(Text & Bild: Miriam Mandryk)