03. Januar 2017.

Bürgerengagement – gelebte Tradition in der Frankfurter Stadtgesellschaft

von unserer Gastautorin

Bürgerengagement ist ein mehr als aktuelles Thema in Deutschland. BürgerAkademiker wie Georgia von Holtzapfel gehen mit gutem Beispiel voran. Ein Erfahrungsbericht.

BürgerAkademiker wie Georgia von Holtzapfel gehen beim Thema Bürgerengagement mit gutem Beispiel voran.


Bereits während meines Studiums in Heidelberg – ich bereitete mich auf den Beruf als Simultandolmetscherin für Italienisch und Englisch vor - verspürte ich den Wunsch, mich eines Tages im Ehrenamt zu engagieren, fand aber nie den richtigen Moment oder die passende Aufgabe dafür.

Nach dem Diplom lebte ich vier Jahre in Genua in Norditalien und begann dort meinen Beruf als Dolmetscherin auszuüben. Obwohl ich Italien längst als zweite Heimat betrachtete und dort  viele gute Freunde kennengelernt hatte, führte mich das Schicksal 1998 nach Frankfurt, wo ich ein Jahr später meinen Mann André kennenlernte.

Anlässlich unserer anstehenden Hochzeit in Hamburg brauchte ich 2001 kirchliche Unterlagen und setzte zum ersten Mal Fuß in die St. Katharinenkirche an der Hauptwache. Dort führte ich ein sehr offenes Gespräch mit dem damaligen Stadtkirchenpfarrer, Herrn Dr. Stoodt. Auf meine Frage, in welchen Bereichen sich die Gemeinde sozial engagiere, wurde mir unter anderem die Obdachlosenarbeit genannt. Mein Interesse war sofort geweckt. Ich erfuhr, dass unsere Gemeinde seit 1986 vier Wochen im Januar und zusätzlich einen Sonntag im Monat eine Aktion für bedürftige und obdachlose Menschen in den Räumen der Kirche organisiert.

Unter ihnen sind wohnungslose Männer und Frauen, manche von ihnen leben in einer Notunterkunft oder können in Wohnheimen übernachten. Andere dagegen haben es geschafft, in den vergangenen Jahren ein Zimmer oder eine kleine Wohnung zu bekommen.

Die Rente reicht oft nicht

Die meisten leben von Hartz IV, wieder andere nur von dem, was sie sich täglich er­betteln. Leider kommen aber auch in den letzten Jahren immer mehr ältere Bürger zu uns, deren Rente nicht ausreicht, ein Leben in Würde zu führen.

Was mir sofort an den St.-Katharinen-Leitlinien gefiel, war die Tatsache, dass, wie unser damaliger Stadtkirchenpfarrer Werner Schneider-Quindeau erklärte "keiner nach seiner Herkunft gefragt, Bedürftigkeit nicht überprüft und wer am Tisch Platz nimmt bedient wird. Erwartet wird nur, dass die Gäste sich als solche verhalten und untereinander respektieren."

Wenn man wie ich das Glück hat, ein beschütztes Leben mit Familie, Freunden und einem starken sozialen Netz zu führen, kann man nur dankbar dafür sein, und endlich hatte ich die Gelegenheit gefunden ein wenig davon zurück zu geben. Im Team Frühstück oder Mittagessen für 250 bedürftige Menschen in der Katharinenkirche zu organisieren – mein kleiner Beitrag zwischen den Bänken in der großen Bankenmetropole.

Städtische Sozialpolitik kann nicht ersetzt werden

In meinen Jahren in der Obdachlosenarbeit habe ich gelernt, dass eine vierwöchige  Winterspeisung, so wichtig sie auch für eine gastfreundliche Kirche sein mag,  eine kontinuierliche städtische Sozialpolitik nicht ersetzen kann. In unserem heutigen Leitungsteam merken meine Kollegin Carolin Kilmer, unser Stadtkirchenpfarrer Dr. Olaf Lewerenz und ich immer wieder, wie schnell wir an unsere Grenzen stoßen.

Unsere Hilfe kann die grundsätzlichen Sorgen und Probleme unserer Gäste mit den Herausforderungen des Lebens nicht lösen, aber sie ist ein Beitrag zur Linderung und kann auch Mut machen. Die Wohnungslosen und Bedürftigen der Stadt brauchen jedoch eine verlässliche soziale Unterstützung.

Wie wichtig Ehrenamt in einer Metropole wie Frankfurt ist, habe ich in den 18 Jahren, die ich nun hier lebe immer wieder gespürt. Die Bereitschaft sich zu engagieren durchdringt viele Bereiche, ob nun Schule, Kirche oder Sportvereine.

Meine schönste Erfahrung in dieser Hinsicht war vor zwei Jahren, als ich das große Glück hatte, zur BürgerAkademie, einem einjährigen Kurs der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, eingeladen zu werden und einmal im Monat die Möglichkeit erhielt, mich mit weiteren 23 Ehrenamtlichen fortzubilden und weiter zu vernetzen. Unter der engagierten Führung von Konrad Dorenkamp und von Arnika Senft liebevoll organisiert, ist in einem Jahr BürgerAkademie eine Gemeinschaft entstanden, die auch nach dem Ende des Kurses spürbar fortbesteht und für mich eine wahre Bereicherung darstellt.

BürgerAkademiker mit großem Engagement

Ich habe in dieser Gruppe Menschen aus den verschiedensten Bereichen kennen und schätzen gelernt, ihr Einsatz war und ist für mich inspirierend. Danielle Wendel-Baumert zum Beispiel brachte im Rahmen ihrer Arbeit bei der Kirchengemeinde St. Bonifatius regelmäßig kleine Babys zu unseren Workshops mit, um deren Müttern eine Auszeit zu gönnen. Sie begleitet junge Frauen in ihrem Alltag, sei es bei der Wohnungssuche, beim Umzug oder dem Gang zu Ämtern.

Slata Isselstein, ehrenamtliche Hospizbegleiterin im familiären Umfeld, begleitet im Rahmen des ambulanten Kinder- und Jugendhospizdienstes Frankfurt / Rhein-Main lebensverkürzend erkrankte Kinder und Jugendliche mit ihren Familien. Ihr Engagement erfüllt mich persönlich immer wieder mit Ehrfurcht, da ich nicht weiß, ob ich die Kraft hätte, eine solche Aufgabe zu übernehmen.

Silke Burkhart wiederum engagiert sich bei den Maltesern und bietet Workshops in Schulen an, um Jugendlichen beizubringen, umsichtig mit ihrem eigenen Geld umzugehen und der Gefahr einer frühen Überschuldung vorzubeugen.

Ehrenamt ist vielfältig und wertvoll

Diese wenigen Beispiele aus meinem Bürgerakademie-Jahrgang 2014/2015 zeigen, wie wertvoll und vielfältig Ehrenamt ist. Ich würde am liebsten alle Ehrenämter aufzählen, da jedes einzelne in seiner Art besonders ist.

Gerade eine Stadt wie Frankfurt am Main mit hohem Zuzug und starkem Migrationsanteil braucht das Ehrenamt auch künftig, damit die Integration und ein gutes Zusammenleben ganz unterschiedlicher Lebenssituationen und Perspektiven gelingen können.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe 2/2016 der Polytechnik, dem Stiftungsmagazin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Sie finden Sie zum Download in unserer Mediathek. Ein kostenfreier Postversand der Druckausgabe ist ebenfalls möglich. Schreiben Sie uns dafür eine E-Mail an info@sptg.de mit Angabe Ihrer Anschrift.

Über die Autorin

Georgia von Holtzapfel arbeitet seit 2001 ehrenamtlich für die Obdachlosenspeisung und den monatlichen Brunch der St. Katharinenkirche. 2014 wurde sie in die IV. Generation der BürgerAkademie (2014/2015) aufgenommen.