21. Juni 2018

Der große Diktatwettbewerb: Wir hatten keine Chance – aber wir nutzten sie

von unserem Gastautor

Stefan Schröder, Chefredakteur des Wiesbadener Kuriers, hatte beim Großen Diktatwettbewerb keine Chance. Trotzdem ist er im nächsten Jahr wieder mit dabei. Warum, schreibt er in diesem Gastbeitrag, der ein Teil der kommenden Polytechnik 1/2018 ist. 

Foto: Dominik Buschardt


Hefte raus, Diktat! Die Temperatur im Klassenraum sank um gefühlte zehn Grad, die Hände wurden feucht.  Das Wort Füchslein hatte ich nie gehört, also schrieb ich Füxlein. Diktat war nicht meins. Die Schule insgesamt war für mich ein gesellschaftliches Ereignis, bei dem ich Freunde traf und Fußballbilder tauschte. Die Fußballbilder gingen verloren, die Freunde behielt ich fürs Leben.

Warum aber treibt es einen überreifen Mann mehr als 45 Jahre später abermals in die Schulbank? Warum setzt er sich dem Martyrium einer Diktatprüfung aus, bei der es nur Verlierer zu geben scheint. Nie, so sagt es die Statistik, hat beim Diktatschreibwettbewerb der Stiftung Polytechnischen Gesellschaft auch nur ein Kandidat mit null Fehlern abgeschnitten.

Und dann forderte mich noch diese kecke junge Sopranistin aus dem Staatstheater zum Duell: "Wetten, dass ich weniger Fehler mache als Sie!"  Diktatschreiben habe sie besonders gerne gemocht, schob sie nach. Ungeheuerlich. Außerdem:  Was sollte ich mit noch einer Flasche Wein, um die wir wetteten?

Vorsichtshalber organisierte ich mir den Übungsordner zur Vorbereitung.  Klein oder groß, zusammen oder auseinander, Lehnwörter aus dem Englischen mit Bindestrich oder ohne? Am Ende meiner Etüden war ich mehr verwirrt als wissend.

Und dann hieß es "Stifte raus, Papier geglättet!" Aber die Hände blieben trocken in der Aula des Gymnasiums, dessen Mobiliar und Wanddeko dem meiner alten Schule erstaunlich ähnlich sahen.

"Ich schaffe es wieder nicht!" 

Was war anders? Meine Nachbarn! Haben Sie schon mal einen verunsicherten Polizeipräsidenten gesehen, haben Sie schon mal erlebt, wie der Vorstand einer großen Versicherung stöhnt: "Ich schaffe es wieder nicht!" Die Buchhändlerin meines Vertrauens schob nervös die Brille ins Haar und orakelte, das Üben habe bestimmt nichts geholfen. Wir waren eine eingeschworene Gemeinschaft, teilten das prickelnde Gefühl, es noch einmal wissen zu wollen. Mit dem Bewusstsein: Gegen dieses Monsterdiktat hatten wir keine Chance –  aber wir nutzten sie: Promis, Kollegen, Eltern, Schüler, Lehrer.

Wir hockten hier mit der beruhigenden Gewissheit, dass am Ende des Verfahrens kein Versagen stand, sondern nur das Verlieren. Die Wette galt, wir schrieben für den Spaß und nicht um unser Leben.

Eine Sopranistin mit Chuzpe

Wenn da nicht diese Sopranistin gewesen wäre! Jetzt erschien sie auch noch mit geschminktem Gesicht.  Sie stehe anschließend bei einer Premiere auf der Bühne und müsse Zeit sparen.  Daher die Maske, erklärte sie. Langsam wurden die Finger wieder feucht. Woher nahm die solche Chuzpe? Das Lampenfieber mit einem Diktat bekämpfen!

Der Moderator beendete seine Begrüßung, begann nach der Erläuterung des Regelwerks den Text vorzulesen. Bereits die ersten Passagen ernteten unterdrücktes Raunen. "Das ist ja schrecklich!" "Dieses Mal reiße ich die 20-Fehler-Marke." "Warum tue ich mir das an?" Bei mir war es wie immer. Ein supergutes Gefühl – bis wir zur Korrektur kamen. Strich um Strich garnierte ich den ehemals jungfräulichen Rand meines Textblattes. War das jetzt eine Win-win-Situation oder eine Win Win-Situation? Oft war die Ad-hoc-Entscheidung (oder ad hoc-Entscheidung?) die Richtige gewesen, aber beim letzten Verbessern hatte ich ruck, zuck ein paar Fehler reinredigiert.  Ich war nicht allein. Das Stöhnen um mich herum nahm kein Ende. Nur diese Sängerin mit dem weißgeschminkten Antlitz, die so sopran lachen konnte, war verdächtig still. Zeile für Zeile fuhr sie mit dem Korrekturstift ab. Nur selten stieß er auf ein fehlerhaftes Wort nieder, schoben sich die Mundwinkel nach unten. Ihr Blatt blieb im Gegensatz zu meinem farbarm. Sie ahnen, was kommt.

Zu meinem Glück enteilte die Wettgegnerin vor Ende der Veranstaltung – die Premiere! Sie bekam daher nicht mit, dass sie auf Platz 3 der besten Diktatschreiber gelandet war.  Die Weinflasche habe ich ihr Tage später sehr diskret unter Ausschluss der Öffentlichkeit überreicht. Die Zahl meiner Fehler kann ich aus Datenschutzgründen leider nicht nennen. Aber ich weiß schon heute: Nächstes Jahr greife ich wieder an. Mit oder ohne Sopran.

Text: Stefan Schröder

Dieser Artikel entstammt der Polytechnik 1/2018. Das Heft wird im Sommer 2018 veröffentlicht werden.

Über den Autor

Stefan Schröder ist seit 2008 Chefredakteur des Wiesbadener Kurier und seit 2013 Chefredakteur des Wiesbadener Tagblatts, die zum Unternehmen VRM mit Sitz in Mainz gehören. Der studierte Historiker und Publizist begann seine journalistische Laufbahn mit einem Volontariat bei den Badischen Neuesten Nachrichten in Karlsruhe. Von 1988 bis 1991 arbeitete Schröder als Redakteur der Rhein-Main-Zeitung der FAZ. Von 1991 bis 1999 war der in Wuppertal geborene Journalist Leiter der Lokalredaktion Rheinische Post in Düsseldorf. Im Anschluss daran gehörte er von 1999 bis 2008 als Stellvertretender Chefredakteur Redaktionsleitung der Allgemeinen Zeitung in Mainz an.

Seit März 2010 leitet Schröder den Presseclub Wiesbaden.

Sopranistin Gloria Rehm (Mitte) neben Stefan Schröder (rechts). Foto: Stefan Schröder.