14. Juli 2017

DeutschSommer in der Stadt: ein Stück gelebtes Ankommen

von Jens-Ekkehard Bernerth

An vier Standorten läuft noch bis zum 21. Juli der Frankfurter DeutschSommer 2017. Eine Besonderheit ist dabei der DeutschSommer in der Stadt: Hier lernen Dritt- und Viertklässler aus Frankfurter Intensivklassen spielerisch Deutsch.

"Ich hasse Kinder! Kinder sind laut, Kinder machen Dreck! Ich hasse Kinder!", schallt es voller Inbrunst durch den Gang im dritten Stock der Textorschule. Doch zetert hier kein wütender Erwachsener, sondern eine Gruppe von 15 begeisterten DeutschSommer-Kindern. Zusammen mit ihrer Theaterpädagogin Nicole Peinz üben die Dritt- und Viertklässler ein Theaterstück ein, das auf dem Buch "Rosie und Moussa" von Michael de Cock basiert. Gerade denken sie sich in die Figur des griesgrämigen Hausmeisters ein, der – offenkundig – von Kindern nicht ganz so begeistert ist.

Die Kinder wiederum sind begeistert vom Theaterspielen – und vom DeutschSommer. "Die Kinder lieben es, in Rollen zu schlüpfen, die Hausmeisterrolle ist am beliebtesten", erzählt Nicole Peinz. Bevor es aber an das Proben des Stücks geht, versammeln sich die Kinder auf einer mit Klebeband markierten Bühnenfläche. Es wird spielerisch an Koordination und Reaktion gefeilt und gemeinsam Grimassenschneiden geübt. Timing, Ausdruck und Konzentration werden auch trainiert. Das Auswendiglernen der Dialoge, die entweder in der Gruppe oder allein vorgetragen werden, ist wiederum für die Verbesserung der Sprachkenntnis und die Erweiterung des Wortschatzes von Nutzen.

"Das Theaterspielen befördert den Sprachlernprozess der Kinder enorm", sagt Monika Bremer, Projektleiterin Bildung der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. "Die Kinder können sich sprachlich ausprobieren, lernen Mimik und Gestik bestimmten Gefühlsausdrücken zuzuordnen und trainieren eine deutliche Artikulation."

Im Gegensatz zu den drei weiteren DeutschSommer-Standorten in Bad Orb, Schmitten-Oberreifenberg und Wetzlar sind beim DeutschSommer in der Stadt nur Schülerinnen und Schüler aus Intensivklassen dabei. Die möglichen Teilnehmer wurden von den Frankfurter Grundschulen mit Intensivklassen vorgeschlagen, daraus wurden 30 Kinder ausgewählt, darunter 21 mit Fluchterfahrung. "Bei der Auswahl war es wichtig, dass sowohl alle Schulen berücksichtigt wurden, als auch der Anteil an Mädchen und Jungen ausgewogen ist", erklärt Monika Bremer. "Am Ende eines DeutschSommer-Tages fahren die Teilnehmer nach Hause, eine Übernachtung wie bei den anderen drei Standorten gibt es nicht. Das schien uns für die Zielgruppe angemessener", so Bremer weiter.

Spielerisches Verbindungselement

"Der DeutschSommer verbindet spielerisch und gleichzeitig auf ernste Weise Sprachbildung und kulturelle Bildung", sagt Dr. Clemens Bohrer vom Frankfurter Dezernat für Integration und Bildung. Das Dezernat trägt den Großteil der Kosten für den DeutschSommer in der Stadt. "Perspektivisch ist der DeutschSommer in der Stadt die Schnittstelle zwischen Integration und Bildung, beides muss zusammenkommen. Denn Bildung ist der Schlüssel zur Integration." Und Bohrer ergänzt: "Es ist ein dreiwöchiger Schub für Sprachbildung und Motivation, es ist ein Stück gelebtes Ankommen, die Kinder haben danach Lust, sich selbst einzubringen."

Dementsprechend ausgewogen und vielseitig ist das Programm. "Morgens frühstücken Pädagogen und Kinder zusammen. Hier packen die Grundschüler immer mit an. So werden sie auch in ihren Sozialkompetenzen gestärkt", erklärt Rebecca Peters, die Sprecherin des achtköpfigen Pädagogenteams. Danach folgen der Deutschunterricht und das eineinhalb bis zweistündige Theaterspielen. Nach dem gemeinsamen Mittagessen steht ein abwechslungsreiches Freizeitprogramm auf dem Plan. Die Kinder besuchen beispielsweise das Städelmuseum, den Goetheturm oder die Stadtbücherei.

Urlaub für den DeutschSommer

Betreut werden die Kinder von ausgebildeten Sozial- und Theaterpädagogen sowie Deutsch-als-Zweitsprache-Lehrkräften. Zu ihnen gehört Mabu Aghaei. Die 29-jährige unterrichtet normalerweise Gehörlose in Berlin und hat sich für den DeutschSommer extra drei Wochen freigenommen. "Ich war letztes Jahr bereits im Pädagogenteam, und es hat mir sehr viel Spaß gemacht", berichtet sie. "Es ist beeindruckend, wie weit die Kinder in diesem Jahr schon sind. Der Unterrichtsstoff ist ähnlich zum normalen Schulunterricht, wird allerdings viel spielerischer vermittelt. Man merkt auch, dass die Kinder in diesem Jahr bereits mindestens fünf Monate eine Schule besucht haben. Letztes Jahr hatten wir Kinder, die teils noch nie in ihrem Leben die Schulbank gedrückt haben, dementsprechend war es ziemlich anspruchsvoll."

Der Wahlberlinerin macht der Umgang mit den DeutschSommer-Kindern große Freude: "Es ist eine wunderschöne Atmosphäre, die Schüler sind sehr dankbar und wertschätzend, das kenne ich so nicht." Eine Herausforderung für alle Beteiligten stellt der Fluchthintergrund der Kinder da: "Es gibt welche, die erzählen viel von ihren Fluchterfahrungen, von gekenterten Booten und getrennten Familien. Wir Pädagogen haben beschlossen, dass wir nicht fragen, aber zuhören, sollte sich ein Kind öffnen wollen. Sobald wir merken, dass ein Kind professionelle Hilfe braucht, teilen wir das auch den Eltern mit", so Aghaei.

Messen der Fortschritte

Generell sind Feedback und das Messen von Leistungen auch im DeutschSommer ein wichtiges Thema: "Wir haben die Kinder vor Beginn der drei Wochen einen Sprachtest machen lassen. Der wird nach Abschluss des DeutschSommers wiederholt, um zu prüfen, inwieweit sich die Kinder verbessert haben", erläutert Monika Bremer. Mabu Aghaei ergänzt: "Außerdem schreiben wir für jedes Kind einen Rückmeldebogen für den Klassenlehrer, was ebenfalls dem Kind zu Gute kommt. Wir haben beispielsweise in diesem Jahr ein syrisches Kind, bei dem wir uns wunderten, warum es so Probleme in der Schule hat. Mittlerweile haben wir die Vermutung, dass es hochbegabt sein könnte. Durch den Rückmeldebogen wird der Lehrer darauf hingewiesen, sodass gegebenenfalls die nötigen Schritte unternommen werden können."