29. September 2016.

Die Sprache des Mitgefühls

von unserer Gastautorin

Die spanische MainCampus doctus-Stipendiatin Carmen Moreno Mínguez über die Willkommenskultur und das Ankommen in Frankfurt. Der Text stammt aus unserem aktuellen Stiftungsmagazin Polytechnik 2/2016. 


Im Frühling 2013, vor meinem Umzug nach Deutschland, hatte ich das Glück (dieses gelungene deutsche Wort, wo das Zufällige und die Freude sich treffen) das Buch "Die Angst vor den Barbaren" von Tzvetan Todorov zu lesen. In diesen Überlegungen über die kulturellen Begegnungen in heutigen Gesellschaften bietet Todorov uns einen neuen Blick auf die zwei alten Konzepte von 'Barbarei' und 'Zivilisation'.

Für ihn sind das Zivilisierte und das Barbarische nicht Merkmale bestimmter Kulturen, sondern potenzielle Wesenszüge des Individuums. Als menschliches Attribut definiert er 'das Zivilisierte' als die Erkenntnis des anderen als Seinesgleichen, als Menschen mit den gleichen Gefühlen und Sorgen. Hingegen heißt barbarisch für ihn, die Entfremdung gegenüber dem anderen und die daraus folgende Unfähigkeit mit ihm als Gleichen zu empathisieren.

Es sind genau diese Attribute, die Todorov zivilisierten Menschen zuschreibt, nämlich Empathie und das Verständnis gegenüber dem anderen, die ich als wesentliche Züge der Willkommenskultur verstehe. Menschen, die grölend Busse umringen oder Geflüchtete vor den europäischen Haustüren sterben lassen, verhalten sich als die neuen Barbaren.

Eine aus Mitgefühl bestehende Art von Zivilisation

Diejenigen hingegen, die bundesweit an den Bahnhöfen warteten, um geflüchteten Menschen mit Lebensmitteln und Spielzeugen zu begrüßen, die ehrenamtlich Deutsch unterrichten, die Familien betreuen, die, im Endeffekt, die Arme für andere offen haben, stellen eine aus Mitgefühl bestehende Art von Zivilisation dar. Mitgefühl: ein anderes deutsches Wort, das ich besonders schätze.

Anders als in romanischen Sprachen, weist das deutsche Wort auf ein auf Augenhöhe empfundenes Gefühl hin. In Wörtern des Schrifttellers Milan Kundera: "Mit-Gefühl haben bedeutet, das Unglück des anderen mitzuerleben, genauso gut aber jedes andere Gefühl mitempfinden zu können: Freude, Angst, Glück und Schmerz. Dieses Mitgefühl (…) bezeichnet also den höchsten Grad der gefühlsmäßigen Vorstellungskraft (…); in der Hierarchie der Gefühle ist es das höchste aller Gefühle."

Willkommenskultur: Standbein des Zusammenlebens

Willkommenskultur betrifft nicht nur die Beziehungen zu Flüchtlingen: sie bildet das Standbein des Zusammenlebens in einer höchst multikulturellen Stadt. Als Ausländerin habe ich seit meiner Ankunft  viel über das Gefühl der Zugehörigkeit nachgedacht.

Was macht uns zum Teil einer  Gesellschaft? Am Anfang glaubte ich, dass die Sprache der Schlüssel war, um soziale Beziehungen zu knüpfen und mit den eigenen Fähigkeiten zur Gesellschaft beizutragen. Insofern hatte ich Glück, denn ich erhielt die Unterstützung meines Betreuers und der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, um meine Doktorarbeit in Frankfurt anfangen zu können.

Dabei fing ich schon an zu merken, dass es nicht nur um Wörter ging: Zwei Menschen können dieselbe Sprache sprechen und sich nie verstehen. Es ist eher eine subtilere, universale Sprache, die uns dieses Zugehörigkeitsgefühl vermittelt.

Eine Tasse Kaffee als Anfang schöner Dinge

Ich habe sie besonders über die Teilnahme an sozialen Initiativen entdeckt: Vor einigen Monaten hatte ich die Chance, in der Kinderbetreuung einer Teestube für geflüchtete Frauen tätig zu sein. Die Idee war, dass Frauen sich treffen konnten, um Deutsch zu lernen und bei einer Tasse Kaffee in Kontakt mit anderen Frauen aus ihrer Nachbarschaft zu treten. Dieser Initiative folgten mehrere Projekte und alle Teilnehmerinnen vertieften die Verbindungen miteinander.

In der Begegnung mit Menschen, die mit ihrem Engagement eine Stadt für alle bauen möchten, die, im Endeffekt, mit Mitgefühl gegenüber anderen handeln, habe ich mich zu Hause gefühlt.

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Die neue Ausgabe 2/2016 der Polytechnik, des Stiftungsmagazins der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, finden Sie ab sofort zum Download. Ein kostenfreier Postversand der Druckausgabe ist ebenfalls möglich. Schreiben Sie uns dafür eine E-Mail an info@sptg.de mit Angabe Ihrer Anschrift.

(Bild: Uwe Dettmar)

Über die Autorin

Carmen Moreno Mínguez ist MainCampus doctus-Stipendiatin der VI. Generation (2015/2016). Sie promoviert zum Thema "Die Solidaritätsbewegung mit Lateinamerika in den 1970er und 1980er Jahren: Ein europäisches Phänomen?" an der Goethe-Universität.