15. September 2017

Diesterweg-Patenabend: Ein Rezept für interkulturelle Begegnungen gibt es nicht

von unserer Gastautorin

"Herausforderungen im interkulturellen Arbeits- und Lernumfeld" lautete am Donnerstagabend das Thema des Diesterweg-Patenabends mit Referentin Magdalena Modler-El Abdaoui. Die Religionswissenschaftlerin, Politologin und Ethnologin führte bereits zum dritten Mal seit 2014 durch den Abend.

Frau Modler-El Abdaoui lud die Teilnehmer ein, sich darüber auszutauschen, welche Erfahrungen die Paten im Bereich der interkulturellen Begegnung machen. Die Diskussion über die aktuelle Arbeit in den Familien im Rahmen eines Perspektivwechseltrainings war ein weiteres Thema.

Im Mittelpunkt des Abends stand die Arbeitserfahrung der einzelnen Patinnen und Paten mit dem Ziel, ein effektiveres und individuell anpassbareres Arbeiten in den Familien zu ermöglichen. Gleichzeitig wurde den ehrenamtlich agierenden Helfern die Möglichkeit gegeben, von individuellen Situationen oder Erlebnissen zu berichten, welche sie in der Vergangenheit überraschten, erfreuten oder aber auch überforderten.

Mit der Frage, wo den Paten interkulturelle Fragestellungen in Ihrer Arbeit entstehen und welcher Art diese seien, richtete sich die Ethnologin zu Beginn der Veranstaltung an das Plenum. Die Diesterweg-Paten sind teilweise seit vielen Jahren in den Familien aktiv. Eins war allen gemein: Die Freude darüber, die Entwicklung der jungen Menschen sowie ihre wachsende Selbstständigkeit begleiten zu dürfen – teilweise sogar über das Stipendium hinaus.

Es folgte eine kleine Übung: Gegenstände wie Gebetsketten, Kopfbedeckungen und Anhänger aller Art sowie Karten und Nahrungsmittel sollten den vier Punkten "Glaube, Ritual, Tradition, Alltag" zugeordnet werden. Eine eindeutige Differenzierung erwies sich dabei als gar nicht so leicht.

Stereotypen überwinden

Frau Modler-El Abdaoui lieferte anschließend einen interessanten und spannenden Input zum Thema des Abends. Ausgehend von Stereotypen, die als abgespeicherte Orientierungssysteme fungieren, nehme der Mensch automatisch und unbewusst soziale Kategorisierungen vor. Dabei kategorisiere er nicht nur andere, sondern auch sich selbst. Stereotype würden die Varianz an Wahrnehmungsmöglichkeiten und damit einhergehend die Varianz von Deutungsspielräumen sowie Verhalten einschränken, sodass der Mensch unflexibel werde in der Kommunikation. Von Bedeutung sei es deshalb, sich dieser automatischen Kategorisierung in (interkulturellen) Interaktionen bewusst zu sein und ihr so entgegenwirken zu können, so Modler-El Abdaoui. 

Verursacher von Spannungen zwischen Kulturen sei der mangelnde Kontakt zwischen diesen, da nur der interkulturelle Kontakt beidseitige Stereotype aufbrechen könne sowie Eigen- und Fremdwahrnehmung spiegeln könne, so die Referentin. Die Patinnen und Paten äußerten in diesem Zusammenhang nahezu ausschließlich positive Erfahrungen mit "ihren" Familien und beschrieben einen überwiegend offenen Umgang mit den Kindern und Jugendlichen des Diesterweg-Stipendiums, was sie auf die Arbeitsweise des Programms zurückführen würden. Dieses sei in seiner aktuellen und unterstützenden Form ein "Paradebeispiel für Integration".

Flexibilität gewinnt

Weitergehend beschrieb die Referentin den hohen Wert einer flexiblen Herangehensweise an verschiedene Kulturen und betonte die Möglichkeit eines interkulturellen Miteinanderwirkens, wenn man offen sei und seine Herangehensweise situationsbedingt anpasse. Sie bezeichnete Kultur als Lebensweise, die nicht in sich geschlossen sei, sondern von den Menschen mitgestaltet werden könne, sodass eine "Zwischenkultur", ein "dritter (neuer) Weg" entstehe. Zum Abschluss stellte Frau Modler-El Abdauoui Dialogregeln vor, entwickelt vom Vorbereitungsteam der Frankfurter christlich-islamischen Woche der Begegnung, wobei die erste und vielleicht wichtigste folgende ist: "Wir nehmen die Haltung eines/r Lernenden ein" – ein Rezept für interkulturelle Begegnungen gibt es nicht.

(Text: Jana Streit, Leon Bollmann)