21. August 2017

Diesterweg-Schulseminar: Extra-Schicht für die Zukunft

von Jens-Ekkehard Bernerth

Wenn andere Kinder im Schwimmbad sind, legen die Stipendiaten des Diesterweg-Stipendiums in den Sommerferien eine Extras-Schicht ein. Das Diesterweg-Schulseminar lehrt Deutsch, Mathe und Englisch, und bringt den Kindern viel Spaß - und Wissen.

Raum 2009 im zweiten Stock der Volkshochschule Frankfurt ist gut gefüllt. Jeder Stuhl ist mit einem Diesterweg-Kind besetzt. Es ist Deutschstunde.

Zwei Wochen lang läuft das Diesterweg-Schulseminar. Ähnlich wie beim DeutschSommer wird mit den Kindern Deutsch geübt, zusätzlich gibt es aber auch noch je eine Woche Mathe- und Englischunterricht. Bei den Kindern kommt die zusätzliche Trainingseinheit gut an: "Es macht mehr Spaß als in der Schule", sagt Diesterweg-Kind Aster, "hier wird spielerischer und besser erklärt, wie es geht." Ihr Kollege Kena pflichtet bei: "Wir lernen hier auch mehr als in der Schule." Ein Kompliment, über das sich Projektleiterin Beate Moran sehr freut: "Wir wollen den Kindern einen Vorsprung geben, wenn sie auf die weiterführende Schule kommen. Ich bin davon überzeugt, dass sie Situationen erleben werden, in denen sie sich selbst organisieren müssen, und sind durch das Training gut gewappnet."

Der Unterricht ist in drei Blöcke geteilt: Im ersten Block wird geschrieben, im zweiten vorgetragen, im dritten werden die eigenen Fehler korrigiert und Grammatikhürden wie der richtige Gebrauch von "ein" und "einen" exemplarisch erklärt. Nach Ansicht von Deutschlehrerin Ana Milisavljevic ist diese Gliederung vorteilhaft für die Kinder: "Sie bekommen viel mehr mit dadurch, sie arbeiten selbstständig und lernen, wie sie ihre eigenen Fehler verbessern." Beate Moran pflichtet ihr bei: "Ich glaube, dass es äußerst sinnvoll ist, kontinuierlich an gewissen Kompetenzen zu arbeiten. Beispielsweise eigene Texte zu verbessern, Erfolgserlebnisse zu haben, den Text auf diese Weise zu durchdringen. Die Kinder sind unendlich stolz, wenn sie einen Arbeitsschritt abgeschlossen haben."

Auch gegen Schüchternheit wird im Schulseminar etwas getan: "Lautes Vorlesen stellt für viele oft eine Hürde da. Wenn wir das den Kindern im spielerischen Kontext beibringen, macht es ihnen große Freude; das Entdecken einer Kinderzeitschrift ist auch etwas, das Spaß macht und bei den meisten nicht zum Alltag gehören dürfte." 

Abwechslungsreiche Inhalte, großer Lerneffekt

Die Lektüre ist ein bekanntes Wissensmagazin für Kinder, die Kinder üben damit ihr Lese- und Schreibverständnis. Dazu müssen sie sich einen Text aussuchen und sich notieren, worum es in dem Artikel geht und was daran das Besondere ist. "Den Comic kannst du aber nicht nehmen", mahnt Frau Milisavljevic ein Diesterweg-Kind, "es muss schon ein Bericht sein."

Dawid und Fabian – der eine im FC-Barcelona-, der andere im FC-Bayern-Dress – haben sich einen Text über die australischen Quokkas, putzige Kurzschwanzkängurus, ausgesucht, und schreiben bereits fleißig die Zusammenfassung. Amira hingegen muss erstmal das Arbeitspapier aus ihrem Rucksack holen. Ihre Familie ist noch nicht mal zwei Jahre in Deutschland, sie ist eines von drei Mädchen mit unmittelbarer Fluchterfahrung, die in der sechsten Diesterweg-Generation dabei sind.

Projektleiterin Beate Moran unterstützt die Kinder bei ihren Aufgaben. Es fällt auf, dass ein Großteil der Kinder die Arbeit selbstständig und konzentriert verrichten. "In den Osterferien haben wir bereits einen Kurs namens 'Das Lernen lernen' durchgeführt, in dem wir gewisse Methoden geübt haben, beispielsweise das Nachschlagen im Wörterbuch", erläutert Moran das gewissenhafte, disziplinierte Vorgehen der Kinder, "jetzt wenden die Kinder die Inhalte schon in der Praxis an."

Kleine Vorträge machen mutig

Nach der Schreibzeit folgt die Sprechzeit, die Kinder tragen ihre gesammelten Erkenntnisse vor. Mariam fängt an. Sie erzählt über Sireta, ein estländisches Mädchen, das neue Rekorde auf der "Kiik" anstellen will, einer rund 3.000 Euro teuren Hochschaukel. Dounia hingegen berichtet aufgeregt von einem britischen Klavierstimmer, der in einem 110 Jahre alten Klavier einen Goldschatz im Wert von 200.000 Euro gefunden hat. Im Anschluss an die Vorträge werden Fragen gestellt – etwa, was ein Klavierstimmer überhaupt ist. Falls ein Vortragender mal keine Antwort weiß, versuchen sich die Kinder gemeinsam die Bedeutung zu erschließen. Eins ist dabei deutlich zu spüren: Die Kinder sind sehr stolz auf ihre Leistung, und alle sind mit Feuereifer dabei.

Mündlich zählt

Die mündliche Mitarbeit ist enorm wichtig für die gesamte Schullaufbahn, wie Beate Moran aufgrund ihrer eigenen Vergangenheit als Gymnasiallehrerin weiß: "Auf der weiterführenden Schule macht die mündliche Note zum Teil mehr als 50 Prozent der Endnote aus. Deshalb ist das Trainieren der mündlichen Mitarbeit ungeheuer wichtig. Ich habe in meiner Karriere als Gymnasiallehrerin viele stille Schüler erlebt, für die es ein großes Problem war, wenn das Endergebnis im Zeugnis nicht dem entsprach, was sie schriftlich geleistet hatten. " Um die Kinder in diesem Punkt nochmal stärker zu machen, wird in den kommenden Weihnachtsferien der Kurs "Mündlich gut" abgehalten.

Den Kindern macht die "Extraschule" ganz offensichtlich Spaß, und Kena und seine Kollegen wissen auch ganz genau, warum die Diesterweg-Kinder in den Ferien Extraschichten einlegen: "Wir lernen ja, damit wir uns vorbereiten, gut in die fünfte Klasse zu kommen."