07. Februar 2017

Diesterweg-Stipendium in Bonames: Ankommen und Hineinfinden

von Stephan Hübner

In Frankfurt-Bonames wendet sich das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern erstmals gezielt den Bedürfnissen geflüchteter Familien zu.


Seit Sommer 2016 leben Familien Geflüchteter in der neuen Unterkunft am Alten Flugplatz von Frankfurt-Bonames. Dort gibt es nicht nur ein Dach über dem Kopf und die Möglichkeit, im neuen Land anzukommen, sondern auch anregende Freizeit- und Bildungsangebote – wie das neue Diesterweg-Projekt für Flüchtlingsfamilien Frankfurt-Bonames. Mit ihm ist Deutschlands erstes Familienbildungsstipendium, das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern, erstmals speziell an die Bedürfnisse Geflüchteter angepasst worden.

"Die Unterkunft in Bonames ist eine Familiensiedlung und damit ideal, um das Familienprojekt Diesterweg-Stipendium an die Bedürfnisse geflüchteter Familien anzupassen", sagt Pfarrer Dr. Michael Frase, der beim Evangelischen Regionalverband das für den Standort verantwortliche Diakonische Werk für Frankfurt am Main leitet. Deswegen ging er schon im Frühling 2016 auf die Stiftung Polytechnische Gesellschaft zu, die das Stipendium 2008 entwickelte, um Kindern bildungsferner Familien begabungsgerechte Chancen beim Wechsel in die fünfte Klasse zu eröffnen.

Gemeinsam beriet man, wie in Bonames Integration von Anfang geschehen könne. "Die Familien sollten gleich nach ihrer Ankunft erste Schritte in die deutsche Bildungslandschaft machen können", so Frase. "Das gelingt am besten, wenn man sie direkt anspricht, und das kann man in der Anlage hervorragend."

Starke Partner

Der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, holte die Linsenhoff-Stiftung ins Boot und gewann die Unterstützung einer Frankfurter Mäzenin, die ungenannt bleiben will. Für seine Stiftung, so Kaehlbrandt, liege die Förderung auf der Hand: "Wir sind in der Flüchtlingshilfe auch mit der Koordinierungsstelle Frankfurt hilft aktiv und haben 2016 in unserem Sprachferiencamp für Drittklässler, dem DeutschSommer, einen innerstädtischen Standort für Flüchtlingskinder etabliert. Da lag es nahe, auch mit dem Diesterweg-Stipendium in diese Richtung zu gehen, zumal wir mit der Diakonie schon in anderen Bereichen bestens zusammenarbeiten."

Bisher wurden im Frankfurter Diesterweg-Stipendium rund 640 Personen gefördert, bilanziert Gisela von Auer, die Beauftragte für Nachhaltigkeit und Transfer der Polytechnischen Stiftung. "Deutschlandweit haben inzwischen neun weitere Standorte das Programm übernommen, so dass bis heute 1.400 Personen aufgenommen wurden, auch aus geflüchteten Familien. Diese Erfahrungen sind für den Standort Bonames besonders wertvoll."

"Bildung kann nie genommen werden"

Wertvoll ist zudem die Unterstützung durch Ann Kathrin Linsenhoff, die Stifterin und Vorstandsvorsitzende der Linsenhoff-Stiftung. Sie stellt fest: "Gute Bildung hängt immer mehr vom sozialen Status ab. Umso wichtiger sind Projekte wie dasDiesterweg-Stipendium. Die Beteiligten haben eine – vielleicht einmalige – Chance, ihren Bildungsweg und ihre soziale Teilhabe als gesamte Familie nachhaltig zu verbessern, und ich freue mich, dass es diese Chance nun auch für Flüchtlingsfamilien in Frankfurt gibt. Diese Familien haben schmerzhafte Verluste erlitten. Bildung aber kann einem nie genommen werden."

Im ersten Projektdurchlauf werden in Bonames zwölf Kinder aus elf Familien gefördert, berichtet Sylvie Berlit, die den Arbeitsbereich Flüchtlinge der  Diakonie Frankfurt leitet. "Insgesamt nehmen 60 Personen teil – die Stipendiatenkinder im Alter von zehn, elf Jahren, ihre Eltern und ihre Geschwister. Die Familien kommen aus Afghanistan, Syrien und dem Irak, aus Pakistan und Eritrea. Sie haben alle eine unglaubliche Motivation, aktiv lernen und sich einbringen zu wollen, und schätzen das niedrigschwellige, abwechslungsreiche Angebot, das ihnen im noch unvertrauten Deutschland gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht."

Erstaunliche Integrations-, Entwicklungs- und Lernfortschritte

Ihre Kollegin, Projektkoordinatorin Laetitia ten Thije, begleitet die Familien im Alltag und hat seit deren Aufnahme im November 2016 schon erstaunliche Integrations-, Entwicklungs- und Lernfortschritte festgestellt: "Auffällig ist, wie sehr Bildung vereint: Unter den Kindern sind, herkunftsunabhängig, viele Freundschaften entstanden, die auf der gemeinsame Sprache Deutsch gründen. Wortschatz, Lese- und Ausdrucksfähigkeit haben sich deutlich verbessert – nicht zuletzt, weil das Stipendium vielfältige Sprachanlässe bietet: von kleinen Reden vor der Gruppe bis zu eigenen Bühnenauftritten. Viele Kinder sind auch sehr ehrgeizig und wollen zum Beispiel die Intensivklasse so schnell wie möglich verlassen, um in die Regelklasse zu kommen."

Die Eltern wiederum seien dankbar für jede Art der Unterstützung, sagt ten Thije, "denn sie sehen ihre Kinder als ihre Hoffnung." So entwickelten sie ein Interesse für die Situation anderer Familien, brächten eigene Themenvorschläge in das Stipendium ein und zeigten sich wissbegierig und interessiert. "Zu den Eltern ist mittlerweile ein intensives Vertrauensverhältnis entstanden."

Nicht zuletzt stelle das Stipendium ein Training in Regelmäßigkeit, Verlässlichkeit, Pünktlichkeit und Verbindlichkeit dar. "Die Projektstruktur schafft einen verbindlichen Rahmen für alle Beteiligten und hilft ihnen, sich besser in der neuen Heimat zurechtfinden – auch und vor allem dann, wenn sich mit der Zeit der Schonraum der Unterkunft Stück für Stück auflöst und die Konfrontation mit dem Alltag greift."

In der Mediathek finden Sie noch ein Faktenblatt zum Diesterweg-Projekt in Bonames sowie die Galerie zur Veranstaltung.

(Text: Stephan M. Hübner, Foto: Uwe Dettmar)