04. September 2020.

Diesterweg-Stipendium: "Man hat gespürt, dass alles von Herzen kam"

von Jens-Ekkehard Bernerth

Die  Familie Ahmed Salih rund um Diesterweg-Kind Muram gehörte der 6. Generation des Diesterweg-Stipendiums an. Der siebenköpfigen Familie aus dem Sudan haben die eineinhalb Jahre sehr geholfen und sie auf vielfältige Weise vorangebracht. Dabei hebt sie im Gespräch vor allem die Betreuung durch das Diesterweg-Team hervor.

Foto: Dominik Buschardt


"Man hat gespürt, dass alles von Herzen kam. Und wenn es von Herzen kommt, geht es direkt ins Herz," lobt Osama, der Familienvater, die einfühlsame und wohlwollende Begleitung durch das Diesterweg-Team. Die Nahbarkeit und die verlässliche Begleitung ist ein Markenzeichen des Programms: Familien werden nicht nur sporadisch zu Ereignissen und Veranstaltungen eingeladen, sondern haben die Möglichkeit, stets ein offenes Ohr sowie Rat und Tat zu erhalten.

Dafür wurde auch im vergangenen Jahr das Elterncafé etabliert: Einmal wöchentlich treffen sich Elternteile vormittags gemeinsam mit Mitarbeiterinnen der Stiftung zu einem lockeren, ungezwungenen Austausch. Anfangs noch vor Ort in der Stiftung, später wurden aufgrund der Corona-Situation diese Treffen digital durchgeführt - mit großem Erfolg, wie Beate Moran, Projektleiterin des Diesterweg-Stipendiums, zu berichten weiß: "Das digitale Elterncafé ist sogar niedrigschwelliger, da Mütter nicht mit öffentlichen Verkehrsmitteln durch die ganze Stadt mit den schweren Kinderwägen fahren müssen."

Auch Ranya, Mutter von Diesterweg-Stipendiatin Muram, hat mit Begeisterung und großer Regelmäßigkeit am Eltern-Café teilgenommen: "Das ist so super, man kommt mit anderen Familien ins Gespräch, kann sich Ratschläge holen, gemeinsam die Sprache lernen oder macht Dinge zusammen; beispielsweise haben wir mal Seife hergestellt", lobt die Mama von fünf Kindern, die im Sudan Wirtschaftswissenschaften studiert hat.

Die 11-jährige Diesterweg-Stipendiatin Muram hat mit dem Besuch des Deutschsommers die Stiftung vorab bereits kennengelernt. Ihre Grundschullehrerin hat sie im Anschluss für das Diesterweg-Stipendium vorgeschlagen, was ihr zuvor kein Begriff war. "Ich war sehr neugierig und wusste nicht, was mich erwartet", erzählt sie. "Ich hätte es mir anders und langweiliger vorgestellt, ich dachte, es ist wie Schule. So hat es mich positiv überrascht." Die Empfehlung durch die Lehrerin hat die Mutter überzeugt, ihre Tochter anzumelden: "Ich habe der Lehrerin vertraut und dachte, dass das Diesterweg-Stipendium vielleicht ja auch mir hilft. Und das war die richtige Entscheidung: Die letzten eineinhalb Jahre waren sehr schön, ich habe viele neue Freundschaften dadurch geschlossen und unsere ganze Familie hat von Murams Stipendium profitiert. Besonders loben möchte ich auch die Kinderbetreuung, dadurch war es nie langweilig und die ganze Familie konnte teilnehmen, etwa beim Ausflug zum Bieneninstitut in Oberursel, der für mich ein Höhepunkt war."

Freundschaften und Eindrücke fürs Leben

Aber nicht nur die Mutter hat vom Diesterweg-Stipendium profitiert, auch die Geschwister von Muram können nur Positives berichten: "Eine meiner besten Freundinnen habe ich durch das Stipendium kennengelernt, sie war auch ein Geschwisterkind", berichtet die 16-jährige Lina. Ihre 15-jährige Schwester Tina ergänzt: "Für mich war der Ausflug in das Chemielabor der Goethe-Universität prägend. Ein Labor von innen habe ich zuvor noch nie gesehen, und könnte mir vorstellen, später als Chemielehrerin zu arbeiten." Der Laborausflug war auch für Muram der Höhepunkt in ihrer Stipendiatenzeit. Sie überlegt, nach der Schule Medizin zu studieren. Vater Osama hingegen hat die Einführungsveranstaltung sehr beeindruckt: "Ich fand es toll, dass nicht die Kinder die Eltern zu einer Veranstaltung begleitet haben, sondern wir Eltern die Kinder. Sie standen im Mittelpunkt. Das hat mich begeistert. Den Schauspieler Michael Quast, der den alten Diesterweg gespielt habe, fand ich grandios." 

Michael Quast in seiner Rolle als Adolph Diesterweg hat Vater Osama sehr beeindruckt. Foto: Dominik Buschardt

Besonders erfreut hat die Eltern der positive Einfluss des Stipendiums auf ihre Tochter Muram: "Die Art und Weise, wie sie inzwischen denkt und spricht, ihre Wortwahl, der Satzbau, das ist wirklich bemerkenswert, wie sich das intensiv verbessert hat", freuen sie sich. "Das sind nicht die Dinge, die sie in der Schule gelernt hat. Dieses Stipendium hat sie weit vorangebracht, und wir als Familie haben gleichzeitig viel über die deutsche Kultur gelernt. Es hat uns auch als Familie zusammengebracht." 

Das Stipendium als Türöffner

Einig ist sich die Familie über den Wert des Diesterweg-Stipendiums: "Es ist einfach super", sagt Muram. "Es hat viele Türen geöffnet", pflichtet Tina bei. "Als 15-Jährige kann man ja sonst nicht einfach in eine Universität spazieren und sich umsehen." Insgesamt ist die Familie äußerst angetan vom Stipendium, weshalb sie sich auch gleich für das Nachfolgeprogramm Diesterweg plus angemeldet haben. "Wir haben uns wirklich sehr gerne dafür angemeldet", lacht Mutter Ranya, "man bereut es definitiv nicht. Das Gemeinschaftsgefühl mit den anderen Familien und den Betreuerinnen ist einzigartig, man hat das Gefühl, über alles reden zu können." "Nicht nur die materielle Unterstützung des Stipendiums, sondern vor allem die menschliche und fachliche Begleitung sind etwas ganz Besonderes", unterstreicht Osama.
 
Wenig verwunderlich, dass die Familie gern an ihre Zeit als Diesterwegsstipendiaten zurückdenkt. Auf die Frage, welches Wort jedem einzelnen Familienmitglied einfällt, wenn es an das Diesterweg-Stipendium denkt, kommen starke, positive Adjektive wie "intensiv", "überraschend", "schön", "bestärkend" und "hilfreich" - eine wunderbare Auszeichnung des deutschlandweit einzigartigen Familienstipendiums, das nicht nur Bildung mit sich bringt, sondern auch neue soziale Kontakte, Prägungen und Erfahrungen, die womöglich sonst nie gemacht worden wären.

Die 6. Generation des Diesterweg-Stipendiums wurde im August 2020 verabschiedet. Momentan laufen die Kennenlerngespräche für die 7. Generation.