17. November 2017

Ein Leben für die Kunst

von Jens-Ekkehard Bernerth

StadtteilHistorikerin Ruth Krämer-Klink liebt die Kunst. Doch beschränkt sich diese Liebe nicht nur auf bunte Graffitis, wie die Frankfurterin im Porträt verrät.

Foto: Dominik Buschardt


"Sich mit über 60 Jahren mit Graffitis zu befassen, ist vielleicht nicht alltäglich", lacht Ruth Krämer-Klink. Die 63-Jährige freut sich über ihre Vorliebe für die Outdoor-Kunstwerke, die sie seit elf Jahren dazu bringt, mit dem Fotoapparat bewaffnet durch Frankfurt-Bockenheim zu ziehen. Wahllos geht sie dabei jedoch nicht vor, in erster Linie lichtet sie Gemälde, Stencils, Schablonenkunst oder aufgeklebte Plakate ab: "Ich muss zugeben, die Auswahl ist subjektiv, eine reine Schmiererei oder einen Tag, also das bloße Kürzel eines Graffiti-Künstlers, vernachlässige ich; aber sobald es künstlerisch ansprechend ist, verewige ich es."

Besonders angetan hat es ihr der Künstler Cityghost, der mit seinen putzigen Geister-Bilderchen schon so manche Örtlichkeit in Frankfurt verziert hat. Die Begeisterung ging bei Krämer-Klink sogar so weit, dass sie ein Fotobuch über die Geister des Frankfurter Künstlers auf den Mülleimern des Grüneburgparks veröffentlicht hat: "Nach der Sanierung des Parks waren die dann leider alle weg. Vor kurzem habe den Künstler persönlich kennengelernt, was mich sehr gefreut hat, weil ich seine Arbeit schon sehr lange verfolge und die auch sehr mag. Er ist quasi mein Favorit", berichtet sie stolz.

Ein Zufall als Auslöser

Den Auslöser für die Sammlung, die auf der Internetseite www.bockenheim-aktiv.de zu bewundern ist, hat ausgerechnet die Fußballweltmeisterschaft 2006 gegeben: "Da war ein Graffiti an der Breitenbachbrücke, das eine Deutschlandkarte in Form eines Fußballfelds und Fußballer gezeigt hat, die man sofort erkannt hat. Da habe ich ein Foto von geschossen, und mir erstmal nichts dabei gedacht." Wie der Zufall es so wollte, war jedoch ein Bekannter auf der Suche nach genau diesem Motiv: "Es war zum damaligen Zeitpunkt bereits übermalt. Da habe ich ihm mit meinem Foto aushelfen können." Gleichzeitig sollte dieses Erlebnis ein Denkanstoß für Ruth Krämer-Klink sein: "Es hat mir gezeigt, dass es sich bei Graffitis um eine vergängliche Kunstart handelt, egal, wie schön das Motiv sein mag. Es gibt zwar das ungeschriebene Gesetz, dass man ein gutes Graffiti nicht einfach übermalt, aber offensichtlich hält sich da nicht jeder dran. Und da wurde die Idee geboren, nach und nach ein Graffiti-Archiv einzurichten", erklärt sie.

Graffitis sind jedoch nur ein Interessensgebiet der gelernten Apothekerin. Sie ist selbst als Künstlerin aktiv, malt gerne klassisch mit Acryl- und Aquarellfarben, ist in einer Künstlergruppe ihres Heimatortes Groß-Gerau aktiv und seit vielen Jahren begeisterte Hobby-Fotografin: "Ich habe 1990 meinen ersten Kalender für meine Apotheke selbst fotografiert. Dazu haben vier Freundinnen und ich einen Streifzug durch das Bahnhofsviertel unternommen und dieses bis in die Hinterhöfe hinein erkundet. Das war bis heute eine meiner interessantesten Erfahrungen, ein absolut schöner Tag. Aus dieser Aktion entstand auch eine Ausstellung, die unter anderem im Frauenhaus gezeigt wurde und auch im Bahnhofsviertel in einem Gemeindehaus."

Kreativität, Ungeduld, Spontanität, Beharrlichkeit

Kreativität ist allerdings nur eines der Wörter, die Ruth Krämer-Klink beschreiben. Die anderen lauten Ungeduld, Spontanität und Beharrlichkeit. Vor allem letzteres ist stellvertretend für den Lebenslauf von Krämer-Klink, die aus Groß-Gerau stammt und dort nach dem achtjährigen Besuch der Volksschule zunächst zwei Jahre auf die kaufmännische Berufsfachschule ging und im Anschluss eine Lehre zur Apothekenhelferin machte.

Das war der Startschuss für eine pharmazeutische Karriere, an deren Ende zwei eigene Apotheken standen: "Mein Werdegang war ein wenig atypisch. Nach der Weiterbildung zur Pharmazeutisch-technischen Assistentin habe ich drei Jahre in dem Beruf gearbeitet, wurde dann aber aus wirtschaftlichen Gründen entlassen." Doch anstelle zu hadern, besuchte die junge Frau das Abendgymnasium Frankfurt und holte dort das Abitur nach, gefolgt vom Studium der Pharmazie: "Das war nicht der einfachste Weg. Ich hatte mal zwei Apotheken, davon habe ich eine verkauft. Meine jetzige möchte ich in naher Zukunft veräußern. Es reicht jetzt auch."

Großprojekte in Planung

Für die Zeit im Ruhestand kommt Muße nicht in Frage. Im Gegenteil, die nächsten Projekte sind schon in Planung: "Ich bin absolut keine Stubenhockerin, mir fehlt was, wenn ich nicht draußen war. Ich bin jahrelang die B44 von meinem Heimatort nach Frankfurt gefahren. Ist zwar nur ein kleines Stück, aber immerhin. Inzwischen habe ich rausgefunden, wo die B44 anfängt und wo sie aufhört. Sie ist zwar nicht so lang wie die Route 66 in Kalifornien, aber da sie schon mal besungen wurde - es gibt einen B44-Blues, schwebt mir ein Projekt vor, die Bundesstraße mit Fotos und mit den einzelnen Stationen, die ich mir ausgesucht habe, zu porträtieren. Das ist ein größeres Projekt, das nicht in drei Wochen erledigt ist."

Nicht um Asphaltkilometer, sondern um Brunnen dreht sich das andere Langzeitprojekt, an dem die Pharmazeutin schon seit Jahren arbeitet: "Ich habe mir vorgenommen, sämtliche Brunnen in Frankfurt zu fotografieren und deren Geschichte zu erzählen. Es gibt mehr Brunnen als öffentliche Toiletten. Das weiß ich, weil mein erstes Buchprojekt 'Geschäfte machen in Frankfurt – Konjunkturunabhängig' eben über öffentliche Toiletten war. Nachdem ich aber schon so lange das Projekt am Laufen habe, gibt es so manchen Brunnen nicht mehr. Die Welt ist nun mal im Wandel."

Was Ruth Krämer-Klink für Erfahrungen während des StadtteilHistoriker-Stipendiums gemacht hat, berichtet sie im Kurzinterview:

Welche Inspirationen haben Sie durch das Stipendium und die damit verbundenen Veranstaltungen erhalten? Inwieweit wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

 Sich mit geschichtlichen Themen z. B. Biografien von Frankfurter Künstlern zu befassen. Bevorzugt aus Bockenheim.

Wie hat sich Ihr Leben durch die Stiftung und das Stipendium verändert?

Fokussierter ein Ziel verfolgen

Was war das schönste Erlebnis, das sie während Ihrer Zeit als Stipendiatin gemacht haben?

In meinem Stadtteil Bockenheim ein Juwel zu entdecken - das Feuerwehrmuseum - von dem ich bisher nichts wusste.

Was nehmen Sie aus der Begegnung mit den anderen Stipendiaten mit?

Offener Umgang, Hilfsbereitschaft

Welche Projekte streben Sie als nächstes an?

Ein Kunstprojekt mit einer Gruppe in der ich schon viele Jahre Mitglied bin.

Der Begriff "polytechnisch" beschreibt ein Menschenbild, das von vielfältigen Talenten eines Menschen ausgeht. Konnten Sie im Laufe Ihrer Stipendiatenzeit neue Talente an sich entdecken oder ausbauen?

Ganz ehrlich - nein, aber vielleicht kommt es ja noch.