15. September 2020.

Festrede "500 Jahre Lateinschule - ein halbes Jahrtausend Bildung"

von Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt

Lesen Sie die Festrede von Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt zu Ehren des 500-jährigen Jubiläums der Frankfurter Lateinschule, die 1897 in den beiden Bildungseinrichtungen Goethe-Gymnasium und Lessing-Gymnasium aufging.

Foto: Peter Kaplan


Verehrte Festgemeinde!

Als mich die beiden Schulleiter vor ein paar Monaten aufsuchten und mir die heutige Festrede zu 500 Jahren Lateinschule antrugen, schoss mir ein Bild durch den Kopf. Ich sah mich im Alter von zehn Jahren auf einer von verschiedenen Schnitzarbeiten verzierten hölzernen Schulbank in einem Kölner Gymnasium sitzen und den ersten lateinischen Satz lesen und verstehen: Er lautete „asinus es“, also „Du bist ein Esel. Natürlich probierten wir Sextaner als erstes diese lateinische Schmähung aus, also sprachen wir im Schulbus allen möglichen Passagieren den Esel zu, es merkte ja keiner, denn nur wir konnten Latein!

Aber schon bald stand uns die alte Sprache nicht mehr so leicht zur Verfügung. Vieles Unbekannte galt es zu verstehen: Es gab keinen festen Satzbau in dieser Sprache, denn die Fälle machten es ja möglich, die Wörter an eine x-beliebige Stelle zu setzen. Man musste also die Wortarten genau erkennen: Substantiv, Adjektiv, Adverb, Verb, Pronomen. Das war gar nicht so einfach, denn es gab ja auch keine Artikel und auch keine Groß- und Kleinschreibung wie im Deutschen. Für so manche grammatische Besonderheit brauchte man detektivischen Spürsinn, um sie zu erkennen.

Zum Beispiel den Ablativus absolutus, den vom Satz losgelösten Ablativ. Das muss man erst einmal verstehen und im Satz erkennen.  Denn den Ablativ gibt es im Deutschen nicht. Es ist der fünfte Fall. Man kann ihn mit durch übersetzen. Und wenn man den Ablativ dann erkennt, muss man auch noch ein dazugehöriges Partizip erkennen, also etwa durch die wiedergefundene Freiheit, im Lateinischen „libertate recuperata“. (auf dem Kapitel der alten Stadtbibliothek, jetzt Literaturhaus). Und das muss man dann in diesem Fall im Deutschen als temporalen Nebensatz übersetzen: nachdem die Freiheit wiedererlangt worden war. Man muss also ein hoch verdichtetes Latein in ein ausführlicheres Deutsch übertragen. Ja, in der Übersetzung zeigen sich die Unterschiede der Sprachen!

Wenn man das versteht, versteht man, dass es in den Sprachen verdichtete und ausführliche Formen gibt. Man versteht, dass manche Sprachen die Ausführlichkeit begünstigen (wie z.B. das Deutsche) und dass andere eher zur Verdichtung neigen (wie z.B. die Fremdsprache Latein).

Dieses Fremdheitserlebnis ist sicherlich das, was man ein Bildungserlebnis nennt. Herr Mieles hat dieses humanistische Bildungserlebnis in einem unserer Gespräche „Welterkennung durch Sprache“ genannt, und zwar eben gerade durch die alten Sprachen und die geistige Welt, die sie hervorgebracht haben und der sie das sprachliche Rüstzeug an die Hand gegeben haben.

Dieses Fremdheitserlebnis der alten Sprachen zeigt uns ja, dass die Völker der Welt in ihrer Geschichte die Sprachen nach ihrer eigenen Weltsicht gebaut haben; dass es also nicht eine Sprache gibt, und alles andere seien nur Ausformungen oder Abweichungen davon. Es gibt eben keine festen, vorsprachlichen Ideen, die wir dann nur mit verschiedenen sprachlichen Etiketten versehen. Sondern unsere Ideen, unsere geistige Vorstellung und die Wortgestalt bilden eine Einheit, und zwar je nach Sprache immer eine ganz besondere, einzigartige Einheit.

„Die Sprachen sind das geistige Gesicht der Völker“, wie Wilhelm von Humboldt es einmal gesagt hat.

Nun, die Entdeckung der Eigenheiten der Sprachen und damit der eigenen Relativität, diese Entdeckung machten die Frankfurter Lateinschüler in ihren langen Übersetzungsübungen schon …vor 500 Jahren!

Ja, sie sprachen sogar Latein ab der Tertia, und mich grämt es heute noch, dass unsere Lateinlehrer den Versuch nicht mehr machten, mit uns Latein zu sprechen, denn das wäre doch etwas gewesen, im Schulbus auf dem Nachhauseweg ganze Gespräche über die Passagiere führen zu können, ohne dass wir verstanden wurden! Hätten wir Latein gesprochen, wäre es vielleicht unsere Jugendsprache geworden. Denn die Jugendsprache will ja bekanntlich gerade nicht verstanden werden. Stattdessen wurde es eine Art Englisch. Na ja.

Aber anders und perfekter als wir lernten es die Kinder der Gelehrtenschule in Frankfurt, und zwar seit der erste Direktor der Städtischen Lateinschule in Frankfurt, Wilhelm Nesen, ein Schüler des Erasmus von Rotterdam, am 14. September 1520, also vor 500 Jahren, im Rathausturm Langer Franz mit dem Unterrichten begann. Was für eine Zeit war das? In demselben Jahr schickt sich der portugiesische Entdecker Magellan an, die Welt zu umrunden. Karl V. besteigt den Thron des Heiligen Römischen Reiches. Ein gewisser Martin Luther hält mit einem gewissen Philipp Melanchthon, der eigentlich Schwartzerdt heißt, in Leipzig eine später berühmte Disputation (natürlich auf Latein).

Nicht jede Schule kann von sich behaupten, sie trage Namen wie Erasmus, Melanchthon oder Luther als geistige Patrone. Trug Melanchthon nicht den Namen „Praeceptor Germaniae“, als der „Lehrer Deutschlands“? Man weiß ja, mit welch ungeheuer genauer Kenntnis Luther und Melanchthon die Bibel ins Deutsche übertrugen, und das waren die Vorbilder der Frankfurter Lateinschule!

Die alten Sprachen waren Teil der Bildungsbewegung der Renaissance, genauer des Renaissance-Humanismus. Sie sollten den Eintritt in die Geisteswelt der Antike ermöglichen. In jene antike Welt, die man sich als eine Verbindung von Wissen und Tugend vorstellte, in eine Welt der Persönlichkeitsbildung des schöpferischen Individuums: Das Ideal war die Humanitas, also Menschlichkeit, auch Menschenfreundlichkeit, als humane Grundhaltung und als ausgeprägt sprachliche Bildung. Mit Cicero als der überragenden Figur der römischen Bildungstradition. Sie verkörperte Bildung, Redekunst und Humanitas. Diese Ideale einer vergangenen Epoche sollten lebendig und praktisch werden. Sie waren – anders als im Mittelalter – kein reines Buchwissen mehr.

    Foto: Peter Kaplan

    Die Lateinschulen entstanden aus den Stadtschulen und standen „im Gegensatz zu den deutschen Schreib- und Rechenschulen.“[1] Im Vordergrund stand ein klassischer Bildungskanon: Grammatik, Rhetorik, Dialektik, das alte Trivium, abgeleitet aus den sieben freien Künsten der Antike, den septem artes liberales. Unterrichtssprache war Latein. Ziel war die Vorbereitung auf die Universität. Es ging also nicht um Bildung für praktische Zwecke wie z.B. kaufmännische oder technische Kenntnisse. Im Mittelpunkt standen Übersetzen, Gedächtnistraining und rhetorische Fähigkeiten. Reden, Gedichte, Aufsätze wurden in Latein verfasst. Griechisch, „etwas Mathematik“ und Religion ergänzten den Lateinunterricht.[2]  Die Lateinschulen jener Zeit haben deshalb auch als zweiten Namen die „Gelehrtenschule“. „Festigkeit im Bekenntnis und in der Gelehrtensprache“[3] waren die Bildungsziele. Allerdings unterschieden sich die Lateinschulen von den mittelalterlichen Kloster- und Domschulen dadurch, dass mehr die klassischen römischen Autoren, Cicero zum Beispiel, gelesen wurden als die Kirchenväter, Thomas von Aquin oder biblische Schriften.[4] Die alten Lateinschulen gelten als die Vorform dessen, was später, im 19. Jahrhundert,  das neuhumanistische Gymnasium werden sollte.[5] Und so hatte die Lateinschule in Frankfurt denn auch ab dem 17. Jahrhundert den Titel Gymnasium.

    Nun könnten wir heute in Ehrfurcht erstarren, wenn wir uns vorstellen, dass die Schüler damals alle perfekt Latein sprachen, dichteten, rezitierten und deklamierten. Aber lassen wir die Kirche im Dorf! Denn in den Schulchroniken lesen wir, dass es schon um 1600 Disziplinprobleme gab und dass die Schüler als „schlechte Grammatiker“ galten. Auch waren die Unterrichtsmethoden nicht sehr einladend: Gedächtnisschulung, Auswendiglernen, Nachahmung standen im Vordergrund.

    Und die Lehrer? Es waren damals überwiegend studierte Theologen, keine Pädagogen. Sie mussten ihr karges Gehalt aus sogenannten „gewissen“ Einkünften, also städtischen, und „ungewissen“ Einkünften, nämlich dem Schulgeld nach der Anzahl der Schüler, zusammenverdienen. Ohne Nebenverdienste, z.B. Chorsingen oder Begräbnisbegleitungen, kamen sie gar nicht über die Runden.[6] Da hat sich ja doch etwas verbessert seither...

    In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts änderte sich aber nun einiges im Schulalltag – maßgeblich unter dem Einfluss der Aufklärung. Zwei Schulleiter – Johann Georg Purmann und Konrektor Mosche – sorgen dafür, dass die Fächer Physik, Geschichte und moderne Fremdsprachen hinzukamen, also Französisch und Englisch, und natürlich die eigene Muttersprache: Deutsch.

    Das neuhumanistische Gymnasium nahm also Gestalt an. Es kombinierte das humanistische Erbe der alten Sprachen mit den sogenannten Realien, ohne sich aber rein praktischer Alltagsbewältigung oder auch sonstiger reiner Zweckmäßigkeit zu unterwerfen.

    Diese klassische deutsche Bildungsidee stand im Widerspruch zum Nützlichkeitsdenken der damaligen Zeit. Der bedeutende Latinist Manfred Fuhrmann schreibt dazu: „Durchaus im Sinne Rousseaus galten ihren Anhängern nicht Fortschritte in der materiellen Kultur als höchstes Ziel, sondern die Humanität (…), und entsprechend sollte es für den Einzelnen nicht so sehr auf die berufliche Tüchtigkeit und ökonomische Erfolge ankommen wie auf eine ganzheitliche Entwicklung zu sich selbst, d.h. auf die Entfaltung der in ihm ruhenden Anlagen und Kräfte.“[7] Das Vorbild war und blieb auch im 19. Jahrhundert die Antike, mit einem starken Akzent auf dem Griechenbild der Weimarer Klassik: „Was man den Griechen andichtete, erhoffte man für sich selbst.“[8]

    Dieser besondere deutsche Bildungsbegriff unterscheidet sich durchaus vom praktischen Bildungsbegriff der angelsächsischen Welt, also der „education“. Ich erwähne das nur deshalb, weil immer mehr Bildungsprojekte sich in Deutschland „education projects“ nennen. „Education“ ist eher lebenspraktisch gemeint. Aber „Wilhelm von Humboldt geht davon aus, dass (…) der Mensch durch den Umstand seines Gebildet-Seins seinen Beitrag zur Höherbildung der Menschheit leiste.“[9] Bildung ist hier die Idee der Vervollkommnung, der umfassenden Humanität, der nach Goethe die Einheit aus Geist, Körper und Haltung dient. Im Laufe einer langen Zeit haben sich die beiden Positionen aber auch etwa einander angenähert… Es ist ja auch Platz für beide Aspekte.

    Da Sie mich als Vertreter der Polytechniker eingeladen haben, hier nur so viel zu unserer Bildungstradition: Den Frankfurter Polytechnikern, die sich in der Zeit der Humboldt’schen Bildungsreform, anschickten, auf das Bildungswesen unserer Stadt Einfluss zu nehmen, stand die Nützlichkeit der Bildung an erster Stelle. Übrigens sprach sich einer der Gründer der Polytechnischen Gesellschaft, Adolph Diesterweg, ganz im Sinne moderner Didaktik bereits vor 200 Jahren dafür aus, mehr das Kind als den Stoff in den Mittelpunkt der Schule zu stellen. Er war übrigens Lehrer an der Musterschule und mit 27 Jahren das jüngste Gründungsmitglied unserer Gesellschaft. Später wurde er der geistige Vater der deutschen Volksschule für alle und ein Vorkämpfer für die Lehrerschaft in Deutschland.  

    Die Polytechnische Gesellschaft zu erwähnen ist noch aus einem anderen Grund berechtigt: Denn nicht zuletzt war das Gymnasium Francofurtanum im Jahr 1876 für ein paar Jahre in der Junghofstraße in einem Gebäude der Polytechnischen Gesellschaft untergebracht (was uns freut und ehrt).

    Doch dann kam es zur Trennung in zwei verschiedene Schulen. Das Gymnasium wird 1897 geteilt in die beiden Gymnasien, die wir heute kennen und feiern: in das Lessing-Gymnasium, das die altsprachliche Tradition der Lateinschule fortsetzt, und in das Goethe-Gymnasium, das als neusprachliche Modellschule nach „Frankfurter Lehrplan“ gegründet wird.

    Beide Schulen sind der langen Bildungstradition der alten Lateinschule und des deutschen Gymnasiums verpflichtet, das ist ihr Stamm, so wie sie auch beide der Welt der Sprachen verpflichtet bleiben, die eine vor allem der alten Sprachenwelt Europas, die andere vor allem der modernen.

    Und so ist es gut, dass beide Schultraditionen und –gemeinschaften heute zusammenkommen und dieser gemeinsamen Wurzel, die ein halbes Jahrtausend zurückreicht, und ihrer vielfältigen fruchtbaren Prägungen feierlich gedenken. Und sind die beiden großen Namen Lessing und Goethe nicht im schönsten Sinne würdige Namensgeber nach den alten Patronen Erasmus, Luther und Melanchthon? Aufklärung, Sturm und Drang, Weimarer Klassik: Mit das Beste, was die deutsche Geistesgeschichte hervorgebracht hat: Nämlich die Idee, dass unser Bildungsverständnis nicht engherzig, national borniert und beschränkt sei, sondern gerade weltzugewandt, die Welt verstehend.

    Und so ist es doch zu begrüßen, dass bis heute die alten Klassiker gelesen werden, Lessings Ringparabel, die man jedem Eiferer zu lesen geben sollte, wie auch der Werther und der Faust, unvergleichlich in seiner Sprachkunst wie in der Welterschließung. Diesen Überlieferungszusammenhang sollten wir unbedingt weiterhin pflegen!

    Da freut es mich, dass Herr Wirth bei einem unserer Gespräche sagte (ich habe es mir aufgeschrieben): „Die Klassiker werden notwendig bleiben, um unsere Gesellschaft zu verstehen.“

    Doch zurück zur Zeit der Neuformierung beider Schulen: Der Frankfurter Plan, nach dem das neue Goethe-Gymnasium als neusprachliche Reformschule unterrichtete, gab vor allem dem modernen Französisch und der Muttersprache Deutsch viel Raum. Die Pflege moderner Fremdsprachen machte das neue Goethe-Gymnasium zu einem Vorbild für die Modernisierung.

    Muttersprache plus moderne Fremdsprache – und zwar damals Französisch -, das war der neue Lehrplan, der dem damaligen Rang der französischen Sprache in der Welt durchaus entsprach. „Aus aller Welt kamen die Abordnungen, um die Arbeit nach dem Reformplan zu studieren“, heißt es in einer Gedenkschrift. Der Neustart war gelungen.

    Und auch an dieser modernen Fremdsprache, dem Französischen, gab es ja, ähnlich wie beim alten Latein, viel zu entdecken. Wer dachte, Französisch sei leichter zu lernen als Latein, der hatte sich versehen! Es war und ist ja z.B. eine echte Kunst, allein die Frageform Qu’est-ce que c’est? für die einfache Frage „was ist das?“ zu schreiben. Oder denken Sie an die vielen Möglichkeiten, die französische Endung – o zu schreiben (au, aux, ôt, ôts, eaux).  

    Auch lebendige moderne Sprachen verlangen den Einsatz von etwa 10.000 Stunden, um wirklich beherrscht zu werden. Und ich erinnere mich, dass einmal eine mir bekannte Französin sogar in Tränen ausbrach, weil auch sie selbst ihre Muttersprache nie perfekt beherrschen würde. Für Franzosen eine schreckliche Vorstellung! - die aber zugleich den großen Respekt vor der sprachlichen Überlieferung bezeugt, der bei unseren westlichen Nachbarn immer noch Tradition ist.

    Und deshalb: Wer die hohe Kunst sprachlicher Eleganz erlernen will, der sollte auch heute unbedingt in die französische Sprachkultur eintauchen, denn welche andere Sprachgemeinschaft hat ihre eigene raffinierte Stiltradition so hartnäckig verteidigt und bewahrt wie die französische? (Wir jedenfalls ganz bestimmt nicht!)

      Foto: Peter Kaplan

      Die deutsche Bildungsgeschichte der ersten Hälfte des letzten, des 20. Jahrhunderts ist ein eher bedrückendes Kapitel. Zwar blitzten in der Weimarer Zeit Anregungen aus der Jugendbewegung und der Reformpädagogik auf. Sie hatten günstigen Einfluss auf das Schulleben in Deutschland – auch auf jenes unserer beiden Gymnasien: Schülermitbestimmung, inhaltliche und methodische Freiräume brachen sich zaghaft Bahn. Die Landschulheimbewegung hatte ihre guten Folgen im Schullandheim des Goethe-Gymnasiums in Oberreifenberg.

      Bis heute aber scheint es vielen von uns Heutigen ein Rätsel und zugleich eine Mahnung, wie rasch, gewissermaßen im Handumdrehen, große Bevölkerungsteile einer Bildungs- und Kulturnation sich zuerst in den Dienst nationalistischer Kriegshetze stellten und sich nur 15 Jahre später sogar für die verbrecherischen Ziele des Nationalsozialismus gewinnen ließen.

      Bildung und Kultur sind offenbar doch in vielen Fällen eine dünne Haut, wenn erst einmal grundstürzende Verwerfungen geschehen. Der geistige Überbau der deutschen Bildungstradition widerstand nur wenig den beiden großen politischen Kulturbrüchen des letzten Jahrhunderts. Die Sprachskepsis des angehenden 20. Jahrhunderts und die Untergangsfantasien eines Oskar Spengler waren Vorboten. - In beiden Schulen wird aber heute eine aktive Erinnerungskultur gepflegt, so zum Beispiel das im Jahr 2001 eingeweihte Memorial des Lessing-Gymnasiums für die ehemaligen jüdischen Schüler und Lehrer, die Opfer des NS wurden.

      Die Gebäude beider Schulen werden gegen Kriegsende schwer beschädigt, und ein Neubeginn mit Schichtbetrieb (das kennen wir coronabedingt heute auch wieder!) in wechselnden Unterkünften unter kärgsten materiellen Bedingungen nimmt nach Kriegsende seinen Lauf bis hin zu den beiden Neubauten, in denen unsere beiden Gymnasien, das eine seit 1959 (Goethe), das andere seit 1968 (Lessing) bis zum heutigen Tage wirken.

      In der Zeit des bildungspolitischen Reformeifers, nämlich 1969, entwickelte das Goethe-Gymnasium den bilingualen Unterricht (deutsch-englisch) und war damit eine der ersten Schulen in Deutschland. Heute ist der bilinguale Zug mit IB-Diplom als Leuchtturm die konsequente Fortsetzung der damaligen Innovation.

      Der bildungspolitische Reformeifer mündete in den 70er-Jahren in erbitterte Auseinandersetzungen über den Kurs des deutschen Schulwesens, eine Zeit voller Experimente, aber auch voller Zerwürfnisse. Zugleich aber auch eine Zeit, in der die junge Generation sich selbstbewusst zu Wort meldet und in vielen deutlich verjüngten Lehrerkollegien auch Gehör findet. Zwar war die Studentenschaft das Sprachrohr der jungen Generation, aber auch in den Schulen und insbesondere in den Gymnasien wuchs eine kritische Jugend heran, die für neue didaktische Formen aufgeschlossen war.

      Manche Chronisten der deutschen Bildungsgeschichte erblicken aber in jener Zeit den Ursprung eines allgemeinen Niedergangs. Der alte Streit zwischen Wissen und Kompetenz, zwischen auf der einen Seite dem klassischen Bildungskanon und auf der anderen Seite der Fähigkeit zur Bewältigung von Anforderungen  im Sinne eines fachlichen wie auch sozialen Wissens, dieser alte Streit wird heute nun glücklicherweise nicht mehr mit derselben grundsätzlichen Erbitterung geführt wie damals.

      Ich finde, dass in beiden Ansätzen viel kluge Erfahrung bewahrt ist, dass sie aber in ihrer Ausschließlichkeit jeweils das verlieren, was die andere Richtung ihnen zur Vervollständigung geben könnte. Gewiss brauchen unsere Kinder und Jugendlichen bestimmte Fertigkeiten wie Lernkompetenz, moralische und politische Kompetenz, Medienkompetenz, interkulturelle Kompetenz. Es ist die Befähigung zu einem selbstbestimmten Leben in moderner Zeit. Ich würde sogar noch drei neue Kompetenzen hinzufügen, die gerade unsere Zeit der nachwachsenden Jugend abverlangt und die sie selbst auch einfordert, nämlich Umgang mit Unterschiedlichkeit; Umgang mit Unsicherheit; und Umgang mit Komplexität.

      Aber andererseits reicht es nicht aus zu wissen, wo man das Wissen suchen muss. Beispielsweise ist historisches Wissen das Wissen um Zusammenhänge, um lange Entwicklungslinien, die man nicht „einfach so“ nachlesen kann. Ein Häppchenwissen reicht hier nicht aus.

      Und auch heute gilt übrigens: Nicht alles erschließt sich uns im Handumdrehen, nicht alles wird durch Bildung mundgerecht und „transparent“. Manches nämlich gerade nicht, je tiefer man in die Materie eindringt. Es ist ebeneine Fremdheitserfahrung nötig, um etwas zu erkennen. Nur sie führt zum Nach- und Selberdenken.

      Mir scheint mit Wolfgang Klaffki, dem großen Didaktiker, die Faszination des richtig gewählten, des für die Welterschließung elementaren Stoffs die Quelle erfolgreichen Lernens zu sein, eben weil der Stoff selbst Faszination entfaltet – nicht aber eine „Umverlagerung der Aufmerksamkeit von Inhalten auf Methoden.“[10]

      Von dieser „Umverlagerung“ kann aber bei unseren beiden Abkömmlingen der alten Frankfurter Lateinschule, dem Lessing- und dem Goethe-Gymnasium, keine Rede sein. Beide Schulleiter betonen, dass Bildung vor allem Zusammenhänge erkennen lassen soll. Dass es ihren Kollegien darum geht, Wissensaneignung und Kompetenzen zu verbinden. Dass sie Argumentation und Dialog vermitteln wollen. Und dass sie sich mit ihren engagierten Kollegien für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Verantwortungsbereitschaft einsetzen.

      Man sieht es an so vielem: Am ‚Lessing-Codex“, der von der ganzen Schulgemeinde unterzeichnet wird und der in der humanistischen Tradition steht. „Weltbürger werden“, hat Herr Wirth mir gegenüber ein Bildungsziel des Goethe-Gymnasiums genannt.  Hier verbindet sich die Humanitas der Antike mit ganz modernen Bildungszielen, wie zum Beispiel der „gelebten Internationalität“ (Herr Wirth). Und Herr Mieles hat für das Lessing-Gymnasium die Internationalität als wichtige Chance und Herausforderung formuliert, gerade auch mit Blick auf außereuropäische Kulturen. Humanitas eben!

      Meine Damen und Herren, man soll eine Schule an ihren Schülerinnen und Schülern erkennen.

      Wenn man durch die beiden Schulgebäude läuft und mit Euch ins Gespräch kommt, dann ist man beeindruckt von der Freiheitlichkeit, die Ihr ausstrahlt. Gut informiert, reflektiert, kritisch, neugierig, und oft mit einer guten Prise Humor. In vielen verschiedenen Projekten lerne ich immer wieder Jugendliche aus den beiden Schulen kennen, ob beim Großen Rechtschreibwettbewerb oder im Kolleg für junge Talente oder auch beim Projekt Meine Zeitung. Ihr strahlt das aus, was Sie, Herr Wirth, mir in einem unserer Gespräche gesagt haben: „Sie entdecken ihr Talent. Sie formulieren Kritik, ja auch Widerstand. Und sie entwickeln selbst Widerstandsfähigkeit.“ Und auch wie Sie, Herr Mieles, es mir einmal gesagt haben: „Sie entdecken die Möglichkeiten kultureller und politischer Teilhabe.“ Das kann man wohl von Eurer Generation sagen: Ihr meldet Euch zu Wort! Das ist gut so. Denn wer sonst kann die Themen auf die Agenda setzen, die die Zukunft bestimmen, wenn nicht Ihr?

      Aber daran wirken zwei große Schulkollegien, viele engagierte Lehrkräfte, interessierte Eltern, ja, zwei ganze Schulgemeinden mit. Aus den Quellen einer 500-jährigen Tradition und aufgeschlossen für die moderne Zeit!

      Dazu gratuliere ich! Oder um es mit den Lateinschülern von 1520 zu sagen: Gratulor! Mit anderen Worten: Summa cum laude!

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      N.B. Mein herzlicher Dank geht an Dr. Oliver Ramonat für klugen Rat und hilfreiche Literaturhinweise. 

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      Fußnoten:

      [1] Enzyklopädie der Neuzeit, Artikel Lateinschule.

      [2] Ebenda.

      [3] Paulsen, nach Bruning, S. 282.

      [4] Fuhrmann, S. 24.

      [5] Bruning, S. 279.

      [6] Ibid., S. 306.

      [7] Fuhrmann, S. 49/50.

      [8] Ibid., S. 50.

      [9] Aktionsrat Bildung, 2015, Bildung: Mehr als Fachlichkeit, S. 21.

      [10] Ibid., S. 37.

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      Literaturverzeichnis:

      • Brunding, Jens: Das protestantische Gelehrtenschulwesen im 18. Jahrhundert; Pietismus – Aufklärung – Neuhumanismus. In: Hammerstein, Notker; Herrmann, Ulrich, Hrsg. (2005): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Band II. 18. Jahrhundert. Vom späten 17. Jahrhundert bis zur Neuordnung Deutschlands um 1800. München. S. 278 – 323.
      • Fuhrmann, Manfred (2002): Bildung. Europas kulturelle Identität. Stuttgart.
      • Gruschka, Andreas, Verstehen lehren. Ein Plädoyer für guten Unterricht. Stuttgart.
      • Hammerstein, Notker; Herrmann, Ulrich, Hrsg. (2005): Handbuch der deutschen Bildungsgeschichte, Band II. 18. Jahrhundert. Vom späten 17. Jahrhundert bis zur Neuordnung Deutschlands um 1800. München.
      • Meinert A. Meyer; Hilbert Meyer, Hrsg. (2007): Wolfgang Klafki. Eine Didaktik für das 21. Jahrhundert. Weinheim und Basel.
      • Ewald Terhart (2009): Didaktik. Eine Einführung. Ditzingen.
      • Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft e.V./ Aktionsrat Bildung (2015): Bildung: Mehr als Fachlichkeit. Münster.