26. Juni 2018

Frankfurter HausGespräche: Manieren sind Ausdruck von Moral

von Constantin Groß

In der achten Auflage der Frankfurter HausGespräche 2018 bezogen namhafte Experten in der Evangelischen Akademie Stellung zum Thema "Die Kunst der Mitte – Bildung, Sprache, Umgangsformen". Moderiert wurde der Abend vom Stiftungsvorsitzenden Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt.

Über die Ausgangsfrage des Abends, inwiefern die Mitte der Gesellschaft ausgleichend auf die öffentliche Meinung und soziale Umgangsformen einwirken könne, diskutierten Prof. Dr. Christa Dürscheid, Professorin für Deutsche Sprache an der Universität Zürich, Prof. Dr. Sigrid Roßteutscher, Professorin am Institut für Soziologie der Goethe-Universität Frankfurt, Expertin für den politischen und soziokulturellen Wandel. Julia Jung, Doktorandin der Musikpädagogik sowie Alumna des Main-Campus-Stipendiatenwerks der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und der Schulleiter der Schulleiter der Ernst-Reuter-Schule II in Frankfurt, Gerhard Schneider, wurden zum Thema Schule befragt. Der Bestsellerautor Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate sprach über Moral und Manieren.

Zum Thema Sprachgebrauch und Kommunikationsverhalten in Zeiten der modernen Kommunikation äußerte Frau Prof. Dürscheid, es finde derzeit ein Sprachwandel statt. Der Drang eines ausgeprägten Kommunikationsbedürfnisses und die Nutzung des Internet als riesiger Resonanzraum stießen in der Gesellschaft bisweilen auf Ablehnung. Dürscheid hob aber vor allem die positiven Seiten der modernen Kommunikationsmöglichkeiten hervor, etwa die kontakthaltende Freizeitkommunikation im Netz, die dem Gespräch ähnele. Die harmlosen Kommunikationsvorgänge seien das eigentlich Normale, nicht die vielbeachteten Auswüchse.

Ein besonderes Beispiel für einen Impuls aus der Mitte stellt die integrative Ernst-Reuter-Schule dar. Das Motto "Jeder ist willkommen" bezieht sich auf die Heterogenität der Schüler sowie des Kollegiums, das nicht nur Lehrer umfasst, sondern auch Ergotherapeuten und Sozialpädagogen. Es bedürfe, so Schulleiter Schneider, einer besonderen Aufmerksamkeit im Umgang miteinander, um eine gemeinsame Schulkultur zu entwickeln. Diese Arbeit zahle sich aber aus. Nicht zuletzt erreichten 75 Prozent der Schüler die Oberstufe. Eine ähnliche Erfahrung mit "Atmosphäre im Unterricht" teilte auch Julia Jung. Man müsse die Kinder wahrnehmen und ihnen Zeiten der Ruhe gewähren, mahnte die angehende Lehrerin.

"Den anderen wahrnehmen und wertschätzen", ist auch das Credo von Prinz Asserate, der zum Thema Manieren einen gleichnamigen Beststeller geschrieben hatte. Kants "Kategorischer Imperativ" und die eigene Definition "Manieren sind der ästhetische Ausdruck von Moral" bilden für Asserate den Grundstein für ein gutes gesellschaftliches Zusammenleben. Die junge Generation sei – entgegen allen kulturpessimistischen Einlassungen – höflicher als es seine eigene gewesen sei.

Professorin Roßteutscher führte aus, dass die politische Mitte ein Erfolgsrezept deutscher Politik sei. Mitte bedürfe aber auch der Gelegenheiten und der Orte der Begegnung und der fruchtbaren Auseinandersetzung. Die Politikwissenschaftlerin mahnte einen intensiven Kontakt der verschiedenen Milieus, insbesondere in den Stadtteilen an.