02. Januar 2021.

Gemeinsinn für Frankfurt

von Friederike von Bünau

Die Bedeutung von Kooperationen im Stiftungssektor wächst: Stiftungen begreifen sich immer mehr als Impulsgeber, die in Netzwerken denken. Auch die Stiftung Polytechnische Gesellschaft steht als kooperative Stiftung im ständigen Austausch.

Foto: Dominik Buschardt


Vom Philosophen Martin Buber stammt der Satz »Alles wirkliche Leben ist Begegnung«. In seinem Denken entwickelt sich das eigene Ich erst in der Begegnung mit dem Anderen, dem Du. Diese Erfahrung kennen wir wohl alle aus unserem Alltag. Im Zusammensein mit anderen Menschen und Kulturen werden wir uns des Eigenen oft umso mehr bewusst, schärfen den Blick darauf, wer wir sind und nicht sind – vielleicht auch darauf, wer wir einmal sein wollen. Dies kann durch Einigkeit und Unterstützung ebenso befördert werden wie durch Reibung oder Abgrenzung – im Gegenüber spiegeln und entwickeln wir uns. Kann, was für Menschen und Kulturen gilt, auch für Organisationen gelten?

Als die Stiftung Polytechnische Gesellschaft vor 15 Jahren gegründet wurde, waren da ein stattliches Vermögen und eine großartige Idee, die in eine Satzung gegossen wurde. Wie der Zweck gelebt und umgesetzt werden würde, war anfangs unklar. Schaut man heute in den Tätigkeitsbericht, erfährt man von Projektketten und -transfers, zählt auf den letzten Seiten mehr als 100 Partner und bekommt eine Ahnung davon, was in den Jahren seit der Gründung gedacht, bewegt, geschaffen wurde. Die Arbeit der Stiftung zeugt von vielerlei Begegnung.

Da treffen im Haus in der Untermainanlage kreative und engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zusammen, in den Projekten werden Menschen aus verschiedenen Disziplinen, Milieus und Generationen gefördert, anschließend in einem Alumni-Netzwerk verbunden. Und dann arbeiten unterschiedliche Institutionen zusammen – oft über Jahre – und bringen ihre Kräfte und Kompetenzen in eine überzeugende Initiative oder ein gemeinsames Vorhaben ein. Und all dies wirkt in- und miteinander.

In allen vier Themenbereichen wird die Zusammenarbeit mit Stiftungen gesucht und darüber hinaus auch mit anderen Einrichtungen wie der Stadt Frankfurt und dem Land Hessen. Der Deutschsommer, der seit mehr als zehn Jahren in den Sommerferien stattfindet, ist ein Beispiel dafür. Das Projekt richtet sich an Drittklässlerinnen und Drittklässler mit erhöhtem Sprachförderbedarf. Das Ziel ist, die Kinder vor dem Übergang in die wegweisende vierte Klasse in ihrer Sprach- und Persönlichkeitsbildung zu unterstützen. Dazu werden sie für drei Wochen zu einem besonderen Programm eingeladen, bei dem sie spielerisch ihre Deutschkenntnisse verbessern, ein Theaterstück entwickeln und die Rhein-Main-Region in einem Freizeitprogramm entdecken.

Der Erfolg dieser Idee und ihre regionale Verortung sind beeindruckend. Das zeigt die Liste der Kooperationspartner ebenso wie der Weg über die Grenzen der Stadt Frankfurt hinaus. Das Hessische Kultusministerium, das Dezernat für Integration und Bildung, das Amt für multikulturelle Angelegenheiten, die Schulämter sowie das Deutsche Jugendherbergswerk unterstützen den Deutschsommer ebenso wie einige Stiftungen durch die Übernahme von Stipendienplätzen. Und mittlerweile sind mehrere Städte in der Rhein-Main-Region ebenfalls Gastgeber und Organisator.

»Alles wirkliche Leben ist Begegnung.«

Martin Buber

Philosoph

Ähnlich eingebettet in eine breite Beteiligungsstruktur ist das Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern, das erste Bildungsstipendium für Familien in Deutschland. Seit 2008 wird alle zwei Jahre eine neue Generation Viertklässler aus Frankfurter Grundschulen gefördert. Das Besondere ist, dass nicht nur die Grundschüler, sondern auch deren Eltern und Geschwister im Fokus des Programms stehen. Mittlerweile wurde das Diesterweg-Stipendium von neun weiteren Kommunen zwischen Hamburg, Dortmund und Berlin Spandau aufgegriffen und umgesetzt.

Die Liste ließe sich fortsetzen und zeigt, wie sich kluge Vorhaben ihren Weg bahnen und sogar einen bleibenden Platz in den Institutionen finden können. Sie sind auch ein Beispiel dafür, was die Arbeit von Stiftungen dieser Größe und Professionalität für eine Stadt und damit für die Gesellschaft leisten. Solche Stiftungen begreifen sich immer weniger als einsame, mäzenatische Wölfe, sondern als agile, philanthropische Impulsgeber, die in Netzwerken denken. Sie können und wollen viel mehr als reine Projektförderer und Geldgeber sein. Im besten Fall agieren sie als soziale Entwickler, erproben neue Formate, bringen Akteure aus verschiedenen Sektoren an einen Tisch, sammeln Mitdenker und Förderer. Ihre Unabhängigkeit und langfristige Orientierung erlauben es ihnen, die Sache und die Lösung in den Vordergrund zu stellen. Mit diesem veränderten Selbstverständnis steigt auch die Bedeutung von Kooperationen. Das zeigen nicht nur die Statistik und verschiedene Umfragen im dritten Sektor, die beispielsweise der Bundesverband Deutscher Stiftungen regelmäßig durchführt.

Auch in den Wirtschaftswissenschaften wird das Thema »Kooperation« im Unterschied zum »Wettbewerb« zunehmend als eine sinnvolle (und im Übrigen auch glücklicher machende) Strategie bewertet. Die Vorteile liegen auf der Hand. Die Partner erschließen sich gegenseitig zusätzliche finanzielle und personelle Ressourcen sowie ergänzende Kompetenzen mit fachlichem oder lokalem Wissen. Dadurch werden Kosten eingespart und Synergieeffekte genutzt, Wirkung und Bekanntheit erhöht.

Über den offenkundigen Nutzen und die für beide Seiten gewinnbringende Situation hinaus geht es bei Kooperationen meines Erachtens noch um mehr. Sie berühren und verändern die Menschen sowie die Organisation mit ihrer jeweiligen Kultur. Gerade in der Unterschiedlichkeit der Partner aus verschiedenen Sektoren, mancher Fremdheit, die sich nicht vereinnahmen lässt, liegen Formen des Produktiven. Wenn die  Zusammenarbeit gelingt, können Lösungen entstehen, die im Alleingang nicht möglich gewesen wären.

So geschehen bei der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die durch ihre Arbeit in den letzten 15 Jahren nicht nur viele Menschen unterstützt hat, die eigenen Potenziale zu entfalten, sondern mit ihrem integrierenden Ideenreichtum auch ihr Profil und ihre Identität zu einer kooperativen Stiftung entwickelt hat. Ein Glücksfall für Frankfurt! 

Dieser Artikel stammt aus der Polytechnik 2/2020

Friederike von Bünau ist Geschäftsführerin der EKHN Stiftung, Vorstandsmitglied der Initiative Frankfurter Stiftungen und Vorstandsvorsitzende des Bundesverbands Deutscher Stiftungen.