18. Oktober 2019

Herbstakademie der 4. Generation des Kollegs für junge Talente: im Zeichen der Aufklärung

von unseren Gastautorinnen

Die Herbstakademie markiert den alljährlichen Start einer neuen Stipendiatengeneration des Kollegs für junge Talente. Gleichzeitig ist der mehrtägige Ausflug eine immens wichtige Maßnahme für das Teambuildung, die Selbst- und Fremdwahrnehmung sowie das Stärkentraining der jungen Leute – und dafür, dass die Kollegiatinnen und Kollegiaten in kürzester Zeit zu einer verschworenen Einheit werden. Dorothea Stark und Lena Sieling berichten. 

Foto: Dominik Buschardt


"Bist du Goofy? Bist du Goofy?", schallte es gefühlt stundenlang aus dem Seminarraum der Ferienstätte Dorfweil, während die 22 Stipendiatinnen und Stipendiaten des Kollegs für junge Talente blind versuchten, den einen "Goofy" unter sich zu finden, um sich mit ihm zu einer Kette zu verbinden.

Aber gehen wir einen Schritt zurück.

Angekommen am Sonntagabend war das erste, was wir erlebten, das leckere Essen. Manch ein Jugendlicher schlich sogar viermal zum Buffet, um sich noch mehr Nachtisch – am liebsten die Poffertjes – zu holen. Sofort war die besondere Atmosphäre zu spüren, als am Tisch die Gespräche von Schulen, LKs und Lehrern zu philosophischen Fragen nach Platons Höhlengleichnis und den Kugelmenschen sowie zu naturwissenschaftlichen Problemen wechselten. Schon bald wurde klar, dass sich hier eine Gruppe gefunden hat, in der sich über alle möglichen interessanten Themen ausgetauscht werden kann, bei denen die meisten unserer Mitschüler vermutlich nur genervt die Augen verdrehen würden. Die Namen waren innerhalb von wenigen Stunden allen bekannt und am Ende des ersten Tages stellte ein Mädchen fest: "Es ist als würden wir uns schon ewig, nicht erst einen halben Tag lang kennen."

Unser Jahr im Kolleg für junge Talente steht unter dem Thema der Aufklärung. Und so zog sich „Sapere aude (Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen)“ – laut Kant der „Wahlspruch der Aufklärung“ – durch die ganze Freizeit, und begegnete uns immer wieder.

So auch bei dem folgenden „Spiel“, das mich viel zum Nachdenken angeregt hat. Jede Person bekommt eine ihr unbekannte Spielkarte an die Stirn geklebt. Während des Spiels darf nicht gesprochen werden. Herausfinden, welche Karte man am Kopf trägt, kann man nur, indem man sich gegenseitig begrüßt, in einer Art und Weise, wie man es der Spielkarte des Gegenübers entsprechend für angebracht hält. Man bildet sich also sein Selbstbild ausschließlich aus der Interpretation des Fremdbildes.

Die Reaktionen waren extrem.

Während As und König beinahe angebetet wurden und die Füße geküsst bekamen, wurden die 2er geschubst, getreten, mit verächtlichen Blicken bedacht und sogar aus dem Raum verbannt. Es war völlig egal, wie sich die Menschen verhielten, beachtet wurde ausschließlich ihre Karte. Und das Schlimme war: alle spielten mit. Alle folgten dem System, denn es ist ja nur ein Spiel. Und das will ich ja nicht kaputt machen. Es wird schon alles seine Richtigkeit haben. Die Tage über haben wir gelernt Vertrauen in die anderen aufzubauen. Wir haben gelernt, uns zurückzunehmen und einfach mit dem Strom zu schwimmen, wenn andere mehr Ahnung hatten. Und gerade das war der Grund, warum unsere Gruppe so gut funktioniert hatte.

Bis zu diesem Zeitpunkt. Bis zu diesem Moment, von dem nachher alle sagten, sie hätten mal besser revoltiert. Während des Spiels habe ich mich gefühlt wie jemand anderes. Ich habe nach den Regeln des Spiels und nicht nach meinen eigenen Werten gehandelt. Und im Nachhinein war es natürlich leicht zu sagen, also ich hätte den 2ern geholfen.

Aber warum habe ich das dann nicht getan? Aus Angst vor dem As? Weil ich das Spiel nicht „kaputt machen“ wollte? Die Wahrheit ist, dass mir in dem Moment gar nicht in den Sinn kam, das System zu hinterfragen. Ich war gut darin geworden, die Gegebenheiten zu akzeptieren und das Beste aus ihnen zu machen. Ich hatte nicht den Mut, mich meines eigenen Verstandes zu bedienen. Niemand hatte das. Oder zumindest war niemand in einer Rolle, die etwas hätte verändern können.

Es wäre übertrieben und utopisch zu denken, diese eine Übung hätte unsere Gruppe komplett verändert, und wir wären danach mit allem kritischer umgegangen. Aber mir jedenfalls ist klargeworden, wie schnell man seinen eigenen Verstand, der oft gar nicht so falsch liegt, ausschaltet und das Denken anderen überlässt. Und wie schnell einem das zum Verhängnis werden kann. Dass man in einer Gruppe zwar nicht immer die Führung übernehmen muss, aber dennoch hinterfragen sollte, was man tut.

Die tiefe Bindung zwischen den Stipendiaten resultierte auch aus den nächtlichen Werwolf-Runden, in denen mehr diskutiert wurde, als manche Menschen es vermutlich an einem ganzen Tag tun würden, und den vielleicht witzigsten falsch zugeordneten Zitaten beim Game of Quotes, die die Welt wohl je gesehen hat. Die nächtlichen Besuche des Schwimmbads erhöhten den Spaßfaktor ebenfalls durch mehr oder weniger faire Turmkampf-Turniere, und schon bald war auch der Kicker eingeweiht. Auch wenn sich kein Stipendiat fand, der wirklich gut auf dem Klavier begleiten konnte, und die Vorstellungen von guter Musik stark auseinandergingen, wurde nach Herzenslust zusammen gesungen und musiziert.

Keine Grüppchen in der Gruppe

Der besondere Zusammenhalt zeigte sich auch daran, dass sich keinerlei Grüppchen innerhalb der Gruppe bildeten, sondern sich jeder mit jedem verstand und manchmal noch bis in die frühen Morgenstunden auf den Zimmern geredet wurde. Nach einer beendeten Themeneinheit wurde nicht einfach abgeschlossen und fortgefahren, sondern weiter diskutiert und vor allem weitergespielt, wenn eine Aktion wie "Goofy" Gefallen gefunden hatte.

Nachdem der Dienstag viel mit Bewegung zu tun hatte, hatten wir am Mittwoch Zeit zum Reden und Diskutieren. Es ging darum, sich Gedanken über seine eigenen Stärken und Wertvorstellungen zu machen, was für mich persönlich wenig neue Erkenntnisse brachte, dennoch eine schöne Gelegenheit war, sich gegenseitig besser kennenzulernen. Schnell entstanden eifrige Diskussionen über Begriffe wie "Gnade", "Demut" oder "Idealismus", unter denen viele in den Feinheiten etwas Unterschiedliches zu verstehen schienen.

Tanz an der Panikzone

In einer Abschlussrunde des Tages sollte jeder, ohne jegliche Relativierung, eine seiner Stärken erläutern, was viele aus ihrer Komfortzone heraus und teilweise ziemlich nah an die Panikzone (von unserer Gruppe auch gerne „böse Zone“ genannt) brachte. Das Schwere hierbei war, dass Stärken für die meisten von uns eben etwas Relatives sind. Ob wir gut in etwas sind, messen wir daran wie gut es andere können, und je nachdem, mit wem wir uns vergleichen, kommen wir auf grundlegend verschiedene Ergebnisse. Der Aussage "ich bin musikalisch" oder "ich bin sportlich" würden zwar einige aus dem Kolleg zustimmen, aber ich glaube die meisten hätten den Drang ein "aber ich übe auch nur so und so oft, und mache das erst seit ein paar Jahren. Ich bin jetzt in meiner Gruppe nicht der Beste" hinzuzufügen, und die Aussage zu relativieren. In ein Verhältnis zu stellen zu investierter Zeit, zu den Leistungen, die andere im eigenen Umfeld erbringen, und zu den Möglichkeiten und Chancen, die deiner Stärke zugutekamen.

Aber warum wollen wir das ganze so unbedingt einordnen?

Mir, Lena, ist besonders der Verzicht auf Formulierungen wie "meiner Meinung nach" und "ich persönlich würde denken" schwergefallen. Denn was, wenn andere ein ganz anderes Bild von mir haben, und die von mir beschriebene Stärke gar nicht in mir sehen? Würden sie mich dann nicht für arrogant halten? In dieser Situation sah das niemand so, weil wir uns alle derselben Herausforderung stellen mussten. Für mich war nicht die eigentliche Schwierigkeit, eine Stärke zu finden, sondern viel mehr aufzuhören, mir Gedanken darüber zu machen, was andere von mir denken, wenn ich sie äußere. Ich glaube, wir versuchen unsere Stärken zu relativieren, um keine zu hohen Erwartungen zu erwecken und um besser dazustehen, wenn andere die eigene Auffassung nicht teilen sollten.

Wenn man Stärken weniger auf Musik, Sport oder Technik bezieht, sondern vielmehr auf positive Charaktereigenschaften, wird es wesentlich schwieriger sich selbst mit anderen zu vergleichen. Dafür sind wir umso angewiesener auf das Fremdbild, auf Feedback. Doch mit 16 Jahren habe ich einfach noch nicht so umfassendes Feedback erhalten, dass ich mir daraus eine wirkliche Persönlichkeit basteln könnte. Also muss ich mich selbst einschätzen, auf einer Skala ohne Einheiten, auf der man sich so leicht vertuen kann. Und weil wir wissen, dass wir in unserer Einschätzung danebenliegen könnten, versuchen wir uns schon mal provisorisch zu rechtfertigen. Und auch hier ein Verweis auf "Sapere aude!", das uns ermutigt, es einfach zu versuchen.

Und das Fazit?

"Mein Highlight dieser Fahrt waren und sind die Menschen", sagte jemand in der Abschlussreflektion der Herbst-Akademie. Und wir waren und sind uns einig: Die Herbst-Akademie 2019 war für uns alle eine unglaubliche und fantastische Erfahrung. Wir haben in diesen nicht einmal fünf Tagen eine starke Gemeinschaft aufgebaut, in der sich jeder Einzelne öffnen kann. Wir haben unheimlich lustige und bewegende Momente miteinander verbracht, die uns fest miteinander verbunden haben. Und wir freuen uns wirklich auf das kommende Jahr im Kolleg für junge Talente.

Text: Lena Siebling und Dorothea Stark

Interview mit Projektleiter Konrad Dorenkamp

1. Wie lief die Herbstakademie?

Die Herbst-Akademie war spannend, aktiv, fokussiert, mit leichtem Mut, viel Spaß und großer Ernsthaftigkeit.  Tolle junge Leute haben die Schulen uns geschickt! Die Herbst-Akademie ist das Auftakt-Seminar eines jeden Kollegjahres. Da geht es darum, einander gut kennenzulernen, damit man sich an den sieben Kollegtagen in freundschaftlicher Atmosphäre gemeinsam in die Themen stürzen kann. Lernen geht dann viel besser, wenn alles von Vertrautheit und gemeinsamen Spaß an der Sache getragen ist. Deshalb geht es in der Herbst-Akademie um Teambuilding, um Selbstwahrnehmung und um bewusstes Nachdenken über Stärken, Werte und Selbstbild.

2. Wie kam die Herbstakademie bei der neuen Generation an? 

Ich finde, dieses Zitat von Lena Sieling sagt ziemlich viel: „[...]Wir waren uns einfach zu einig: die Herbst-Akademie 2019 war für uns alle eine unglaubliche und fantastische Erfahrung. Wir haben in diesen nicht einmal 5 Tagen eine starke Gemeinschaft aufgebaut, in der sich jeder Einzelne öffnen kann. Wir haben unheimlich lustige und bewegende Momente miteinander verbracht, die uns fest miteinander verbunden haben. Und wir freuen uns wirklich auf das kommende Jahr.“

3. Wie viele Kollegiaten gibt es? Von wie vielen Schulen stammen sie, wie ist das Verhältnis?

In der vierten Generation sind 12 Mädchen und 10 Jungs aus 21 Schulen dabei, sie stammen von Frankfurter Gymnasien, Gesamtschulen und Realschulen.

4. Auf das Kollegjahr gesehen: Gibt es Neues? Oder dieselben Schwerpunkte bei den Seminaren wie in den Jahren zuvor, etwa Mathematik, Musik, Philosophie, Geographie/Meteorologie, Demokratie?

Das Schöne an einem Studium generale ist, dass jedes Thema passt, solange der Referent es gut aufbereitet und die Kollegiaten begeistern kann. In diesem Jahr freuen wir uns, dass Prof. Willaschek von der Goethe-Universität einen Tag zur Philosophie der Aufklärung gestaltet. Denn das vierte Kollegjahr trägt das Motto "Aufklärung!". Neu im Programm ist auch ein Thementag zur Bionik ("Von feuerliebenden Käfern und Speikobras…"), und ein Kollegtag zur humanen Evolution mit dem Titel "Wie wir wurden, wie wir sind". Auch ein Tag zum Thema "Qualitätsjournalismus in Zeiten schneller Kommunikation" ist neu im Programm.

Der Gedanke, mit diesen aufgeweckten jungen Menschen solche Themen anzugehen, macht mir großen Spaß!