09. April 2020.

"Hoffnung ist schneller" - Worum wir uns gerade kümmern

von Kaehlbrandt / Krommer

Das Team der Stiftung Polytechnische Gesellschaft arbeitet derzeit aus Gründen gesundheitlichen Schutzes bis auf eine Rumpfmannschaft vollständig mobil von zuhause aus. Alle Stiftungsmitarbeiter sind telefonisch, per E-Mail oder Videokonferenz erreichbar. Technisch ist das machbar, menschlich zunächst eher ungewohnt. Im nachfolgenden Text gibt der Vorstand einen Einblick, wie die Stiftung auf die veränderten Rahmenbedingungen reagiert und worum sie sich gerade kümmert. 

Foto: Sebastian Schramm


Wir sind eine Begegnungsstiftung: Menschen zusammenbringen, Gemeinschaft zu ermöglichen, Vielfalt und Zusammenhalt zu vereinen, das ist unsere Aufgabe. Wir sind eine Bildungsstiftung: Wir vermitteln auf vielfältige Weise umfassende Persönlichkeitsbildung. "Bildung, Verantwortung, Frankfurt": Dieses Motto gilt selbstverständlich weiterhin.

Nun ist uns aber die physische Basis für unsere Begegnungsarbeit zunächst entzogen. Das löst vielfältige Suchbewegungen aus. Das ein oder andere wird abgesagt, manches wird zeitlich verschoben oder auch verlängert, vieles in digitale Formen transformiert. Doch so ungewohnt die Lage auch ist: Gegenwärtig agieren wir und agieren unsere Stipendiaten und unsere Partner unverdrossen, beherzt und ideenreich, um unter veränderten Bedingungen das zu tun und zu fördern, was nützt und hilft: von den kleinen Gesten der Solidarität über einfache Botschaften der Humanität bis zu nicht-physischen Formen des Kontakthaltens und Einander-Begegnens.

Kontakt halten

Wir halten den persönlichen Kontakt zu unseren Stipendiaten. Im Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern stehen wir mit allen Familien in telefonischem Kontakt. Wöchentlich sprechen wir mit jeder Familie. Die Familien kennen uns ja gut, die Stimmen sind vertraut. Wir versenden Bildungsmaterialien für die Zeit der vorübergehenden Schulschließung, geben pädagogischen Rat, setzen Telefon-Mentoren ein.

Im Projekt Willkommenstage in der frühen Elternzeit, das in enger Zusammenarbeit mit vier Familienbildungsstätten junge Eltern in den ersten zwölf Lebensmonaten des Kindes unterstützt, halten die Familienbegleiterinnen telefonisch Kontakt zu allen Familien. Ein erstes virtuelles Müttercafé hat regen Zuspruch gefunden. Man muss sich zu helfen wissen!

Anregungen für zuhause

Gern bieten wir sprachliche Anregung an: So eignet sich das breite Trainingsangebot unseres Rechtschreibwettbewerbs www.deutschland-schreibt.de bestens, um gerade in diesen Wochen in der Familie das eine oder andere amüsante und zugleich anspruchsvolle Diktat zu schreiben – mal sehen, wer besser weiß, wie man Koryphäe schreibt! Auch die vielen Übungen zur Rechtschreibung auf der Website des Rechtschreibwettbewerbs stärken die Rechtschreibfähigkeit. Übrigens, wer Deutsch richtig schreiben kann, hat durch die Groß- und Kleinschreibung auch gleich einen Teil der deutschen Grammatik verstanden. Man kann dabei nur klüger werden.

Wir arbeiten daran, für unsere jugendlichen Kollegiaten, die sich eigentlich im Osterkolleg auf Burg Fürsteneck mit dem Thema "Aufklärung" beschäftigen wollten, ein digitales Barcamp anzubieten. Als zugegebenermaßen sehr anspruchsvolle geistige Nahrung schicken wir ihnen für die Osterferien das philosophische Hauptwerk von Hans Jonas, "Das Prinzip Verantwortung", zu, passend für die Zeit.

Die Jungen Mathe-Adler, 100 besonders mathematikinteressierte Schüler, erhalten digitale Übungspakete. Dafür hat das Mathe-Adler-Team der Didaktik der Mathematik der Goethe-Universität mithilfe der App MathCityMap drei Lernpfade zu den Themen Zahlenrätsel, Folgen und Reihen sowie Kombinatorik erstellt. Die Knobelaufgaben und Rätsel können die Kinder auf dem Smartphone individuell von zuhause aus lösen. Das Projektteam begleitet die Kinder im "digitalen Klassenzimmer", einem digitalen Kommunikationstool.

Digitale Möglichkeiten

Die jungen IT-Talente unseres Digitechnikums werden durch Video-Konferenzen bei der Umsetzung ihrer Projekte von ihren Betreuern unterstützt. Ihre Teamarbeit organisieren sie bereits digital mithilfe sogenannter Kanban Boards. Für die Darstellung ihrer Projektideen sind kurze Videos geplant, die beispielsweise als Erklärvideo oder sogenannte Lege-Trick-Filme umgesetzt werden können. Der nächste geplante Blitzvortrag mit einem ehemaligen Main-Campus-Stipendiaten, der heute ein erfolgreicher Informatiker ist, wird online stattfinden.

In unserem Main-Campus-Stipendium für den wissenschaftlichen Spitzennachwuchs werden wir die nächsten Interdisziplinären Kolloquien digital abhalten. Die Teilnehmer am Projekt KEMIE, in dem 48 Familientandems an neun Samstagen unter fachlicher Anleitung chemische Experimente durchführen, erhalten zur Überbrückung das Buch "365 Experimente für den Alltag". Sie können die zuhause durchgeführten Experimente fotografisch dokumentieren, sodass sie online in einer Bildergalerie zusammengestellt werden können.

Gute Ideen – kleine Gesten

Auch unsere Stadtteil-Botschafter richten sich auf die neue Lage ein. So hat Robin Kirchner inzwischen mit Jos Diegel an einem Video-Teaser für sein Projekt "Wrestling for Acceptance" gearbeitet. Die ehemalige Stadtteil-Botschafterin Julia Koldau hat im Rahmen des Hackathon WirvsVirus, der unter der Schirmherrschaft der Bundesregierung stand, in einem Team innerhalb von 24 Stunden die Ermutigungs-Homepage https://hoffnungistschneller.de eingerichtet. "Du hast diesen Link bekommen, weil du ab jetzt ein Hoffnungsträger bist. Jemand traut dir zu, anderen Menschen jetzt eine große Freude zu machen. Deine Aufgabe ist es, drei Menschen eine persönliche Hoffnungsbotschaft zu schenken.", lautet Julias Einladung, Einfälle, Gedanken und Worte der Ermutigung zu schenken. Eine schöne, menschliche Idee!

Die neue Generation der Bürger-Akademiker, die ja alle in Frankfurt vielfältig ehrenamtlich aktiv sind, konnten wir noch am 3. März feierlich aufnehmen. In der jetzigen Lage erarbeiten wir zunächst Möglichkeiten digitaler Begegnung.

Unsere Stadtteil-Historiker sind für Ende März zu einem telefonischen Monatstreffen eingeladen, auch eine Premiere. Für die digitale Dokumentation ihrer Arbeiten wird es nach Ostern eine eigene Homepage geben, auf der zunächst 50 Arbeiten konsultiert werden können. Weitere werden folgen.

Musik verbindet (online)

Auch die Musiker sind findig. Unser Stiftungschor übt derzeit auf einer digitalen Plattform seine Stücke ein. Die Dirigentin unseres Stiftungschores, Lisa Ochsendorf, hat digitale Hörproben zur Verfügung gestellt. Aus dem Projekt Jazz und Improvisierte Musik in die Schule! sind digitale Pakete zum heimischen Üben in Planung. Sie werden für alle Instrumentengruppen aufbereitet. Musiklehrer werden digitale Ordner mit Arbeitsblättern, Lern- und Musiziermedien erhalten, die sie direkt an die Schüler weiterleiten können.

Noch kurz vor Ausbruch der Pandemie haben drei Musiker unserer Stiftungsband Plan Zehn im Gewölbekeller des Polytechniker-Hauses eine kurze Jam-Session aufgenommen. Unser Online-Redakteur Jens-Ekkehard Bernerth hat daraus einen schwungvollen Mini-Film gemacht, der auf YouTube zu sehen ist.

Förderung Dritter

Im Förderbereich stehen wir mit den von uns Geförderten im Gespräch, um zu sehen, was unter den gegenwärtigen Bedingungen unverändert machbar ist, was verändert werden muss und was auf später verschoben werden muss und kann. Wir sind flexibel und müssen es auch sein. Das gilt möglicherweise auch für so manche großen Bildungsprogramme der kommenden Wochen. Die neue Lage erfordert einfach Elastizität.

Dem Spendenaufruf der Goethe-Universität und des Universitätsklinikums Frankfurt für einen Corona-Goethe-Fonds folgt die Stiftung mit einem nennenswerten Betrag. Die Gelder sollen unter anderem für die Forschung an Wirk- und Impfstoffen genutzt werden. Durch unsere Beteiligung am Notfallfonds der Stadt  Frankfurt für freie Kulturschaffende wollen wir als Stiftung Polytechnische Gesellschaft unseren Beitrag dazu leisten, dass Kulturschaffende der freien Szene in dieser besonderen Notsituation infolge der Corona-Pandemie Unterstützung erfahren und ihrer künstlerischen Tätigkeit weiterhin nachkommen können. Denn die Vielfalt der Frankfurter Kunst- und Kulturszene zeichnet diese Stadt aus – sie zu bewahren ist uns ein wichtiges Anliegen.

Administration

Im Vermögensmanagement hat die Stiftung im vergangenen Jahr gut gewirtschaftet und ist für das laufende Jahr trotz aller Turbulenzen gerüstet. Die Zukunft wird allerdings fordernd sein. Die Administration arbeitet unter den veränderten Rahmenbedingungen gewohnt zuverlässig und präzise. Auch die neuen Anforderungen an die technische Infrastruktur werden professionell abgearbeitet, sodass für die Stiftung insgesamt auch nach der Krise ein Zugewinn an Angeboten und Leistungsfähigkeit verbleiben wird.

Auch wenn derzeit physische Distanz gefordert ist: Die Stiftung ist mit ihren Mitarbeitern, Stipendiaten und Partnern ganz nah dran. An allen Ecken und Enden sind Findigkeit, Offenheit und Aktivität gefragt, und in dieser grundlegenden polytechnischen Haltung ist die Stiftung unverdrossen am Werk, um zu helfen, zu fördern und zu unterstützen.

Über die Autoren

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer leiten die Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main.