27. Juli 2020.

"Ich will alle Wörter lernen!" - Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft in den Sommerwochen 2020

von Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer

Nach unserem letzten Überblicksbericht über die Stiftungsarbeit in Corona-Zeiten ist es an der Zeit, über die Stiftungsaktivitäten in der Zeit der Schulferien zu berichten, denn mitnichten ruht unsere Arbeit! Im Gegenteil: Die ersten zwei Wochen der hessischen Sommerferien waren wir vollauf mit der Durchführung des Deutschsommers beschäftigt.

Foto: Dominik Buschardt


Was wäre gewesen, wenn wir das Projekt Corona-bedingt abgesagt hätten? Das kam gerade wegen der vielen Anfragen aus der Elternschaft der Grundschulkinder, insbesondere jener mit förderungsbedürftigen Deutschkenntnissen, nicht infrage. 

Zwar sah es im März und April dunkel aus, doch im Mai und Juni fanden wir in Absprache mit unseren Partnern, dem Hessischen Kultusministerium und dem Stadtschulamt Frankfurt, geeignete Formate, um den Deutschsommer doch als Präsenzveranstaltung durchzuführen. Wir entschieden uns in Frankfurt für ein zweiwöchiges Programm mit "langem Vormittag" von 8.15 Uhr bis 13.00 Uhr in fünf Frankfurter Schulen bei strikter Einhaltung des gesundheitlichen Abstandsgebots.

75 Grundschulkinder konnten wir aufnehmen, davon 30 Kinder, die als „Quereinsteiger“ erst kurze Zeit in Deutschland sind. Letztere Deutschsommer-Variante wurde vom Bildungsdezernat der Stadt Frankfurt finanziert. Das Kultusministerium führte in Kooperation mit der Stiftung den Deutschsommer an sieben Standorten in Hessen durch: in Wetzlar, Wiesbaden, Darmstadt, Rüsselsheim, Gießen, Limburg und Fulda, wobei die beiden letztgenannten Standorte erstmals dabei waren. Außerdem wurde der Deutschsommer von Partnern in Offenbach und Hanau umgesetzt. So konnten weit über 300 Kinder in Hessen an den „Ferien, die schlau machen“ teilnehmen.

In Frankfurt führten wir als Neuerung ein Online-Programm für das eigenständige Weiterlernen am Nachmittag ein, das sogenannte "Heimspiel", bei dem die meisten Kinder gemeinsam mit ihren Eltern auf einer digitalen Plattform mitmachten. Kommentare der Kinder in der Art wie "Ich will alle Wörter lernen", oder auch "Ich will noch mehr Deutsch" waren keine Seltenheit. Besonders gefreut hat uns die Aussage einer Reinigungskraft an einer der beteiligten Schulen: "Die Kinder habe ich noch nie so brav erlebt. Was passiert hier gerade?" Ganz offensichtlich hatten die Kinder auch in der Ferienzeit ganz einfach Spaß am Lernen.

Statt der beim Deutschsommer üblichen Theateraufführungen der Kinder wurden kleine Filme mit Theaterszenen gedreht, die die Kinder stolz ihren Eltern daheim vorführen konnten. Not macht erfinderisch.

Diesterweg – neuer Jahrgang in Vorbereitung

Im Diesterweg-Stipendium für Kinder und ihre Eltern wurden erneut alle 32 Stipendiaten-Familien telefonisch in einer Rundrufaktion kontaktiert. In den Schulferien bietet die Stiftung mehrere Kurse für die Diesterweg-Kinder an. Dazu gehören ein Rechtschreibkurs mit kleinem Diktatwettbewerb, ein Englisch-Workshop mit Erstellung einer eigenen Zeitung sowie zwei Computerkurse. Im August folgen die Abschiedsgespräche in kleinen Gruppen mit der nun auslaufenden sechsten Generation der Diesterweg-Familien im Haus der Volksarbeit. Ende August folgen Informationsabende für potenzielle Diesterweg-Familien des neuen Jahrgangs, und im September finden in der Stiftung in kleinen Gruppen Kennenlerngespräche zur Auswahl des neuen Jahrgangs statt. 24 der 32 Familien des sechsten Jahrgangs wechseln im Herbst in das Anschlussprojekt Diesterweg plus im Haus der Volksarbeit. 

"Man muss nur die falschen Wörter weglassen"

Das Rechtschreibquiz der Stiftung im Rahmen des großen Rechtschreibwettbewerbs erfreut sich regen Zuspruchs. Zwar hat Mark Twain einmal gesagt: "Rechtschreibung ist ganz einfach. Man muss nur die falsch geschriebenen Wörter weglassen", aber so einfach ist es doch nicht. Wie wichtig das in der Öffentlichkeit unterpräsentierte Thema Rechtschreibung in Wahrheit ist, konnte man in den Deutschlandfunk-Nachrichten am 24. Juli hören: Ein hoher Prozentsatz der Polizeianwärter scheitert bei den Aufnahmeprüfungen nicht etwa am Sport, sondern an den Rechtschreibkenntnissen. Die Stiftung bleibt an dem Thema dran, unter anderem mit der neuen Kompetenzstelle Orthografie, die gemeinsam mit der Goethe-Universität und der Hessischen Lehrkräfteakademie aufgebaut wird. 

Wissenschaft und Technik: Wieder vereinzelt Treffen unter freiem Himmel

Mit 20 Teilnehmern fand am 3. und 4. Juli erstmals seit Monaten wieder ein Präsenzseminar in der Main-Campus-Akademie statt, dem ideellen Programm für die die wissenschaftlichen Stipendiaten des Main-Campus-Stipendiatenwerks. In den Räumen des Collegiums Glashütten konnten die Abstands- und Hygieneregeln gut eingehalten werden. Thema war "Logisches Argumentieren in der Wissenschaft." Außerdem läuft derzeit eine Evaluation des Stipendienprogramms, an der sich 112 Stipendiaten und Alumni (von 218) beteiligen, leicht über 50 Prozent. Die Ausschreibung des neuen Main-Campus-Jahrgangs ist abgeschlossen. Auf 31 Stipendienplätze kommen 80 qualifizierte Bewerbungen. 

Die jugendlichen Absolventen des ersten Durchgangs unseres Digitechnikums, einer Werkstatt für junge IT-Talente, werden sich unter Wahrung des Abstandsgebots am 19. September erstmals seit vielen Monaten zu einem Abschiedstreffen unter freiem Himmel wiedersehen. 

Die neuen Teilnehmer der Samstagsschule für begabte Handwerker werden am 30. Juli in kleinem Kreis in der Handwerkskammer in das Programm aufgenommen und starten am 1. und 2. August mit einem Präsenzseminar "Kommunikation für Führungskräfte". 

An der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Engagement steht das neue Projekt der Nachhaltigkeitspraktiker. Hier wurden 14 Kandidaten ausgewählt, die ab August für mehrere Monate unter kundiger Begleitung der Stiftung ihre persönlichen Nachhaltigkeitsziele verfolgen und daraus Lehren ziehen werden. Das Bewerbungsverfahren lief rein digital. Ein auf Instagram geposteter Lege-Film hatte binnen kurzer Zeit 2.340 Aufrufe. Das Thema ist ja auch akut. 

Soul aus dem Wohnzimmer

Im kulturellen Bereich der Stiftung wird der Chor in sehr kleinen Gruppen unter Wahrung größter Abstände unter freiem Himmel behutsam seine Arbeit fortsetzen. Die Stiftungsband Plan Zehn ist im Begriff, Soul-Standards aus den Wohnzimmern und Übungsräumen der beteiligten Musiker digital einzuspielen. 

Im Projekt Stadtteil-Historiker fand am 16. Juli ein bewegender Filmabend der Stadtteil-Historikerin Sonja Sandvoß statt. Sie hatte die Lebensgeschichte eines Dienstmädchens gemeinsam mit der Trickfilmerin Leonore Poth zu einem wunderbar anschaulichen Film verarbeitet, der zugleich die Geschichte des letzten Jahrhunderts spiegelte. "Fräulein Elise – aus dem Leben eines Dienstmädchens", als Film für Kinder gedacht, verspricht ein Erfolg für alle Generationen zu werden. Es ist immer wieder erfreulich zu sehen, wie zugleich ausdauernd und kreativ die Stadtteil-Historiker ihre Bürgerforschung betreiben –und in der Öffentlichkeit präsentieren. Denn inzwischen veröffentlicht die Frankfurter Neue Presse eine umfangreiche Artikelserie zu den Ergebnissen des letzten Stadtteil-Historiker-Jahrgangs.

Digital und hybrid

Im Bereich Bürgerengagement geht im August der neue Jahrgang der 17 Stadtteil-Botschafter mit einer hybrid gestalteten Schulungs- und Einführungswoche an den Start. Zuletzt wurden zwei Alumnae und zwei Alumni des Programms in die Polytechnische Gesellschaft aufgenommen – eine besondere Ehre. 

Im Kolleg für junge Talente, dem Studium Generale für vielseitig begabte Jugendliche,  werden zwei digitale Sommertreffen angeboten. Themen sind die gegenwärtige volkswirtschaftliche Lage sowie Erleben, Umgang und Handeln in Zeiten von Corona. Der laufende Jahrgang wird bis zum Spätherbst verlängert. Am 24. Oktober folgt ein Kollegtag zur Künstlichen Intelligenz. 

Die Bürger-Akademiker sind auch nicht säumig, sondern treffen sich am 22. August in einem digitalen Barcamp zu Ehrenamtsthemen. Am 26. August findet ein digitales Alumni-Treffen statt. 

In Vorbereitung ist das neue Projekt Junge Paulskirche, ein Schülerforum zu Demokratie und Verfassung, das im Herbst als Pilotprojekt starten wird. 

Flexible Unterstützung in Zeiten von Corona

Auch in der Förderung von Projekten Dritter ist die Stiftung in diesem Sommer hilfreich und rührig. In einer Förderrunde Anfang Juli wurden 22 Projekte mit einer Gesamtsumme von € 200.000,- unterstützt. Darunter waren viele Kulturprojekte, davon sechs Theaterprojekte, weil dieser Bereich derzeit besonders betroffen ist. Aus dem sozialen Bereich wurde z.B. das Projekt „Call-a-CAB“, ein psychologisches Begleitprogramm für Studentinnen und Studenten, gefördert wie auch der Kinderhospizdienst. 

Diversifikation als Schlüssel

Das alles muss finanziert werden. Das Vermögensmanagement der Stiftung ist in Zeiten der Krise äußerst wachsam. Die Diversifikation der Anlagen erweist sich dabei wieder einmal als geeignete Strategie, sodass alle aktuellen Vorhaben der Stiftung finanziert werden können, wobei in einer Reihe von Projekten auch leicht niedrigere Kosten entstehen, weil geplante Präsenzveranstaltungen durch digitale Formate ersetzt wurden.  

Wie hat vor Kurzem unser Bereichsleiter Bürgerengagement, Konrad Dorenkamp, die Arbeit der Stiftung in der jetzigen Lage zusammengefasst? "Aus Möglichem viel machen." 

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt und Johann-Peter Krommer, 27. Juli 2020