10. Mai 2017

Im Porträt: Paula König, Schauspielstudentin und MainCampus-academicus-Stipendiatin

von unserer Gastautorin

Vorhang auf und Bühne frei für Paula König! Wie man auftritt, weiß sie ganz genau. Die 22-Jährige studiert Schauspiel an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt am Main (HfMDK). Seit März 2016 gehört sie zu den MainCampus-Stipendiaten der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Wir stellen sie vor.

Da Paula König in ländlicher Umgebung aufwuchs, wollte sie als Kind Bäuerin werden. Mit ihrer besten Freundin entwickelte sie dann aber eine Affinität zum Schauspielern. Die Mädchen inszenierten zu Anlässen wie Erntedankfest, Weihnachten oder Hochzeiten kleine Vorstellungen, bei denen sie sich verkleideten, tanzten und Playback sangen. Später begann König in einer Amateurtheatergruppe und in freien Jugendtheaterensembles zu spielen und entdeckte, dass sie auf die Bühne gehörte. "Der Beruf hat sich quasi für mich entschieden", sagt sie. In der Schauspielerei könne sie all ihre Interessen verbinden, in jedes Gebiet hineinschnuppern, sozial arbeiten, produktiv sein, handwerklich oder künstlerisch kreativ denken und handeln. Und dabei bleibe sie ein "alles hinterfragendes, spielendes Kind".

Ihre Schauspielausbildung begann König 2013 an der HfMDK. Seitdem trat sie bereits am Schauspiel Frankfurt, an den Staatstheatern Mainz und Darmstadt und am Frankfurter Gallustheater auf. Im Jahr 2015 gründete sie gemeinsam mit Studenten der Universität Hildesheim, des Max-Reinhardt-Seminars Wien und der HfMDK das Theater- und Performance-Kollektiv "sisu&company".

Im Jahr 2016 erhielt Paula König den von Walter H. Krämer gestifteten Förderpreis für junge Schauspieler*innen. In seiner Laudatio bei der Übergabe des Preises beschrieb Krämer sie unter anderem als "Spielerin, die sich mutig Herausforderungen stellt und sich darauf einlässt" und als "Spielerin, die aus einer Tonne kriecht und dabei ihr komödiantisches Talent unter Beweis stellt".

Neben der Schauspielerei baut König Masken. Für eine Maske benötigt sie etwa eine Woche Arbeitszeit. Zudem engagiert sie sich ehrenamtlich für die von MainCampus-Stipendiaten gegründete Integrationsgruppe "SUSI", die jeden Sonntag auf dem UniversitätsCampus in Frankfurt-Bockenheim zusammenkommt, um geflüchteten Kindern und deren Eltern mit Sport und Spiel das Ankommen in Frankfurt zu erleichtern. Auch für Gesang kann sich König begeistern.

Aktuell lebt Paula König in Prag, wo sie bis Juli 2017 ein Auslandssemester an der Akademie der Künste in der Pantomime-Abteilung absolviert.

Welche Inspirationen haben Sie durch das Stipendium und die damit verbundenen Veranstaltungen erhalten? Inwieweit wirkt sich das auf Ihre künstlerische Arbeit aus?

Inspirierend sind die Gelegenheiten, mit anderen Stipendiaten über völlig fremde Themen zu sprechen, aber auch die ganz eigenen, persönlichen Bilder und Brücken, die dabei in meinem Kopf entstehen. Es sind ja alles Lebenserfahrungen, die kreative, künstlerische Prozesse auf der Bühne inspirieren und füttern. Natürlich gibt es auch Seminare, die mir zeigen, wie viele Komponenten sich von Branche zu Branche überschneiden. In vielerlei Punkten müssen wir wieder lernen, gemeinsam produktiv zu sein und sozial zu arbeiten. Das Kreativtechniken-Seminar warf viele interessante Fragen in mir auf, so dass ich mich dazu entschied, meine Diplomarbeit den kollektiven Arbeitsformen im Theaterbereich zu widmen – mit einem besonderen Blick auf interdisziplinäre und nonverbale Bühnenkünste.

Wie hat sich Ihr Leben durch die Stiftung und das Stipendium verändert?

Mein Alltag hat sich entschieden geändert. Durch die finanzielle Grundlage bin ich sortierter geworden. Mein Fokus auf fachspezifische Fragen, Arbeiten und Herangehensweisen konnte sich verändern. Mein Studium bestreite ich entschieden strebsamer, selbstbewusster und konzentrierter. Ich werde ernster genommen und kann mich besser mitteilen. Das Stipendium fördert ungemein das Selbstwertgefühl und das soziale Denken von uns jungen Menschen. Es ist nicht bloß ein "Anstoß", sein Studium zu meistern, sondern es fordert uns vielmehr heraus, unseren Platz im Leben einzunehmen. Das war für mich ganz neu und überraschend augenöffnend.

Was war das schönste Erlebnis, das sie während Ihrer Zeit als Stipendiatin gemacht haben?

Da fallen mir zwei Ereignisse ein. Durch das Stipendium konnte ich an der "Sommerakademie der Familie Flöz" in Tuscania, Italien, teilnehmen. Die Familie Flöz ist eine renommierte, nonverbale Maskenspielgruppe, die international Erfolge feiert. Es gab einen regen Austausch über Theater weltweit, ungeachtet aller Generationsunterschiede oder kultureller Hintergründe. Ich erlernte neben dem Maskenspiel auch das Maskenbauen und kann daraus bis heute großen Nutzen ziehen. Wir Teilnehmer schlossen freundschaftliche Verbindungen und diese ermöglichen nun viele weitere spannende Projekte.

Ein anderes, sehr berührendes Erlebnis war das Basteln im Rahmen unseres Stipendiaten-Projektes SUSI (Spiel und Spaß Integration) mit Kindern aus dem Flüchtlings-Café in Frankfurt-Bockenheim. Ich bastelte mit den Kindern einfache Vögel aus Origami-Papier. Da kam ein etwa sieben Jahre alter Junge auf mich zu. Er wollte einen Vogel für seine Mama falten, die nicht mit ins Café konnte. Am Ende setzten wir den Vogel in ein Nest und er, der vorher stürmisch und tobend herumlief, ging nun vorsichtig und äußerst besorgt um das zarte Papiervögelchen Richtung Asylbewerberheim zurück. Das Bild blieb mir bis heute im Kopf.

Was nehmen Sie aus der Begegnung mit den anderen Stipendiaten mit?

Wir sind völlig verschiedene Menschen, aber dadurch, dass wir alle im Sinne eines sozialen, nachhaltigen Interesses studieren, treffen sich selbst die unterschiedlichsten Meinungen immer irgendwo. Wir reden über alles Mögliche, den Sinn des Lebens, über Sorgen und Wünsche oder auch über Zeit- und Raumtheorien, und man kann immer alles ungeniert fragen. Und wir begleiten uns gegenseitig auf unseren Wegen.

Welche Projekte/Ziele streben Sie in nächster Zeit an?

Mein Weg geht weiter auf der Spur der nonverbalen Theaterformen und führt mich sehr wahrscheinlich raus aus Frankfurt und rein in die große weite Welt. Denn ich möchte einen Master in den Fächern Pantomime, Physical Theater oder Clown machen, und diese werden nicht häufig angeboten. Also muss ich mich dafür auf internationaler Ebene umsehen.

In allernächster Zukunft wird aber erst einmal meine Diplom-Eigenarbeit "Symptom Kaspar" (nach Peter Handkes "Kaspar") in den Kammerspielen des Staatstheaters Darmstadts zu sehen sein. Außerdem feiert die Pantomime-Abteilung der Akademie der Künste in Prag, an der ich gerade ein (Austausch-)Semester mache, im Mai Premiere mit einer nonverbalen, sogar eher artistischen Produktion.

Ansonsten heißt es für mich zurzeit Zähne zusammenbeißen. Die Ausbildung zum Pantomimen erfordert von mir ein Umdenken in allem bisher Gelernten und ist physisch und geistig äußerst strapazierend. Aber ich habe jetzt immerhin schon gelernt, auf fünf verschiedene Weisen auf die Nase zu fallen!

Der Begriff "polytechnisch" beschreibt ein Menschenbild, das von vielfältigen Talenten eines Menschen ausgeht. Konnten Sie im Laufe Ihrer Stipendiatenzeit neue Talente an sich entdecken oder ausbauen?

Während meiner Stipendiatenzeit habe ich viel Neues erlernt und erlebt. Ich kann freier denken, öfter Aufführungen auf Bühnen außerhalb Frankfurts ansehen und Kontakte Knüpfen, mich neben dem Studium weiterbilden. Vielleicht ist es kein neues Talent, aber eben ein neuer Mut, mich auszudrücken zu können und teilhaben zu lassen. Die Stiftung nimmt mich und meine Ansichten ernst, und das habe ich vorher oft nicht erlebt. Denn was ich lerne und schaffe, folgt einer ganz eigenen Sprache, einer ganz eigenen Form von sozialem Denken und Handeln – es umfasst größere Strukturen. Die Pantomimeschule in Prag derzeit lehrt mich Folgendes: Talent ist nichts ohne harte Arbeit. Alles andere nenne ich Begabung.

(Text: Astrid Heindel, Foto: Michelle Spillner)