16. April 2019

Jugendliche: Was treibt sie um?

von unserer Gastautorin

Nichts weniger als die großen Fragen in der Welt sind es, welche die Jugend prägen. Unsere Autorin versucht, die Gedankenwelt der Jugendlichen zu erläutern. Dieser Beitrag stammt aus der Polytechnik 2/2018.

Foto: Dominik Buschardt


Wer bin ich und wer möchte ich sein? Was ist mein Platz in dieser Welt? Mit diesen Fragen geht einher, dass die Welt und die Lebensumstände, in die man hineingeboren wurde, auf dem Prüfstand stehen. Meist schneiden wir Erwachsene bei dieser Analyse nicht so gut ab, denn wie kann es sein, dass wir den jungen Menschen eine Welt präsentieren, die voll ist von Kriegen, Terror, Armut und Umweltzerstörung? Es ist das Recht und das Privileg von Jugendlichen, dagegen zu protestieren,den Älteren Vorwürfe zu machen und sich für Menschenrechte, Umwelt- und Tierschutz und den Frieden einzusetzen.

Sie müssen sich nicht um die Miete, die Jahresendabrechnung des Stromanbieters oder die Steuererklärung kümmern und dürfen sich ganz allein auf ihre Ideale konzentrieren. Erwachsen werden bedeutet aber auch, sich zu spezialisieren, eine Ausbildung, einen Studiengang zu finden, der zu einem passt und damit auch in einen bestimmten Beruf zu gehen. Von dort aus kann man dann nicht mehr nur protestieren, sondern muss diese Welt mitgestalten. Aber das ist gar nicht so einfach.

"Wie soll ich mich entscheiden?

Für welchen der circa 450 Ausbildungsberufe oder der um die 19.000 Studiengänge soll ich mich entscheiden? Und was passiert, wenn ich den einen, den für mich richtigen, nicht finde? Werde ich dann für immer unglücklich?

Ich erlebe bei Jugendlichen oft eine große Unsicherheit in Bezug auf die Zukunft. Die ganze Welt steht ihnen offen, und das ist ganz schön viel. Die Erwachsenen können auch nur bedingt bei den nötigen Entscheidungen helfen, da ständig neue Berufe hinzukommen und andere verschwinden. Viele der neuen Berufe oder Studiengänge kennen wir nicht einmal. Manchmal scheint der Rettungsanker in dieser Situation zu sein, das zu tun, was die Eltern tun, denn das ist etwas Bekanntes. Und die eigenen Eltern werden am häufigsten genannt, wenn ich Jugendliche nach ihren Vorbildern frage. Aber Hand aufs Herz: Wer möchte mit 16 Jahren schon das Gleiche machen wie die Eltern? Selbst wenn man weiß, dass man darin auch gut wäre! Ist man nicht angetreten in dieser Welt, um alles anders (und das bedeutet in diesem Fall besser) zu machen?

Hinzu kommt, dass Jugendliche in den ersten 16 bis 18 Lebensjahren nicht viele Möglichkeiten haben, große Dinge mitzugestalten. Die Schule gibt vor, wann Mathematik unterrichtet wird und wann Biologie, der Sportverein gibt die Uhrzeit vor, zu der man sportlich aktiv wird, und die Eltern bezahlen die Miete und erinnern daran, dass man das Zimmer aufräumen und den Tisch decken muss. Erst mit der Oberstufe kann man Schwerpunkte in Form von Leistungskursen wählen, einige Fächer aus dem Stundenplan nehmen und den Urlaub vielleicht mit Freunden verbringen. Und jetzt soll man so eine weitreichende Entscheidung treffen, die das ganze Leben bestimmen wird? Das macht sehr häufig Angst und führt manchmal dazu, dass nach dem Schulabschluss erst einmal gar nichts passiert. Manche gehen ins Ausland oder auf Reisen, andere entscheiden sich bewusst für ein Orientierungsjahr, in dem sie in unterschiedliche Studiengänge hineinschnuppern oder Praktika absolvieren, wieder andere machen ein Freiwilliges Soziales Jahr.

Ich versuche, den Jugendlichen die Angst vor der Entscheidung zu nehmen, indem ich darauf hinweise, dass sie jetzt nicht die einzig unumstößliche Wahl treffen, die ihr Schicksal besiegelt. Sie wählen lediglich einen Startpunkt. Von dort aus ist alles möglich. So können sie neue Schwerpunkte, die ihnen erst im Laufe des Studiums oder der Ausbildung begegnen, setzen. Auslandserfahrungen, Praktika, Wechsel und Begegnungen mit Menschen können neue Impulse geben. Jugendliche fürchten in unserer getriebenen Welt, Zeit zu verlieren, und es ist unsere Aufgabe, sie darin zu bestärken, dass es wichtige Erfahrungen sind, die man mit der Zeit sammelt. Und ein Umweg über eine Landstraße, bei dem man mit netten Menschen einen Kaffee getrunken hat, weil sie dabei geholfen haben, den platten Reifen zu wechseln, der sich manchmal anfühlt wie ein Zeitverlust, stellt sich mitunter als Beschleunigung heraus – wenn man feststellt, dass es auf der Autobahn eine V ollsperrung
gab und man am Ende doch schneller am Ziel ist als die anderen, dabei mehr von der Umgebung gesehen und eine anregende Bekanntschaft gemacht hat.

Text: Kerstin Zahrt

 

 

Über die Autorin

Kerstin Zahrt ist Lern- und Jugendcoach und Kommunikationstrainerin. In verschiedenen Programmen der Stiftung arbeitet sie mit Jugendlichen.