23. Juni 2017

Kamingespräch: "Wenn ich Deutsch rede, dann bemerkt man meinen deutschen Akzent gar nicht so sehr“

von unserer Gastautorin

Dalibor Marković, Frankfurter Poet und Beatboxer, war am Montag, den 12. Juni 2017, zu Gast beim Kamingespräch für Alumni und Stipendiaten im Polytechniker-Haus. Er trug Auszüge aus seinen Gedichten vor, gab tiefgehende Einblicke in seine Arbeit und erzählte von seiner ersten Begegnung mit Poetry Slam.  Moderiert wird die Reihe von MainCampus-Alumnus Prof. Dr. Joachim Koch. 

Foto: Jürgen Lecher


Poetry Slam ist eine moderne Form von Dichter-Wettkämpfen: Die Künstler tragen selbstgeschriebene Texte ohne Hilfe von Requisiten vor. Dabei darf ein bestimmtes Zeitlimit nicht überschritten werden. Das Publikum fungiert als Jury und kürt schließlich pro Veranstaltung einen Sieger, die Bewertungsmethoden reichen von Applaus bis hin zum Werfen von Rosen.
Dalibor Marković erklärte, dass man mit der Zeit ein Gefühl dafür entwickelt, die Reaktionen und Bewertungen des Publikums einzuordnen. Meist "testet" ein Künstler seine neuen Texte, bevor er damit auf Slams auftritt. Andere Poeten helfen, Lösungen für Passagen zu finden, die sich noch nicht ganz richtig anhören oder mit denen der Autor Probleme hat.

Amerika als Initialzündung

Als er vor gut 15 Jahren bei einem Besuch in den USA zu einem Slam-Battle zwischen zwei amerikanischen Universitäten mitgenommen wurde, kam Marković auf den Geschmack: "Wow, genau das will ich eigentlich machen", dachte er sich. Zurück in Frankfurt entdeckte er ein Poster von einem hiesigen Slam-Event und trat dort erstmerals mit poetischen Texten auf, die er ursprünglich gar nicht für einen Poetry Slam geschrieben hatte – mit Erfolg, weshalb er gefragt wurde, ob er nicht auch mal in Darmstadt auftreten wolle.

Die Anfragen häuften sich, Dalibor erkundete viele deutsche Slam-Bühnen. 2014 holte er zusammen mit Dominique Macri den Titel des besten Slam-Teams bei den deutschsprachigen Meisterschaften. Vorerfahrungen sammelte er in der Musik: Bei Open Mics nach Rapkonzertbesuchen probierte er sich aus und feilte an seinen Beatboxer-Fertigkeiten. Wichtig seien, so Marković, vor allem das Interesse an Schrift und Sprache sowie Durchhaltevermögen. Andere Slam Poeten kämen beispielsweise aus dem Schauspiel, aber es gäbe auch genug Künstler, die komplett ohne Vorkenntnisse auf Slams vortrügen. Immer mehr nutzen Künstler zudem die Slam-Szene, um anschließend in eine andere Richtung zu gehen, beispielsweise ins Kabarett, in die Literatur- oder die Comedy-Szene. Bis man sich einen Namen macht, könne es Jahre dauern.

Deutschland vor den USA

Wenn er die deutsche und die amerikanische Slam-Szene vergleicht, merkt Marković als erstes an, dass die hiesige viel erfolgreicher sei. Er erklärt sich das hauptsächlich damit, dass das Zeitlimit für die Poeten in den USA deutlich kürzer ausfalle, es beträgt nämlich nur drei Minuten. "Bei vielen kurzen, rhythmischen Texten hintereinander ermüdet das Publikum schneller", erklärt er. Bei den in Deutschland üblichen fünf bis zehn Minuten pro Auftritt sind auch Prosatexte möglich, dem Publikum wird ein breiteres Textspektrum geboten. Außerdem hat es Zeit, sich auf die Texte einzulassen.
Sein Lieblingsort für Slam-Auftritte sei das Schauspielhaus in Hamburg, so Marković: "Mit Platz für 1.200 Gäste ist es bei Poetry Slams immer ausverkauft, und das, obwohl das Publikum im Voraus nie weiß, welche Künstler überhaupt auftreten werden. Das ist für den Poeten etwas sehr besonderes." 

Für Dalibor Marković gehören Text und Performance zusammen. Er verbindet Text mit Beats, die er ohne technische Hilfsmittel einfach nur mit dem Mund erzeugt, und schöpft aus den verschiedenen Sprachen , mit denen er aufgewachsen ist. Bei seinen Auftritten spielt auch seine Körpersprache eine wichtige Rolle. Auf die Frage hin, wie ein nackter Text wirken würde, ist für ihn klar: Auch das wäre schon eine Inszenierung. Allerdings hätte er keine Freude daran, auf Betonung und Köpersprache zu verzichten. Seine Texte bearbeitet und übt er lange, lernt sie auswendig, beschäftigt sich damit, damit sie bei Auftritten wirken. Ein zeitaufwändiges Unterfangen, ein Text verändert sich in der Entstehungsphase oft, bis er sitzt.

Sprache als Motor

Die Sprache ist für Marković mehr als nur ein Transportmedium: "Man arbeitet mit ihr und muss gleichzeitig auch mit ihr kommunizieren". So entsteht eine Beziehung zur Sprache, für deren Erhalt er viel Zeit investiert. Wenn der Text schließlich fertig ist, herrscht große Freude. Genau diese Begeisterung für Sprache und Lyrik teilt der Künstler mit den Teilnehmer seiner Workshops, die er in Schulen aber auch im Rahmen des DeutschSommers, im Literaturhaus Frankfurt oder sogar im Gefängnis anbietet. Ihm ist es wichtig, dass die Teilnehmer die Erfahrung machen, dass sie anderen mit ihren Texten Freude bereiten können.

Die Kamingespräche ermöglichen es den Alumni und Stipendiaten der Stiftung, regelmäßig und in kleiner Runde interessante Frankfurterinnen und Frankfurter kennenzulernen.

(Text: Suzanne Cadiou, Foto: Jürgen Lecher)