22. November 2019

Kolleg für junge Talente: Auf, Klärung!

von unserer Gastautorin

Philosophie ist ein fester Bestandteil des Themenkanons des Kollegs für junge Talente. Kollegiatin Janka Zündorf berichtet über das Seminar "Philosophie der Aufklärung", durch das Professor Marcus Willaschek von der Frankfurter Goethe-Universität gemeinsam mit dem Doktoranden und Main-Campus-Stipendiaten Kai Hüwelmeyer führte.

Foto: Dominik Buschardt


Heinrich von Kleist hat einmal gesagt: ,"Wir mögen am Ende aufgeklärt oder unwissend sein, so haben wir dabei so viel verloren als gewonnen." Dieser Aphorismus erfasst gut die Stimmung gegen Ende des ersten Kollegsamstags, der im November 2019 im Polytechniker-Haus stattfand. Wer philosophiert, der geht ein Wagnis ein, dessen Ertrag im Versuch selbst liegt, möge man eine Antwort auf seine Fragen finden oder nicht.

Philosophiert haben wir, die 21 Kollegiaten aus verschiedenen Frankfurter Schulen,sechs Stunden miteinander. Gestaltet wurde der Tag durch Professor Willaschek von der Frankfurter Goethe-Universität gemeinsam mit dem Doktoranden und Main-Campus-Stipendiaten Kai Hüwelmeyer.

Das Thema "Philosophie der Aufklärung" mag theoretisch oder gar vergeistigt klingen. Die Denkansätze während der Aufklärung sind allerdings nicht nur die Basis unseres demokratischen Systems, sondern auch in politischen Debatten hochaktuell. Dies hat sich bereits während unseres Einstiegs über die Legitimität von abschreckenden, staatlich verordneten Bildern auf Zigarettenpackungen angedeutet. Ob dieses Gesetz als Form der Bevormundung gegen das Ideal der Aufklärung vom unabhängigen und eigenständig aufgeklärten Bürger verstößt, blieb umstritten. Denn wiewohl man es als Angriff auf die Autonomie des Einzelnen deuten kann, lässt sich auch die Funktion des Gesetzes hin zu einer besseren Information der Öffentlichkeit über die Gefahren des Rauchens nicht leugnen.

Im Anschluss folgte ein Vortrag von Professor Willaschek, der uns erkläuterte, was die "Epoche der Aufklärung" genau war, die von circa 1650 bis 1800 andauerte. Inhaltlich ist er dabei zunächst auf den historischen Kontext und im weiteren Verlauf auf die Ziele der Aufklärer eingegangen. Gesellschaftliche Grundlage war die absolutistische Herrschaft einer privilegierten, aristokratischen Minderheit über eine weitestgehend arme Bauern- und Handwerksbevölkerung, so Willaschek. Derartige Strukturen, die von einer engen Verbindung zwischen Staat und Kirche ergänzt wurden, beherrschten ganz Europa. Fortschritt und Technik stagnierten seit Jahrhunderten, weil sich die mittellosen Bauern keine Schulausbildung leisten konnten und daher nach althergebrachten Traditionen produzieren mussten. Dies führte immer wieder zu einem Mangel an Getreideertrag, wodurch wiederum Hungersnöte in großen Ausmaßen beschleunigt wurden. Jene Zustände spiegelten sich unmittelbar in den zentralen Ideen der Aufklärer: der Forderung zur Nutzbarmachung von Wissenschaft als Technik und die Pflicht politischer Ordnungen, Lebensverhältnisse zu verbessern. Dies wurde mit scharfer Kritik an der Kirche und deren verfestigten Dogmen verbunden. Geradezu revolutionär verteidigte man die Freiheit und Gleichheit aller Menschen und brach durch den Glauben an Fortschritt mit mittelalterlichen Denkmustern.

Eine der bekanntesten Niederschriften über die Aufklärung ist der 1784 von Immanuel Kant publizierte Aufsatz "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?".  Einen Textauszug daraus haben wir zunächst in Kleingruppen, dann im Plenum analysiert und diskutiert. Als Prototyp eines aufgeklärten Menschen beschreibt Kant den selbstdenkenden, kritisch hinterfragenden und vor allem mündigen Bürger. Die Aufklärung selbst wird als ein offener Prozess geschildert, in deren Verlauf immer größere Teile der Gesellschaft sich der Mündigkeit annähern. Als essentielle Bedingung für ein Gelingen des Entwicklungsganges wird die Freiheit des öffentlichen Diskurses ausgemacht -  können die Bürger ihre Meinung frei nennen, so wird es nicht ausbleiben, dass es zu immer mehr Unabhängigkeit kommt.

Kritische Gedanken nach dem Mittagessen

Vielleicht in Gedanken an Hegels Lehre von den sich diametral gegenüberstehenden Gegensätzen in der Welt haben wir uns nach dem Mittagessen mit einem der Aufklärung kritisch gegenüberstehenden Aufsatz beschäftigt. Ob es uns in seinem Sinn zu einer Synthese verholfen hat, ob es diese überhaupt geben kann, mag umstritten bleiben. Nützlich und interessant war der von Adorno und Horkheimer im Werk "Dialektik der Aufklärung" veröffentlichte Auszug allemal. Um die der Frankfurter Schule zugehörigen Philosophen verstehen zu können, muss man wissen, dass sie eine Verknüpfung zwischen Marxismus, Psychoanalyse und empirischer Sozialforschung ausarbeiteten. Zudem lebten Adorno und Horkheimer Anfang des 20. Jahrhunderts, mussten dem Aufstieg Hitlers in Deutschland mit Hilflosigkeit zusehen und schließlich verkraften, dass es zu keiner Revolution der Arbeiterschaft gekommen war. Statt der Revolution gab es Krieg, der Orte auf der ganzen Welt in ein Leichenfeld verwandelte. Sowohl Horkheimer als auch Adorno suchten nun die beiden Phänomene miteinander in Verbindung zu bringen und einen theoretischen Erklärungsansatz zu bieten. Dieser bezog sich implizit auf Kants Vorstellung vom Aufklärungsprozess. Prinzipiell wird ebenfalls die Mündigkeit der Bürger angestrebt, natürlich dahingehend, dass diese die einzig wahre Gesellschaftsform – die des Sozialismus nämlich – erkennen. Das Problem, welches Adorno und Horkheimer an Kants Theorie bemängeln, ist, dass die Aufklärung bereits den Keim zum Rückschritt enthalte. Es sei ein Teufelskreis: Ermögliche man den freien Meinungsaustausch, komme es zu weniger Freiheit, weil diejenigen Ansichten überwiegen, welche von der unmündigen Masse aus Bequemlichkeit favorisiert würden. Dass diese Ansichten durchschlägig sind, habe mit den gesellschaftlichen Strukturen, also der Gesellschaftsform zu tun. Auf die deutsche Gesellschaft Anfang des 20. Jahrhundert bezogen hieße das beispielsweise: Da diese auf einer kapitalistischen Gesellschaftsbasis fuße, komme es zur Macht des Kapitals vor der Wahrheit. Was sich gut verkaufen lasse, was einen umsatzträchtigen Marktwert verspreche, werde von der Industrie feilgeboten. Massenmedien der modernen Unterhaltungsindustrie und die "Flut der Amüsements" verdummten die Öffentlichkeit, verhinderten die Revolution und ermöglichten Hitlers Aufstieg. Die Reizüberflutung wird als die moderne Zensur ausgemacht.

Kants Vorstellung von einem Prozess der Aufklärung ergänzen Adorno und Horkheimer durch eine genauere Definition des öffentlichen Diskurses. Nicht nur die Abwesenheit staatlicher Aufsicht, sondern insgesamt das Fehlen systemimmanenter Selbstzensur wird als Bedingung für das Gelingen gesetzt. Damit dies gelingt, ist allerdings ein radikaler Schritt notwendig, der Kant nicht im Traume vorgeschwebt hätte, weil Kant bei seinen Überlegungen keine konkrete Gesellschaftsordnung festlegte. Die Gesellschaftsbasis müsse revolutioniert, der Kapitalismus abgeschafft werden. Mündigkeit könne nur in einem System stattfinden, das Unabhängigkeit ermöglicht. Denkt man den Ansatz Adornos/Horkheimers zu Ende, kann es nie zum Entstehen des Sozialismus kommen. Dass der Sozialismus eingeführt wird, setzt Mündigkeit voraus – eine Mündigkeit, die nur durch den Sozialismus zustande kommen könne.

Möglichkeiten und Risiken des Internets

Zuletzt haben wir uns als Gruppe mit den Möglichkeiten und Risiken des Internets auseinandergesetzt. Es blieb umstritten, ob dieses ein Potenzial für mehr Mündigkeit bietet oder das Gegenteil bewirkt. Auf der einen Seite eröffnet es den frei verfügbaren Zugang zu Informationen. Durch die Vernetzung unterschiedlichster Gesellschaftsteile und Kulturen könnte das von Jürgen Habermas geforderte Ideal einer ,,deliberativen Öffentlichkeit“ Wirklichkeit werden. Eine breite Vielfalt an Meinungen ist auffindbar. Außerdem sind Informationen kostenlos und unabhängig von Geburt, Status oder materieller Lage einsehbar. Dennoch ist das Internet nicht nur vorteilhaft für mehr Mündigkeit. Vielfach wird es als Zeitvertreib oder Ablenkung verwendet, führt zu aufgeheiztem Konsum und Selbstbestätigung. Die Algorithmen entwickeln sich zur Selbstzensur, indem sie eine ,,digitale Blase“ erzeugen, uns also mit personalisierten Inhalten beeinflussen. Radikalisierung der Sprache, weitgehende Anonymität und mangelnde staatliche Kontrolle lassen rechtsfreie Räume entstehen. Die Verbreitung von ,,Fake News“ macht es schwierig, zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Zudem spielen sich Minderheiten in bestimmten Foren zur Mehrheit auf, was ihnen auch abgenommen wird. Machtkonzentrationen und Datenkontrollverluste schaffen Abhängigkeiten. Auch nutzen Menschen aus verschiedenen Gesellschaftsschichten das Internet erwiesenermaßen anders, wobei besser gebildete Schichten Anwendungsvorteile besitzen.

Nach dieser letzten Debatte haben wir unseren Kollegtag über die Philosophie der Aufklärung beendet. Mir haben die angenehme Diskussionsatmosphäre und die inhaltlichen Auseinandersetzungen sehr gefallen. Denn die Offenheit für sein Gegenüber ist eine Art von Freiheit - "Zu[r] Aufklärung aber wird nichts anderes erfordert als Freiheit" (Immanuel Kant).

Über die Autorin

Janka Zündorf ist 18 Jahre alt und besucht die 12. Klasse des Gymnasiums Riedberg. Neben der Philosophie ist die Schülerin sehr an Geschichte, Politik und Literatur interessiert.