13. Februar 2020.

Kolleg für junge Talente: Das Städel und die Aufklärung

von unserer Gastautorin

Das Kolleg für junge Talente befasst sich auch in diesem Kollegjahr mit der Kunst. Beim Besuch im Städel Museum setzen sich die Kollegiatinnen und Kollegiaten mit Bildern aus der Epoche der Aufklärung auseinander. Die spannende Entdeckungstour endete in tiefgehenden Diskussionen und mit klugen Fragen.

Foto: Dominik Buschardt


Der Geograph steht in einem graubraunen Raum. Vor ihm liegen die Karten, welche er von Orten erstellt hat, die er selbst nie zu Gesicht bekam. Auf dem Schrank steht ein Globus, bebildert mit Ländern, die er wahrscheinlich nie bereisen wird. Das Wissen, welches die Karten zeigen, hat der Geograph aus Büchern – sein Handwerk ist die menschliche Imagination. Eine Hand des Geographen stützt sich schwer auf einen Tisch vor seinem Fenster, in der anderen hält er einen Zirkel. Sein Blick schweift aus dem Fenster, doch seine Augen wirken abwesend. Durch die Glasscheiben fällt ein großer Lichtstrahl auf seine Figur: die wortwörtliche Erleuchtung („enlightenment“, englisch für Aufklärung).

Vor diesem Gemälde des Künstlers Johannes Vermeer (Link zur digitalen Sammlung des Städels) stehen wir – die 22 Stipendiaten des Kollegs für junge Talente – gespannt. Der Kollegsamstag dreht sich diesmal rund um das Thema "Aufklärung in der bildenden Kunst". Welcher Ort in Frankfurt könnte hier wohl besser passen als das Frankfurter Städel, das 1815 - inspiriert vom Geist der Aufklärung – mit dem Wunsch gestiftet wurde, dass jeder Bürger sich selbst anhand der Kunst weiterbilden könne. Kunstwerke, die zu Lebzeiten des Stifters Johann Friedrich Städel noch dem Adel und einzelnen Privatpersonen vorbehalten waren, sollten nun für jeden zugänglich sein. Damals revolutionär – und ein bedeutender Schritt auf dem Weg zu einem mündigen Menschen. Dr. Chantal Eschenfelder, Kunsthistorikerin und Leiterin des Bereichs Bildung & Vermittlung des Städel Museums, und Anne Sulzbach, Museumspädagogin im Städel Museum, werden uns heute jedoch auch die Schattenseiten der Aufklärung zeigen und uns einen wahrlich "erleuchtenden" Blick auf die Gemälde geben.

Als wir das erste Mal vor dem "Geographen" stehen, ahnen wir noch nicht, wie viel uns dieses Bild über die Zeit der Aufklärung erzählen wird. Der Geograph mit dem verträumten Blick arbeitet mit Entdeckern und Abenteurern zusammen, im Sinne der Aufklärung. Doch wie geht es denen, welche "entdeckt" werden? Selbst wenn die Aufklärung die Forderung nach Gleichheit aller Menschen gestellt hat, entsprach dies oft nicht der Realität. Für die Menschen in Südostasien, abgebildet auf dem Globus des Geographen, schien dies nicht wirklich zu gelten. Auch die Frauen waren schnell aus dem Bilde der Aufklärung gerückt und manche der großen Aufklärer waren antijüdisch eingestellt. So schrieb Voltaire beispielsweise, dass alle Juden mit rasendem Fanatismus im Herzen geboren seien, und Kant wünschte ihnen gar eine Euthanasie. Als wir schließlich weggehen von Johannes Vermeers Geograph, entdecken wir noch viele weitere Aspekte der Aufklärung im Städel. So zum Beispiel bei Giovanni Battista Tiepolo. Ein Künstler des ausgehenden Barocks, zerrissen zwischen alter und neuer Sicht auf die Welt. So wie andere Bilder, die uns über die Gleichheit, Freiheit und Vernunft der Menschen nachdenken lassen.

Adam und Eva überraschen

Eines der von uns am meisten diskutierten und auch überraschendsten Bilder ist "Adam und Eva" des Künstlers Franz von Stuck. Vor schwarzem Hintergrund sieht man einen mit dem Rücken zum Betrachter gedrehten nackten Adam. Sein Blick ruht auf dem leuchtend roten Apfel vom Baum der Erkenntnis. Diesen hält die ebenfalls nackte und zum Betrachter gewandte Eva in der Hand. Um ihr Bein schlängelt sich eine blaue Schlange empor zu ihrer Hand, wo sie den Apfel mit ihrem Maul umschlossen hält. Der Künstler stellt Eva mit hervorgedrehter Hüfte und listigem Blick als weibliches Verderben dar. Vor dem Hintergrund der Aufklärung stellen sich uns einige Fragen, ausgehend vom Baum der Erkenntnis hin zu den Zweien die verführt wurden: Wer ist hier wirklich böse? Ist es tatsächlich Eva, die als "femme fatale" Adam in Versuchung führt und ihm keine andere Wahl lässt, als den Sündenfall zu begehen? Ist es die Erkenntnis selbst, die das Unheil bringt? Soll der Betrachter diese als Gefahr betrachten? Oder ist es Adam, der alle Mündigkeit aufgegeben hat und keinen eigenen Gedanken mehr fassen kann, der das wahre Unglück bringt? 

Ein Blick auf die Gegenwart

Nachdem wir uns einige Gemälde genauer erschlossen haben und immer mehr Elemente der Aufklärung in ihnen finden konnten, gehen wir in eines der Ateliers des Museums. Hier wollen wir von der Vergangenheit der Kunstwerke ausgehend einen Blick in die Gegenwart werfen. In willkürlich eingeteilten Pro- und Kontra-Gruppen nehmen wir Stellung zu der Frage nach einem offenen und globalen Museum. Sollen Museen für alle zugänglich sein, egal wie viel der Besucher mit Kunst zu tun hat und unabhängig von seiner Herkunft? Für uns ist dies eigentlich keine Frage. Wir sind alle der Meinung, dass in einer aufgeklärten und offenen Gesellschaft jeder das Recht haben sollte, sich anhand der Kunst zu bilden und etwas für sich in ihr zu entdecken. So tun sich die Kontra-Seiten denn auch schwer, für ein "geschlossenes" Museum zu argumentieren, und wir fragen uns, ob dies wirklich eine ernsthafte Diskussion sein könne.

Doch Chantal Eschenfelder und Anne Sulzbach berichten, dass dies eben jene Konflikte sind, die ihnen vermehrt in ihrem Arbeitsalltag begegnen. Fragen, ob ein Museum wirklich globalisiert sein muss und ob es für jeden offen sein soll, stünden wieder im Raum. Ein beunruhigender Gedanke, wie wir finden. Denn bedeutet dies nicht ganz klar einen Rückschritt in der Aufklärung? Verweigert man einem Menschen den Zugang zu Bildung und Kultur, so schränkt man ihn schließlich auch in dem Wagnis ein, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen („Sapere aude!“ „Wage es, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!“). Bei einer "neuen Aufklärung" denken Chantal Eschenfelder und Anne Sulzbach an eine Aufklärung, welche alle Kulturen vereint und unabhängig von Geschlecht, Glaube oder Herkunft ist. "Immer, wenn wir einer Gruppe das Museum zeigen, egal welcher, so kommen am Ende gewinnbringende und auch berührende Erlebnisse dabei rum", berichtet Chantal Eschenfelder.

Bunte Bastelei

Schließlich versuchen wir uns noch selbst ein wenig an der Kunst und erstellen aus Wolle, Styropor und viel Klebeband kleine "Kunstwerke", die zeigen sollen, was Aufklärung für uns ist. Von Glühbirnen, bunten Männchen und fünf Stipendiaten, die sich mit Wolle zusammenketten, war alles dabei. Am Ende des Tages gehen wir mit dem Wunsch nach Hause, das Städel bald noch einmal zu besuchen. Denn gewissermaßen hat uns jedes Bild unwiderruflich, oder auch nur ein klein wenig verzaubert. Werke wie der Geograph haben uns Schattenseiten der Aufklärung gezeigt. Adam und Eva brachten uns zum Nachdenken. Und am Ende haben wir die Aufklärung überall wiedererkannt. Denn in jedem auf die Leinwand gebrachten Menschen, in jedem Farbenspiel und jeder Landschaft spürt man irgendwo die Sehnsucht nach Freiheit, das Streben nach Wissen oder nach Mündigkeit.

Text: Clara Urban