10. April 2017

Kollegiaten im Zukunftsland

von unserer Gastautorin

Der erste Jahrgang des Kollegs für junge Talente neigt sich dem Ende zu. Während ihrer Osterakademie auf Burg Fürsteneck überlegten sich die Kollegiatinnen und Kollegiaten unter dem Motto "Zukunftsland", wie sie sich die Gesellschaft der Zukunft vorstellen und diese mitgestalten können.

Leonie sitzt in der Werkstatt von Burg Fürsteneck und arbeitet an einer Zeichnung, die die Schule der Zukunft zeigt. Im Hintergrund läuft Musik. Auf dem Boden bastelt Isabelle mit buntem Tonpapier an einem Modell des Gebäudes, und Paul bereitet am Laptop eine Präsentation vor, mit der diese Schule später vorgestellt werden soll. In einem anderen Raum beschäftigen sich Kuno und Alessandro damit, wie das Wirtschaftssystem der Zukunft aussehen soll, und gegenüber recherchieren Jannis und Ishad umweltfreundliche und innovative Fortbewegungsmittel.

Leonie, Isabelle, Paul und die anderen sind Frankfurter Schülerinnen und Schüler, und seit Herbst 2016 gehören sie zum ersten Jahrgang des Kollegs für junge Talente. Die Stiftung Polytechnische Gesellschaft fördert mit diesem Projekt 20 besonders vielseitig interessierte und begabte 15- bis 17-jährige mit einem "Studium generale". Im vergangenen Jahr lernten sich die zehn Mädchen und zehn Jungenwährend einer Akademiewoche im Herbst kennen. Danach kamen sie zu fünf Seminar-Samstagen zusammen, bei denen sie sich mit Themen wie Philosophie, Mathematik und Kreativität auseinandersetzten. Vom 2. bis  6. April 2017 fuhren sie  in Begleitung von Projektleiter Konrad Dorenkamp, Projektkoordinatorin Johanna Roos und Trainerin Kerstin Zahrt zur Osterakademie auf  Burg Fürsteneck in Eiterfeld in der Nähe von Fulda, um sich vier Tage lang mit dem Thema "Zukunftsland" auseinanderzusetzen.

Impulse und Diskussionen

Täglich erhalten die Kollegiaten vormittags und nachmittags je einen etwa fünfzehnminütigen Impulsvortrag, aufgrund dessen sie sich Themen überlegen können, über die sie sprechen möchten. In Kleingruppen diskutieren sie, fertigen Skizzen an oder bauen Modelle. So ist auch die Gruppe zustandegekommen, die sich mit der Zukunftsschule beschäftigt. Nach zweieinhalb Tagen Arbeit wissen Leonie und ihre Mitkollegiaten schon ziemlich genau, wie ihre ideale Schule aussehen soll. „Es soll Trampoline und Bällebäder zur Entspannung  geben, jeder Schüler erhält seinen eigenen Schreibtisch mit Schließfach und das Lernen funktioniert mit einem Levelsystem, sodass jeder Schüler sich selbst aussuchen kann, in welcher Zeit er seinen Abschluss erreichen möchte“, meint Leonie.  Für sie sind diese Überlegungen nicht nur theoretisch: "Ich möchte später einmal eine Schule gründen oder in der Bildungspolitik tätig sein", sagt sie.

Eine andere Gruppe wägt währenddessen die Vor- und Nachteile von Sozialismus und Kapitalismus ab. Kuno und Alessandro werden dabei von Kai Hüwelmeyer unterstützt. Er ist ehemaliger MainCampus-academicus-Stipendiat und strebt nun eine Doktorarbeit in Philosophie an. Am Vortag hat er einen Impulsvortrag zum Thema "Staat und Philosophie" gehalten und unterstützt die Gruppen bei ihrer Arbeit. "Es macht richtig Spaß zu sehen, auf welche Ideen die Kollegiaten kommen", sagt er. Die Idee von Kuno und Alessandro ist es, die Wirtschaft der Zukunft nicht auf ein bestehendes System aufzubauen, sondern sich zuerst  zu überlegen, wie das ideale Wirtschaftssystem sein soll, um dann aus allen bestehenden Systemen die passenden Vorteile zusammenzubringen. Ein ganzes neues Wirtschaftssystem werden sie während der Osterakademie zwar nicht erarbeiten können - aber das ist auch gar nicht das Ziel.

"Es geht darum, Impulse zu erhalten, mit guten Fragen aus der Akademie zu gehen und im Anschluss weiter zu forschen und die Ideen weiter zu verfolgen", sagt Kerstin Zahrt. Sie ist Coach und Trainerin und begleitet die Jugendlichen während ihrer Stipendiatenzeit. Während der Osterakademie steht sie jedem Kollegiaten für zwei Einzelcoachings zur Verfügung, bei denen sie gemeinsam über persönliche Anliegen, Langeweile in der Schule oder Lerntechniken sprechen.

Besuch aus Frankfurt

Am vorletzten Tag der Akademie bekommen die Kollegiaten Besuch aus Frankfurt. Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, erzählt von der Stiftung und stellt einzelne Projekte vor. Außerdem bringt er den Schülern die über 200-jährige Geschichte der Polytechnischen Gesellschaft näher und erläutert den Begriff "polytechnisch, der  aus der Zeit der Französischen Revolution stammt und Vielseitigkeit, Nützlichkeit, Bildung, Verantwortung und die "Verbindung zwischen Hand und Kopf" in einem Terminus vereint. Zum  Akademiethema "Zukunftsland" fasst Professor Kaehlbrandt ein zentrales Anliegen des Philosophen Immanuel Kant zusammen: "Vernunft, Verstand und Wissen müssen die Grundlage für das Zusammenleben sein, nicht Gefühle und subjektive Wahrnehmungen."

Im Anschluss stellen die Kollegiaten Fragen und haben die Gelegenheit, von ihren bisherigen Erfahrungen als Kollegiaten zu berichten. "Es ist toll, mit Gleichaltrigen zusammen zu sein, die ähnlich denken wie man selbst", sagt Larissa. "Das Stärkentraining und die Teambuilding-Einheit bei der Herbstakademie waren toll und sollten für weitere Jahrgänge beibehalten werden", befindet Isabelle, die sich auch gut noch ausgedehntere Praxisteile und knackigere Vorträge vorstellen könnte. Solche Rückmeldungen fließen in die Planung für den kommenden Jahrgang des Kollegs für junge Talente ein. Die jetzigen Stipendiaten haben derweil noch zwei Akademie-Samstage vor sich, und werden dann im Juni feierlich verabschiedet.

 (Text: Astrid Heindel)