22. März 2018

Kollegtag: Ein "neues Europa" als Themenfeld für das Kolleg für junge Talente

von unserem Gastautor

Im Februar befasste sich das Kolleg für junge Talente mit dem Thema "Europa". Der Kollegtag fand im Seminarhaus des Universitätscampus Westend der Goethe Universität statt. Die Referentinnen Prof. Dr. Sandra Eckert (Goethe Universität Frankfurt, Juniorprofessur für "Politik im Europäischen Mehrebenensystem") und Prof. Dr. Ulrike Guérot (Donau Universität Krems, Professur im "Department für Europapolitik und Demokratieforschung"), die derzeitige Grosser-Gastprofessorin, lieferten uns Kollegiaten Denkanstöße für die Idee eines "neuen Europas".

Foto: Johanna Roos


Verschiedene Meinungsbarometer dienten als Aufwärmübung für diesen sehr intensiven Tag. Es wurde schnell deutlich, dass der Vorwissenstand über die Europäische Union und deren einzelne Institutionen wie beispielsweise die Europäische Kommission oder die EZB, sowie deren Bestandteile doch in sehr divergenter Form vorhanden waren - bedingt durch den schulischen Politik- und Wirtschaftsunterricht, aber auch durch individuelles Interesse. 

Die den Tag prägende Leitfrage „Was hat Europa mit mir zu tun?“ machte von Anfang an klar, dass Politikverdrossenheit der jungen Generation besonders verheerend für die Zukunftsperspektiven des ohnehin schon kränkelnden Europas sein würde, gleichzeitig aber Europa jede Menge zu bieten hat, etwa Reisefreiheit und Warenhandel.

Im ersten Teil unseres Seminars bekamen wir eine Einführung in das politische System der Europäischen Union durch  Professorin Eckert. So konnten sowohl Anfänger als auch Fortgeschrittene die Geschichte der Europäischen Union mitverfolgen. Diese begann mit der sogenannten „Montanunion“ (EGKS), die sich im Jahre 1951 aus sechs Ländern, darunter Deutschland und Frankreich, zur Kriegsprävention formierte und beispielsweise die Aufteilung der Kohle- und Stahlindustrie mit sich brachte. Durch diverse Verträge wie Maastrich aus dem Jahr 1992 oder die Abkommen von Lissabon im Jahr 2009 wurde mehr Supranationalität geschaffen, und auch durch die Einführung des Euros Anfang 2002 wurde der Prozess eines Europas mit vermeintlich stärkerem Zusammenhalt deutlich.

Politische Zerrüttung in der EU – Zeit für einen neuen Anstoß?

Nach dem Mittagessen folgte die herausfordernde geistige Abstraktion des Themas, geführt von der führenden Europapolitikexpertin Frau Prof. Dr. Guérot. Wir lernten, dass die EU einige gravierende Schwachstellen aufweist und zumindest einer Reformierung bedarf, um den Bürger auf europäischer Ebene wirklich „Souverän“ nennen zu können und Europa so in Zeiten eines aufstrebenden Rechtspopulismus und Patriotismus wieder zu einen. Rechtspopulismus sei durch einen frischen Impuls und durch das Überwinden der Nationalstaaten zu lösen, so müsse das „kranke Tier EU“ ersetzen werden. Was im ersten Moment paradox erscheint, könne in ferner Zukunft Realität werden, denn in einer vollständigen Europäischen Republik gäbe es keinen Grund zum Brexit oder zur Abspaltung einer Region von einem Land. Es gäbe ein Gewaltmonopol, welches aktuell nicht vorhanden ist, bedingt durch das Gerangel nationaler Interessen gegen die Träumer von einem europäischen Bundestaat. Außerdem wäre diese supranationale Form durch genügend Partizipationsmöglichkeiten endlich ausreichend legitimiert, es könnte sich keiner mehr der europäischen Verantwortung entziehen.

Die Sprache, fiel uns auf, bliebe hierbei das geringste Hindernis. Vielmehr müsse vermittelt werden, dass eine europäische Republik dem einzelnen Europäer mehr helfe, als eine Abkehr von Europa hin zu mehr Nationalstaatlichkeit, die aktuell bei vielen Ländern sehr gefragt ist, beispielsweise Frankreich, Polen, Ungarn.

Auch strebe Professorin Guérot keinesfalls an, eine Revolution loszutreten; vielmehr gehe es darum , die Menschen zu dieser Denkleistung, zur Abstraktion über dieser Form eines „neuen“ Europas, zu bewegen, um neue Perspektiven zu schaffen. Die Vorstellung, ich würde miterleben, wie sich die Bundesrepublik Deutschland auflöst und eine europäische Republik geschaffen würde, fand ich persönlich sehr faszinierend.

Wie schwierig jedoch eine Umsetzung sein könnte, wurde uns deutlich, als gegen Ende des Kollegtages in verschiedenen Gruppen Definitionen zu „Nation“ „Kultur“ „Region“ und ähnliches herausgearbeitet wurden. Begriffe, die nach der Auseinandersetzung hellhörig machen, denn sie sind eben nicht klar zu fassen, sondern sehr kontrovers zu betrachten.

Das Seminar war zeitlich knapp bemessen, sodass sich die Klärung unserer angeregten Diskussionen mit den Referenten schwierig gestaltete. Ich bin jedoch zuversichtlich, dass in der Osterakademie des Kollegs einige dieser Themenblöcke noch stärker vertieft und weitere interessante Gespräche zu Stande kommen werden, die kommende Woche startet.

Am Ende bleiben jedoch Fragen:  Befinden wir uns überhaupt in einer Krise?  Bedarf es wirklich einer europäischen Republik und wie sähe deren Umsetzung aus? Oder sind Reformen an der jetzigen EU bereits ausreichend? Sollte man sich nicht doch auf Sicherheit und Stabilität stützen, bevor man Hals über Kopf ein Experiment mit ungewissem Ausgehen anstrebt?  Wo fände ich mich als Bürger in so einer Republik wieder? Gibt es ein besseres System?

Fragen, die wichtige Denkanstöße liefern, mit denen es sich als junge Europäer auseinanderzusetzen gilt.

Text: Jonas Hillenberg