29. November 2016.

Kommentar: Die Zumutung der Aufklärung

von unserem Gastautor

Von der Pflicht, selbst zu denken: Kai Hüwelmeyer, MainCampus-Stipendiat der 5. Generation, erläutert in seinem Kommentar, warum die Aufklärung keine einmalige Leistung ist. Hüwelmeyer ist diplomierter Physiker und macht derzeit seinen Magister in Philosophie.


Was ist Aufklärung? Nach wie vor ist sie vielen Europäern ein Bezugspunkt, jedoch aus unterschiedlichen Gründen. Ein Beispiel: Während sie weiten Teilen des klassischen Bildungsbürgertums nach wie vor als Norden unseres moralisch-politischen Kompasses dient, wird sie von manchen Bürgern zur pauschalen Islamkritik zweckentfremdet, wenn ohne jegliche Differenzierung gefordert wird, der Islam solle zunächst seine eigene Aufklärung leisten.

Zu bedenken gebe ich hier zweierlei: Einerseits beteiligen sich arabische Intellektuelle an Debatten über den Status des Islam. Sie nehmen dafür Risiken für Leib, Leben und Familie in Kauf, "die kein westlicher Intellektueller sich vorstellen kann", um es mit den Worten Tahar Ben Jellouns zu sagen.

Zum anderen scheint vorausgesetzt, dass die Aufklärung eine vollendete Leistung der Europäer war. Aber kann man mit der Aufklärung überhaupt fertig sein? Ohne aufklärerische Errungenschaften in Frage stellen zu wollen, möchte ich mich hier mit der Idee auseinandersetzen, dass die Aufklärung primär eine Art des Denkens und nicht ihr Ergebnis ist.

Kant als Berater

In dieser Sache lasse ich mich von jemandem beraten, der für seine "Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?" viel Zuspruch bekam: Immanuel Kant. "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit", heißt es im ersten Satz jenes Aufsatzes.

Die beklagte Unmündigkeit sei "Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen". Auch zu den Ursachen bietet Kant eine Diagnose, die zugleich Vorwurf und Aufforderung ist: "Faulheit und Feigheit" hätten die Menschen dazu gebracht, sich in ihrer Unmündigkeit bequem einzurichten. Der Appell gewinnt daher seinen Wortlaut: "sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!"

In diesem Imperativ steckt eine provokante Kernbotschaft. Sie ist denjenigen entgegenzuhalten, die meinen, wir hätten die Aufklärung bereits geschafft: Aufklärung ist keine einmalige Errungenschaft, sondern eine ständige Zumutung. Was bedeutet das?

Unübersichtliche Zeit

Bedingt durch rasante technologische Entwicklungen leben wir in einer unübersichtlichen Zeit. Distanzen schrumpfen und Trennungen verschwimmen: Informationen sind in einer Fülle und Geschwindigkeit zugänglich, die den Zeitgenossen der Aufklärung Schwindel bereitet hätte.

Darüber hinaus bewegt sich die Menschheit in einem Ausmaß über den Globus, das seinesgleichen sucht. Die Konsequenzen dieser Entwicklung, obwohl erfahrbar, sind noch nicht in ihrem vollen Umfang erfasst: Gesellschaften werden pluraler. Das betrifft sowohl die Überzeugungen ihrer einzelnen Mitglieder, als auch ihre kulturelle Zusammensetzung. In genau diesem ursprünglichen Wortsinne ist Multikulturalität nicht tot, sondern Tatsache.

Gerade in solchen unübersichtlichen und komplexen Zeiten sehnen die Menschen sich nach einfachen Antworten. Zusammenhänge zu untersuchen, in Debatten zu differenzieren und keine vorschnellen Schlüsse zu ziehen, erfordert aber Geduld und ständige Anstrengung.

Mut zur Veränderung

Veränderungen in Kauf zu nehmen, sich von Dogmen zu lösen, dabei Grundgesetz und Rechtsstaatlichkeit für jeden zu verteidigen, die Ansprüche anderer anzuerkennen, das Fremde und Neue nicht zu fürchten, aufzustehen, einfachen Lösungen zu widersprechen, den öffentlichen Raum mitzugestalten, das erfordert Mut.

Genau das bedeutet es aber, sich seines eigenen Verstandes zu bedienen. Der Faulheit die Anstrengung der Vernunft und der Feigheit den Mut entgegenzusetzen, darin besteht das speziell Unbequeme, darin besteht die Zumutung der Aufklärung.

Dieser Text stammt aus der Ausgabe 2/2016 der Polytechnik, dem Stiftungsmagazin der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. Sie finden Sie zum Download in unserer Mediathek. Ein kostenfreier Postversand der Druckausgabe ist ebenfalls möglich. Schreiben Sie uns dafür eine E-Mail an info@sptg.de mit Angabe Ihrer Anschrift.

(Bild: Uwe Dettmar)