20. Januar 2017.

Komplizierte Nachbarschaft

von unserer Gastautorin

Frankreich und Deutschland erleben einen politischen Wandel. Wie ähnlich sind sich die beiden Länder noch und wie begegnen sie den Herausforderungen der Demokratie? Professorin Hélène Miard-Delacroix behandelte die Thematik in ihrem stadtöffentlichen Vortrag anlässlich der 8. Alfred-Grosser-Gastprofessur.

Hélène Miard-Delacroix, Professorin für deutsche Zeitgeschichte an der Universität Paris-Sorbonne und Grosser-Gastprofessorin. (Foto: privat)


Wie standhaft ist die Demokratie in Frankreich? Und in Deutschland? Nach jüngsten Wahlerfolgen rechtspopulistischer Parteien wie der Alternative für Deutschland (AfD) oder dem französischen Front National drängen sich diese Fragen auf, besonders im Hinblick darauf, dass sowohl Franzosen als auch Deutsche 2017 eine neue Regierung wählen. Wie ähnlich sind sich die beiden Nachbarländer unter den Umständen des politischen Wandels noch? Die Professorin für deutsche Zeitgeschichte an der Universität Paris-Sorbonne, Hélène Miard-Delacroix, suchte in ihrem Vortrag „Getrennte Wege oder einig im Wandel?

Deutschland und Frankreich vor den Herausforderungen der Demokratie“ am Abend des 18. Januar 2017 nach Antworten. Der Vortrag im Metzler-Saal der Goethe-Universität fand im Rahmen der Alfred Grosser-Gastprofessur für Bürgergesellschaftsforschung statt, die im Wintersemester 2016/2017 zum achten Mal von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft ermöglicht wird. Angeregt wurde das internationale Programm von der Deutsch-Französischen Gesellschaft Frankfurt am Main e. V. Mit Miard-Delacroix konnte eine hervorragende Forscherin gewonnen werden, denn sie ist nicht nur Mitglied des wissenschaftlichen Beirats des Deutschen Historischen Instituts Paris und Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Historikerkomitees, sondern auch Schülerin des Namensgebers Alfred Grosser.

Gleiche Herausforderungen

"Immer wieder wird behauptet, die Unterschiede zwischen Deutschland und Frankreich seien so groß wie noch nie", begann Miard-Delacroix. Argumente dafür gebe es viele: Deutschland gelte als erfolgreiches, global angepasstes und weltoffenes Land, Frankreich sei dagegen reformscheu, verkrampft und terrorismusgeprägt. Die politischen Landschaften veränderten sich in beiden Ländern, doch obwohl die Regierungs- und Wahlsysteme unterschiedlich funktionierten, stünden Frankreich und Deutschland vor den gleichen Herausforderungen.

In Diagrammen stellte Miard-Delacroix die Entwicklung beider Länder in den letzten Jahren gegenüber und belegte damit eine Entwicklung in die gleiche Richtung. Der Front National ist seit den Wahlerfolgen bei den französischen Regionalwahlen 2015 mit 27 Prozent der Stimmen im Aufwind, und in Deutschland erreichte die rechtspopulistische AfD bei den Landtagswahlen 2016 in mehreren Bundesländern aus dem Stand zweistellige Ergebnisse. In drei zentralen Punkten fasste Miard-Delacroix die Ähnlichkeit der Entwicklungen zusammen: In beiden Ländern polarisiere sich die Parteienlandschaft, Rechtspopulismus sei eine Form der Ablehnung der aktuellen Regierung, und die Digitalisierung  stelle die Demokratie vor weitere Herausforderungen. "Die Digitalisierung verändert die Wahrnehmung des Individuums und der Umgebung. Damit wird ein Anreiz geschaffen, andere politische Richtungen auszuprobieren."

Sehnsucht nach einfachem Weltbild

Den Erfolg der rechtspopulistischen Parteien erklärt Miard-Delacroix auch damit, dass diese ein Weltbild anböten, das sich in gut und böse aufteilen ließe und damit leicht verständlich sei. In einer durch die Globalisierung immer komplizierter werdenden Welt sehnten sich die Menschen nach einfachen Standpunkten.

Trotz der ähnlichen Entwicklungen bleiben Unterschiede bestehen. Der Zwang, dass deutsche Regierungen Koalitionen bilden, fördert ein Konsensverhalten der Parteien, während die französische Verfassung eher die Konfrontation begünstigt. In Deutschland haben sich viele Parteien in den letzten Jahren immer mehr zur Mitte hinbewegt. In Frankreich dagegen sei die Mitte verhasst, so Miard-Delacroix. Dennoch sei auch hier eine Hinwendung zur Mitte bemerkbar: Eine gemäßigte Linke und eine gemäßigte Rechte steuerten seit 1983 immer mehr aufeinander zu. Rechtspopulismus sei die Ablehnung der aktuellen Regierung, der Regierung in der Mitte.

Die Antwort auf die Ausgangsfrage fiel Miard-Delacroix abschließend leicht: "In der Grundtendenz überwiegen die Ähnlichkeiten zwischen den Ländern." Doch auch wenn diese Ähnlichkeiten vor allem im Aufstieg rechtspopulistischer Parteien bestehen, so hat Miard-Delacroix Hoffnung für die Demokratie: "Sucht man nach Symptomen des Wandels, so übersieht man häufig die Faktoren der Stabilität." Sie setzt bei den anstehenden Wahlen auf die etablierten Parteien, die nach wie vor stark seien und die Demokratie stabilisieren könnten.

(Text: Astrid Heindel, Foto: privat)