14. März 2018

Main-Campus: Komplexität beim Colloquium Generale

von unseren Gastautoren

Mitte Februar fand das Colloquium Generale des Main-Campus-Stipendiatenwerks statt. Die Stipendiaten Franziska Stegemann und Felix Danowski berichten über die beiden Tage, die "Komplexes Denken – komplexe Problemlagen verstehen, beschreiben und bewältigen" zum Thema hatten. Wie es sich für Polytechniker gehört, wurde das Thema aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet.

Bild: Tobias König


Wenn sich vierzig Studenten und Studentinnen, Professoren und Gastgeber der Stiftung Polytechnische Gesellschaft treffen, um über komplexes Denken zu diskutieren, dann könnte dies durchaus als "Komplexes System" bezeichnet werden. Wir reden miteinander, gehen aufeinander ein. Jeder Beitrag ändert, was die anderen sagen wollen und sagen werden. Und das Verhalten jedes Teils hängt vom Verhalten jedes der anderen Teile ab, in einer ständigen Wechselwirkung. Nur so kann es dazu kommen, dass wir zusammen neue Gedanken hervorbringen, die wir als Einzelne nicht hätten formulieren könne

"Komplexität" lautete das Thema des Colloquium Generale im Jahr 2018. Ein Thema, das jeden betrifft; ein Thema, dem wir täglich begegnen. Ob in den Natur-, Gesellschafts- oder Wirtschaftswissenschaften, ob im Beruf oder im Alltag, überall tauchen komplexe Systeme auf. So auch in einem der wohl alltäglichsten Dinge – der Sprache – wie Prof. Kaehlbrandt den Teilnehmern des Colloquiums in seiner Begrüßungsrede erläuterte.

Komplexität?

Komplexität – was ist das überhaupt? Prof. Bereiter-Hahn beantwortete dies in einer kurzen Einführung. Komplexe Systeme bestehen aus einzelnen Bausteinen, der Mikroebene, die miteinander wechselwirken und zusammen eine größere Einheit bilden, die Makroebene. Beschreibbar sind komplexe Systeme durch Größe, Konnektivität und Dynamik. Komplexe Systeme weisen ein nichtlineares dynamisches Verhalten auf und können Emergenzen hervorbringen. Durch Rückkopplungsmechanismen zwischen Mikro- und Makroebene ist eine Selbstorganisation und –regulation möglich, wodurch metastabile Ordnungsstrukturen erreicht werden können. Dies bedeutet, dass die Veränderung eines Elements globale Auswirkungen auf das System hat.

Hierbei stellt sich explizit die Frage, wie vernünftige Forschung trotz dieses großen Ausmaßes an Komplexität möglich sein kann. Oftmals wird die Komplexität derart reduziert, dass nur noch einzelne Bausteine isoliert betrachtet werden. Trotz mancher Erfolge dieser reduktionistischen Forschung ist diese doch sehr stark durch den Verlust des Gesamtzusammenhangs der Bausteine eingeschränkt. Eine Alternative bietet die Funktionsanalyse, bei der Komplexität zum Teil einbezogen wird. Hierbei wird versucht, Funktionszusammenhänge zu verstehen. Ein vielversprechender Ansatz ist die holistische Betrachtung, bei der zunächst das komplexe System reduziert und im zweiten Schritt wieder rekonstruiert wird. Dieses Vorgehen kann nur deduktiv erfolgen und erfordert ein vertieftes Verständnis der Komplexität und der einzelnen Vorgänge auch in ihrem Zusammenhang.

Impulsvorträge zur Einstimmung

Im weiteren Verlauf des Abends gab es drei Impulsvorträge: Prof. Mosbrugger referierte über die naturwissenschaftliche Sicht auf komplexe Systeme in der unbelebten und belebten Natur, Dr. Scheiter erläuterte die Modellierung kompakter Ökosysteme und Ökosystemdynamiken, und Dr. Liehr sprach zum Thema krisenhafter Mensch-Umwelt-Beziehungen, also Komplexität in sozial-ökologischen Systemen. Anschließend wurde in drei Gruppen unter Leitung der drei Referenten über verschiedene Aspekte diskutiert.

So behandelten wir in der Gruppe die naturwissenschaftliche Herangehensweise an komplexe Fragestellungen und deren Vertretbarkeit in der Diskussionsrunde um Prof. Mosbrugger. Wir stellten fest, dass die Verinselung der einzelnen Wissenschaften heutzutage ein großes Problem darstellt. Zusammenarbeit und Bündeln von Informationen ist hierbei von Vorteil. Ferner erörterten wir die Rolle der Wissenschaft und das heutige Wissenschaftsverständnis und schließlich auch den Bezug von Wissenschaft und Gesellschaft. Hierbei wurde deutlich, dass Wissenschaft und Gesellschaft unterschiedliche Vorstellungen über das Leistungsvermögen beziehungsweise die Grenzen der Wissenschaft haben. In diesem Zusammenhang ist die richtige Kommunikation sehr wichtig, um aufzuklären und der allgemeinen Wissenschaftsskepsis entgegenzutreten – ein zentraler Aspekt des polytechnischen Programms.

Entwicklungshilfe als Diskussionsaufhänger

Am zweiten Tag wählte Matthias Schündeln – Professor für Wirtschaftswissenschaften an der Goethe Universität – ein Thema für die Diskussion komplexen Denkens aus, das uns alle etwas angeht: die Erforschung und Bewertung von Entwicklungshilfeprogrammen. Unter drei Schlagworten stellte Professor Schündeln die Frage, wie wir Entwicklungshilfe eigentlich "verstehen, beschreiben und bewältigen" können. Keine dieser Fragen ist leicht zu beantworten. Da jede Erforschung gesellschaftlich wirksamer Projekte zugleich ein Eingriff in diese Projekte darstellt, ist objektive Forschung überaus voraussetzungsreich und fehleranfällig. Gesellschaft ist komplex, und um sie zu verstehen und zu beschreiben, braucht es komplexes Denken und komplexe Methoden.

In drei Arbeitskreisen wurde im Anschluss an den Vortrag einzelne Themen diskutiert. Professor Schündeln leitete die Diskussion rund um das Thema unbeabsichtigter Wirkungen. Wer könnte in einer komplexen Gemeinschaft schon vorhersagen, wie sich bestimmte Maßnahmen insgesamt auswirken werden? So kommt es, dass die Bereitstellung von Traktoren im westafrikanischen Gambia zwar kaum den Lebensstandard hebt, aber dafür die Entwaldung vorantreibt. Gerade die Sozialwissenschaften sind hier einer Unschärfe ausgesetzt, die über die Unsicherheiten der Naturwissenschaften weit hinausgeht.

Unter der Leitung von Torben Niemeier, Alumni der sechsten MainCampus-Generation, wurde über Forschungsmethoden gesprochen, die zur Untersuchung der Wirksamkeit von Sozialhilfeprogrammen bereitstehen. Insbesondere eine ethische Frage wurde dabei heiß diskutiert: Um Erkenntnisse zu gewinnen, benötigt man unbeeinflusste Kontrollgruppen. Aber kann man wirklich einigen Menschen in Not zu Vergleichszwecken Entwicklungshilfe vorenthalten?

Zuletzt wurde unter der Leitung von Julian Böhmer, Stipendiat der aktuellen siebten Generation, auch über einige erfolgreiche Wege der Einflussnahme auf gesellschaftliche Entwicklungen gesprochen. Sogenannte "Nudges", "Anstupser", können dabei helfen, Menschen wohlüberlegte und vorteilhafte Entscheidungen leichter zu machen. Ohne die Menschen in ihren Spielräumen einzuschränken, kann man besseres Handeln fördern, allein durch die überlegte Gestaltung der Entscheidungsprozesse. So geben die kleinen Bildchen auf den Zigarettenpackungen den Menschen keine neue Information, aber sie halten einige dennoch vom Rauchen ab. Gerade auch für eine Gesellschaft wie die Polytechnische, die fördernd in ihre Stadt eingreifen will, können solche Schritte als Inspiration dienen.

Zum Schluss sprachen Professor Kaehlbrandt und unser Gastgeber, Professor Bereiter-Hahn, noch einige dankende Schlussworte. Beide bestärkten die Schlussfolgerung, dass das Bewältigen komplexer Systeme immer ein offenes Problem bleiben wird. Die Bewältigung des komplexen Systems "Colloquium Generale" ist ihnen am Ende dennoch erfolgreich gelungen.

Text: Franziska Stegemann und Felix Danowski

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