07. Januar 2020

Meine Zeitung: Print trifft digital

von Jens-Ekkehard Bernerth

Das Bildungsprojekt Meine Zeitung – Frankfurter Schüler lesen die F.A.Z. arbeitet nicht nur mit dem analogen Printprodukt, sondern auch mit einer digitalen Komponente, die vor allem von den teilnehmenden Schülerinnen und Schülern äußerst positiv angenommen wird, wie ein Besuch am Gymnasium Riedberg zeigte.

Foto: FAZ/Frank Röth


Zeitungsseiten mit besonders interessanten Artikeln hängen an den Wänden im lichtdurchfluteten Klassenraum der 8d des Gymnasiums Riedberg. Papierrascheln ist jedoch nicht zu vernehmen. Stattdessen hört man dumpfe Tapp- und Wischgeräusche, die Schülerinnen und Schüler prüfen den Status ihrer selbst gedrehten Filme, recherchieren in der F.A.Z.-App oder wechseln in die beiden anschließenden Klassenräume, um Ton- und Videoaufnahmen mithilfe von Kreativ-Apps anzufertigen.

Denn die 8d ist eine sogenannte Tablet-Klasse, die im Rahmen des Bildungsprojekts Meine Zeitung: Frankfurter Schüler lesen die F.A.Z. mit einem Klassensatz Tablets ausgestattet werden, um digitale Arbeiten zu erstellen. "Die Schüler sind durch die Geräte besonders motiviert", teilt Natalie Ziegler mit. Die Lehrerin für Deutsch sowie Politik und Wirtschaft ist zum ersten Mal bei Meine Zeitung dabei und lobt die moderne Ausrichtung und den Nutzen des Projekts: "Die Schüler werden im Rahmen der Auseinandersetzung mit ihrem Langzeitthema zu Experten und Produzenten, indem sie tiefergehende Recherchen betreiben, um ihre Verstehenslücken mit Wissen zu füllen, ihr Thema für sich aufzudröseln und im Anschluss ein eigenes ›Produkt‹, in unserem Fall Erklärvideos, zu erstellen." 

Dementsprechend eifrig gehen die Schülerinnen und Schüler zu Werke. Schließlich ist es auch für die 8d das erste Mal überhaupt, dass Tablets im Unterricht eingesetzt werden, wie Sebastian und Kovidh berichten. Die beiden Schüler outen sich als Fans der Tablets: "Ich bin eher ein unordentlicher Mensch, der mit dem ganzen Zettelwerk durcheinanderkommt", erklärt Sebastian. "Mit dem Tablet ist alles viel sortierter." Kovidh pflichtet ihm bei: "Für mich ist es das perfekte Werkzeug. Es ist kompakt und leicht, man muss nicht zig Schulbücher rumschleppen, sondern hat alles digital vorliegen." 

Mit ihrem Gemeinschaftsprojekt möchten die Stiftung Polytechnische Gesellschaft und die Frankfurter Allgemeine Zeitung Leseförderung betreiben und die Medienkompetenz der Kinder weiter ausbilden. Ein Vorhaben, für das die Verantwortlichen 2018 mit dem dritten Preis bei der Vergabe des Deutschen Lesepreises in der Kategorie "Herausragende Leseförderung mit digitalen Medien" ausgezeichnet wurden. An den Schulen, die sich für das Digitalprojekt beworben haben, werden zusätzlich zum dreimonatigen Arbeiten mit der Printausgabe der Zeitung für vier Wochen Tablets ausgegeben. Die crossmediale Auseinandersetzung soll die Schüler dazu motivieren, sich mit der Tageszeitung zu befassen, und dazu anregen, über die Vor- und Nachteile sowie die Bedeutung unabhängiger und zuverlässiger Berichterstattung nachzudenken und sie reflektiert zu nutzen. Außerdem lernen sie, Tablets kreativ einzusetzen.

Lob vom Schulleiter

Helmut Kühnberger, Direktor des Gymnasiums Riedberg, lobt den Mehrwert des Projekts: "Ein Glossar mit Fachbegriffen zu erstellen ist eine hervorragende Wortschatzarbeit und stärkt nebenbei die Sprach- und Lesekompetenz. Außerdem ist drei Monate Zeitunglesen überaus lehrreich und hat auch eine Wirkung auf die Eltern. Plötzlich redet man am Essenstisch auch mal über Politik." Natalie Ziegler freut sich über den Einsatz der Tablets im Unterricht: "Die Bandbreite eines sinnvollen Einsatzes der Tablets ist schier unerschöpflich. Arbeitsblätter und Bücher könnten in digitalen Fassungen ausgeteilt werden. Die Schüler können sie direkt auf dem Tablet bearbeiten, und im Anschluss lassen sich ihre Ergebnisse mithilfe des Beamers auf die Leinwand übertragen. Kleine Übungstests könnten digital durchgeführt werden. Mithilfe von diversen Apps lässt sich sehr schnell auch ein Feedback zum Testergebnis geben. Aber allenvoran kommen noch die Apps dazu, die die Kreativität der Schüler fördern, indem sie eigene Beiträge erstellen, seien es Podcasts, Hörbücher, Bilder, Grafiken oder Videos." 

Helmut Kühnberger steht dem Thema Digitalität in der Schule grundsätzlich fördernd und wohlwollend gegenüber, äußert jedoch auch Bedenken in Bezug auf ihren Einsatz im Unterricht: "Technikkompetenz zu vermitteln, also die Fähigkeit, ein Werkzeug in verschiedenen Bereichen sinnvoll zu nutzen, ist Aufgabe der Schule.  Dementsprechend sehe ich Tablets als Bereicherung, solange sie als Werkzeug zum Erlangen einer tieferen Erkenntnis dienen, etwa in der Mathematik oder Physik, oder zum Vermitteln von Fremdsprachen, wo sie quasi das Sprachlabor vergangener Tage ersetzen. Bei mehr als drei Schulbüchern ist das Tablet auch die leichtere Alternative", erläutert der Pädagoge. "Doch in vielen anderen Bereichen sind Tablets eher ein ›Nice-to have‹. Lesen, denken, schreiben kann man auch ohne ein teures Gerät. Für das soziale Miteinander im Unterricht sehe ich sie sogar eher als Behinderung, weil die bunte Bilderwelt die Schüler doch sehr stark in ihren Bann zieht. Auch finde ich, dass das, was das Leben der Schüler wirklich anstrengend macht – das Lernen, das Arbeiten an Erkenntnis und das Sich Einprägen von Erkanntem – durch die Digitalisierung nicht erleichtert wird. Das bleibt harte Arbeit." 

Von den Ergebnissen und Wirkungen des Projekts Meine Zeitung ist der Schulleiter jedoch überzeugt: "Alle Mappen, die abgegeben wurden, waren mit sehr viel Aufwand gestaltet. Man konnte sehen, wie intensiv sich die Schüler mit ihrem Thema beschäftigt haben." Die Schülerinnen und Schüler der 8d freuen sich unterdessen über die digitale Abwechslung in ihrem Unterricht und nutzen ganz selbstverständlich die Möglichkeiten, die sich ihnen durch die Geräte bieten. Ob Mathematik- oder Deutschunterricht – die vielfältigen Anwendungen auf den Tablets werden vermutlich in Zukunft nicht mehr aus dem Schulalltag wegzudenken sein.

Dieser Artikel stammt aus der Polytechnik 2/2019. Die digitale Version können Sie als PDF lesen. Das Projekt Meine Zeitung startet in diesem Monat in einen weiteren Jahrgang.