11. Dezember 2020.

Nachhaltigkeitspraktiker feiern ihren Abschluss: "Ich will anderen ein Vorbild sein"

von Elisabeth Brachmann

Im August trafen sie sich zum ersten Mal: die Nachhaltigkeitspraktiker. Zum Abschluss des nachhaltigen Pilotprojekts der Stiftung Polytechnische Gesellschaft ließ die Gruppe die vergangenen dreieinhalb Monate in einem digitalen Treffen Revue passieren und berichtete von ihren Erfahrungen. Wir waren dabei.

Nachhaltigkeitspraktiker auf Lebenszeit: Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer freuen sich über ihre Urkunden zum Abschluss des Pilotprojekts "Nachhaltigkeitspraktiker" der Stiftung Polytechnische Gesellschaft.


Eine Bar in Berlin an einem kalten Herbsttag im Jahr 2019. Johanna Roos und Philipp Burkhardt zerbrechen sich die Köpfe über die Frage: Wie führt man eigentlich ein nachhaltigeres Leben? Seitdem sind viele Monate vergangen, und inzwischen steht fest, was aus dieser Frage gewachsen ist: das Projekt Nachhaltigkeitspraktiker. In dem neuen Projekt der Stiftung Polytechnische Gesellschaft befassten sich zwölf Teilnehmerinnen und Teilnehmer mit der Frage, wie sie ihren eigenen Alltag nachhaltiger gestalten können und wie sie ihr persönliches Umfeld dazu anregen können, sich ebenfalls mit dem Thema Nachhaltigkeit zu beschäftigen. 

Unterstützung erhielten die jungen Leute von einem motivierten Projektteam, bestehend aus Johanna Roos und Annika Löffler-Djahani von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft sowie Philipp Burkhardt von der Innovationsagentur Journey 2 Creation. "Als Polytechnische Stiftung begrüßen wir es, dass in diesem Projekt engagierte Menschen im Selbstversuch ausprobieren, wie weit sie mit selbst gesetzten Nachhaltigkeitszielen ganz praktisch kommen können", erklärte Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, am Abschlussabend noch einmal allen Anwesenden den Hintergrund des Projekts. "Das Projekt möchte Gleichgesinnte zusammenbringen und so die Wirkungen innerhalb der Gruppe auch im persönlichen Umfeld der Teilnehmerinnen und Teilnehmer multiplizieren", so der ehemalige Stadtteil-Botschafter Burkhardt über die Ziele des Konzepts. Input erhielten die Nachhaltigkeitspraktikerinnen und -praktiker außerdem in verschiedenen Workshops und Vorträgen. 

Mehr Stress im Alltag führt zu mehr Verpackungsmüll

Passend dazu, wie sie die Anreize aus dem Projekt in ihren Alltag integrierten, erhielten die Nachhaltigkeitspraktikerinnen und -praktiker zum Abschluss eine Auszeichnung. Bau- und Umweltingenieur Janosch Wiedemann fand heraus: "Wenn man sich mit trockenen Grundnahrungsmitteln im Unverpackt-Laden ausstattet, kann man schon viel Verpackungsmüll einsparen. Denn frische Lebensmittel werden auch in Supermärkten und auf Wochenmärkten meist unverpackt angeboten." Dafür wurde er mit der "Goldenen Kichererbse" vom Projektteam ausgezeichnet. Sarah Ullrich promoviert in Molekularbiologie und entwickelte im Rahmen einer Studierendeninitiative einen Kalender für saisonale Lebensmittel. Dafür erhielt sie die "Goldene Mensagabel". Sie hat außerdem gelernt: "Je stressiger mein Alltag ist, desto mehr Einweg-Plastik verwende ich. Ein Kaffee hier, ein Gericht zum Mitnehmen da. Durch neue Routinen lässt sich das vermeiden."

Der tägliche Konsum beschäftigte auch Bauingenieurin Isabelle Beckmann, die Neurowissenschaftlerin Anneke Fuß und die ehemalige Stadtteil-Botschafterin Esa Böttcher. Auch sie haben in den dreieinhalb Monaten des Projekts neue Routinen für sich etabliert. So darf im Alltag der Stoffbeutel, die Frischhaltedose, der Isolierbecher und die Trinkflasche von zu Hause nicht mehr fehlen, und vor jedem Spontankauf wird sich noch einmal gefragt: Kann ich das auch gebraucht kaufen und brauche ich das überhaupt? Medizinstudentin Valerie Koppert hat sich außerdem mit der Frage auseinandergesetzt, woher der Strom aus ihrer Steckdose kommt und damit die ganze Gruppe dazu motiviert, auf Ökostrom umzustellen.

Kompromisse vor Perfektion

Auch das Thema Ernährung und dessen Auswirkung auf Klima und Umwelt war den Nachhaltigkeitspraktikerinnen und -praktikern wichtig. Marketing-Freelancerin Aileen Barz hat Möglichkeiten ausprobiert, Gerichte vorzukochen und Lebensmittel haltbar zu machen, um sie so vor der Mülltonne zu retten. Entwicklungsarbeiterin Lisa Ferrarelli veranstaltet digitale Kochabende, bei denen sie sich mit Freunden über das Thema Nachhaltigkeit austauscht: "So konnte ich das Thema sogar bis zu einem Bekannten nach Chile weitertragen, mit dem ich einmal per Videokonferenz zusammen gekocht habe", freut sie sich. Booz Matron will sich vermehrt vegan und insgesamt nachhaltiger ernähren. Er hat in der Zeit des Projekts gelernt, nachsichtig mit sich selbst zu sein, wenn er im Alltag auch mal Kompromisse eingehen muss, die nicht perfekt nachhaltig sind. Wie die Lehramtsreferendarin Karla Alpers will auch er Lehrer werden und das Thema Nachhaltigkeit in die Schule bringen.

Sabrina Lentfer war mit großen Ambitionen in das Projekt gestartet: Als selbstständige Unternehmerin wollte sie die Führung ihres Kosmetikbetriebs komplett nachhaltig gestalten. Durch Anpassung ihrer Produktlinien und den Austausch von Verpackungen ist ihr das gelungen, zum Beispiel bietet sie nur noch wiederverwendbare Gutscheine aus Glas an. "Ich hatte das schon länger auf der Agenda. Das Projekt war der Anstoß, das endlich durchzuziehen. Ohne die Gruppe wäre ich nicht so weit, wie ich jetzt bin", sagt sie am Abschlussabend. Arevik Beglaryan studiert Komposition und hat sich mit der Frage beschäftigt, wie man Kulturveranstaltungen nachhaltiger gestalten kann. So kann beispielsweise die Planung digitalisiert werden und auf Printprodukte für Werbung verzichtet werden. Außerdem hat sie herausgefunden: "Open-Air-Veranstaltungen sind nicht nur während der aktuellen Pandemie eine gute Idee: Auch im Sinne der Nachhaltigkeit sparen sie Energiekosten ein." Das Thema möchte sie auch in Zukunft in ihrem Umfeld Kulturschaffender vorantreiben.

Im Gespräch bleiben

Nicht nur die Workshops und Vorträge, sondern auch der Austausch der jungen Leute untereinander hat ihnen geholfen, ihre Ziele Schritt für Schritt umzusetzen. "Man hat ein Anliegen und es gibt so viele Perspektiven aus der Gruppe. Das war sehr bereichernd und motivierend", sagt Arevik über ihre Zeit als Nachhaltigkeitspraktikerin. Der Gruppenzusammenhalt sei auch durch die Digitalisierung des Projekts nicht verlorengegangen, findet Teammitglied Philipp Burkhardt: "Unsere Pläne für das Projekt standen, dann kam Corona. Aber auch im Digitalen haben wir die Nähe zur und innerhalb der Gruppe deutlich gespürt."

Was alle Nachhaltigkeitspraktikerinnen und -praktiker gemeinsam haben: Sie möchten auch das Gelernte nachhaltig machen, indem sie es weitergeben. "Ich will mit meinem Umfeld im Gespräch bleiben", sagt Sabrina. Und Aileen hat erkannt: "Persönliche Gespräche wirken. Mit anderen über Nachhaltigkeit zu sprechen, das schafft Verbindlichkeit. Ich will versuchen, anderen ein Vorbild zu sein."

 

Weitere Infos zu den Nachhaltigkeitspraktikern finden Sie auf der Website des Projekts.