15. März 2021.

Nachhaltigkeitspraktiker: "Menschen sollen mit kleinen Schritten eine nachhaltige Wirkung erzeugen"

von Jens-Ekkehard Bernerth

Die Nachhaltigkeitspraktiker der Stiftung Polytechnische Gesellschaft starten in eine zweite Runde, derzeit läuft die Bewerbungsphase. Im Interview berichten die Projektleiterinnen Annika Löffler-Djahani und Johanna Roos, wie die Idee zum Projekt gekommen ist, was es für Änderungen bei der neuen Staffel gibt und was ihre ganz eigenen Nachhaltigkeitstipps sind.

Im Interview: Projektleiterinnen Johanna Roos (oben) und Annika Löffler-Djahani (unten).


Liebe Annika, liebe Johanna, ganz kurz und knackig: Was sind überhaupt Nachhaltigkeitspraktiker?

Johanna Roos (JR): Die Nachhaltigkeitspraktiker sind eine bunt gemischte Gruppe junger Menschen aus Frankfurt, die sehr interessiert am Thema Nachhaltigkeit sind, denen aber bisher der Anstoß für Änderungen gefehlt haben. Sie unterstützen sich gegenseitig dabei, ihren Alltag langfristig nachhaltiger zu gestalten.

Wie kam die Idee für das Projekt auf?

Annika Löffler-Djahani (AL): Wir brennen selbst für das Thema und haben in Gesprächen gemerkt, dass sich gerade in der aktuellen Zeit sehr viele Menschen intensiver mit Nachhaltigkeit und dem Klimaschutz beschäftigen oder sich dafür interessieren. Aber viele stellen sich die Frage: "Bringt es bei den globalen Problemen überhaupt etwas, wenn ich allein etwas ändere?" oder "Man könnte so viel tun, aber wo soll ich anfangen?" In einer Gruppe herrscht eine ganz andere Motivation, Änderungen fallen leichter, und man fühlt sich stärker, gemeinsam etwas positiv zu verändern. So entstand die Idee.

Was für ein Ziel habt ihr euch beim Entwickeln des Projekts gesetzt?

AL: Anstelle, dass es wenige Menschen gibt, die vieles möglichst perfekt machen, wollen wir viele Menschen dazu ermutigen, mit kleinen Schritten eine "nachhaltige" Wirkung zu erzeugen. Dabei soll jeder und jede bei sich selbst anfangen, sich ausprobieren, neues lernen und fundierte Informationen zu dem komplexen Thema erhalten.

JR: Wir möchten Menschen das Gefühl geben, dass sie ihre selbstgesteckten Ziele erreichen können und damit anderen ein positives Beispiel aufzeigen, was man selbst tun kann. Wenn man seine eigenen Erkenntnisse und Erfahrungen ganz persönlich mit der Familie, Freunden oder Bekannten teilt, kann man so hoffentlich noch viel mehr Menschen inspirieren oder zum Nachdenken anstoßen.

Was sind eure Erfahrungen mit der ersten Generation?

JR: Die Gruppe ging sehr wertschätzend miteinander um und war sehr interessiert an den Referentinnen und Referenten und deren Themen, die wir für die Veranstaltungen vorgesehen hatten, wie zum Beispiel Lebensmittel retten, nachhaltiger Haushalt oder Urban Gardening. Es war toll zu sehen, wie sie Tipps geteilt, sich gegenseitig aus Motivationstiefs rausgeholt und zum Schluss ihre Ziele erreicht haben. Und das alles in einem größtenteils digitalen Umfeld ohne reale Treffen. Die Gruppe hat ganz wunderbar zusammengefunden und ist durch die gemeinsamen Erfahrungen in kurzer Zeit eng zusammengewachsen.

Gibt es etwas, das euch besonders in Erinnerung geblieben ist?

JR: Ich kann mich sehr gut daran erinnern, wie viele tolle Tipps zum Thema Verpackung- und Plastiksparen von Einzelnen entdeckt und dann mit der Gruppe geteilt wurden. Einfach super, wenn man nicht alles selbst rausfinden muss.

AL: Ich fand es besonders klasse, dass sich ein paar der Nachhaltigkeitspraktiker zum gemeinsamen Cleanup in der Frankfurter Innenstadt getroffen haben und so ganz aktiv etwas gegen den Müll in unserer Umwelt unternommen haben. Auch die Vorträge der Expertinnen und Experten fand ich sehr lehrreich und habe oft etwas gelernt, das ich vorher noch nicht wusste. Zum Beispiel, dass Butter eine noch schlechtere Klimabilanz als die Fleischproduktion hat. Mir fiel es als Konsequenz nicht schwer, auf Margarine umzusteigen.

Denkt ihr, dass sich die Inspirationen, die die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch das Projekt bekommen haben, verfestigt haben im Alltag?

JR: Alle, mit denen wir seit dem Ende des ersten Durchgangs gesprochen haben oder deren Nachrichten wir in unserer Chatgruppe gelesen haben, haben dies bestätigt.

AL: Auf jeden Fall! Schon beim vorletzten Treffen des Programms – nach gut zwei Monaten des Selbstexperiments – haben fast alle berichtet, dass sie mittlerweile eine gute, neue Routine gefunden und ihre nachhaltige Veränderung erfolgreich in den Alltag integriert haben.

Habt ihr selbst euch verändert durch das Projekt? Wenn ja, wie?

JR: Ich kann auf jeden Fall sagen, dass ich deutlich mehr weiß als vorher und noch sensibler geworden bin für Nachhaltigkeit im Alltag. Vor allem, was das Thema Plastik und Verpackung angeht.

AL: Ich habe ebenfalls noch viele, neue Dinge gelernt, zum Beispiel, in welchen Dingen Plastik steckt, wo man es gar nicht vermutet. Dass zum Beispiel Teebeutel oft mit Kunststoffen verstärkt oder verklebt sind, fand ich erschreckend. Ich habe dadurch viele kleine Veränderungen im Haushalt vorgenommen und achte noch mehr beim Einkauf darauf.

Die Ausschreibung für die zweite Generation ist mitten im Gange. Was habt ihr für Erwartungen?

JR: Wir freuen uns auf eine neue sympathische Gruppe, die Lust hat auszuprobieren, zu lernen und anderen davon zu erzählen, welche Erfahrungen sie machen. Damit immer mehr Menschen auch motiviert werden, erste Schritte in einen nachhaltigeren Alltag zu unternehmen.

Was wurde im Vergleich zur Durchführung der ersten Generation verändert?

AL: Wir haben die Phase im Projekt, in der es um das Teilen der eigenen Erfahrungen mit dem Umfeld geht, verlängert. Natürlich ist es super, wenn einzelne sehr nachhaltig leben. Noch besser ist es aber, wenn viele Menschen ein bisschen nachhaltiger leben.

Deshalb wollen wir die Teilnehmerinnen und Teilnehmer noch mehr darin unterstützen, ein individuell passendes Format zu finden, um darüber zu erzählen und andere zu inspirieren.

Wie werden die Ergebnisse der zweiten Generation dokumentiert und präsentiert?

JR: Wir arbeiten mit einem digitalen Whiteboard, auf dem alle Nachhaltigkeitspraktikerinnen und Nachhaltigkeitspraktiker ihre persönlichen Schritte eintragen, Ziele anpassen und Fragen an die Gruppe stellen. Am Ende der Experimentierphase reflektieren wir dann gemeinsam, wie der Verlauf war und überlegen, was davon interessant für andere Menschen sein könnte. Wie die Gruppe dann die Erkenntnisse kommuniziert, ist ihnen überlassen. Sei es über Gespräche, Workshops, Social Media oder Flyer. Die Stiftung möchte außerdem auf ihrem Instagram-Kanal die individuellen Nachhaltigkeitstipps der Teilnehmerinnen und Teilnehmer veröffentlichen. Dann können noch mehr Menschen davon profitieren.

Arbeitet ihr mit anderen nachhaltigen Initiativen aus Frankfurt zusammen?

AL: In Frankfurt gibt es ein sehr vielfältiges Netzwerk nachhaltiger Initiativen und dort auch tolle Möglichkeiten, sich zu engagieren. Deshalb wollen wir der Gruppe während des Programms unbedingt Einblicke in ein paar dieser tollen Projekte geben. Wir besuchen dieses Mal zum Beispiel die Klimawerkstatt Ginnheim, die auch ein Urban Gardening Projekt betreibt. Letztes Jahr waren wir bei den GemüseheldInnen in der Grünen Lunge zu Gast. Außerdem hatten wir Foodsharing und den Verein Shoutoutloud dabei, die sich beide für Lebensmittelrettung einsetzen.

Zum Abschluss: Was ist euer ganz persönlicher Nachhaltigkeitstipp?

JR: Kleine Tricks helfen schon, Lebensmittel länger haltbar zu machen und sie so vor dem Mülleimer zu retten. Zum Beispiel bleibt Rote Bete im Gemüsefach sehr viel länger frisch, wenn man sie in Zeitungspapier einwickelt. Und man sollte eher seinen Augen und der Nase vertrauen, als Lebensmittel, deren Mindesthaltbarkeitsdatum bereits überschritten ist, ohne sensorische Prüfung in den Mülleimer zu werfen.

AL: Unterwegs immer eine Stofftasche dabeihaben, damit auch für spontane Einkäufe keine extra Tüte gekauft werden muss. Und generell Obst und Gemüse ohne (Plastik-)Verpackung kaufen. Da merkt man an der gelben Tonne sehr schnell, wieviel Einwegplastik eingespart werden kann.

Auf der Website der Nachhaltigkeitspraktiker stehen alle Informationen zum Programm sowie der Link zur Bewerbungsplattform.

 

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