23. Mai 2019

Ode an die Verfassung: 70 Jahre Grundgesetz in der Paulskirche Frankfurt

von Jens-Ekkehard Bernerth

Über 600 Schülerinnen und Schüler aus Frankfurter Oberstufen kamen am Donnerstagvormittag in der Frankfurter Paulskirche zusammen, um an diesem geschichtsträchtigen Ort eine Festveranstaltung zum 70-jährigen Jubiläum des Grundgesetzes zu begehen.  Gestaltet wurde die Veranstaltung von den Schülern selbst.

Foto: Dominik Buschardt


Vier Frankfurter Gymnasien - Musterschule, Freiherr-vom-Stein-Schule, Gymnasium Riedberg, Bettinschule - hatten sich auf Initiative der Stiftung Polytechnische Gesellschaft und der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung im Vorfeld intensiv mit der Bedeutung des Grundgesetzes für das Zusammenleben in unserer offenen, demokratischen Gesellschaft auseinandergesetzt und eine einzigartige Festveranstaltung konzipiert. Dementsprechend bunt und abwechslungsreich gestaltete sich das Programm.

Die zweistündige Veranstaltung wurde standesgemäß von Oberbürgermeister Peter Feldmann eröffnet. "Wir dürfen es nicht zulassen, dass demokratische Errungenschaften zerstört werden und die Zeit zurückgedreht wird. Lasst uns deshalb das Grundgesetz feiern. Lasst uns die Demokratie sichern", sagte das Stadtoberhaupt in seiner Begrüßungsrede.

Im Anschluss folgte ein Expertengespräch, in dem der Leiter der Stasiunterlagenbehörde BStU, Roland Jahn, und Juniorprofessorin Dr. Jelena von Achenbach mit den beiden jungen Moderatoren Flora Fülle und Mats Klein über die Eigenschaften des Grundgesetzes und seine Rolle in der heutigen Zeit diskutierten.

Beim folgenden Verfassungsquiz war das junge Publikum gefragt: Schülerinnen, Schüler und Ehrengäste konnten ihr Verfassungswissen prüfen und Fragen wie "Gibt es einen Grundgesetzartikel mit drei Worten" beantworten. Die Antwort lautet übrigens "Ja". Im Artikel 31 heißt es: Bundesrecht bricht Länderrecht. 

Nicht minder schwungvoll war die Darbietung von Poetry-Slammerin Anna Knechtel. Der Slam hatte natürlich das Grundgesetz und die Demokratie zum Thema. Dabei verpackte die Psychologiestudentin meisterhaft Wortwitz und tiefgehende Gedanken in sieben Minuten Gedankenfutter. Den Text finden Sie unten.

Im folgenden Podiumsgespräch ging es dann wieder eine Spur ernster zu. Werner D'Inka, FAZ-Mitherausgeber, moderierte mit Charme und Souveränität die etwa 25-minütige Runde, die mit vier Schülern der teilnehmenden Schulen besetzt war und als Thema "Unsere Verfassung als Auftrag und Chance" hatte. Dabei gingen die Schüler auf Fragen ein wie "Wie würde einem Besucher vom Mars das Grundgesetz erklärt werden" oder aber "Was ist euer Lieblingsparagraph?"

Dem Schlusswort von Staatssekretär des Hessischen Kultusministerium Dr. Manuel Lösel folgte eine wunderbare musikalische Darbietung des Chores der Musterschule, der schon zuvor mit "Unser gutes Recht" von Lenz die Veranstaltung einläutete. Ein wundervoller Schlusspunkt für diese außergewöhnliche, stimmungsvolle Veranstaltung.

"Demokratie, Freiheit, Grundrechte - diese Fundamente unseres Landes müssen und wollen von jeder Generation aufs Neue verstanden, bewahrt, weiterentwickelt und gelebt werden," erläutert Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die Motivation hinter der Veranstaltung. Er ergänzt: "Für uns als Polytechniker bilden Aufklärung, Demokratie und Verfassung einen zentralen Themenkreis, den wir quer zu unseren Projekten verfolgen."

Die Live-Übertragung des Hessischen Rundfunks finden Sie in der Mediathek.

Hier finden Sie Impressionen der Veranstaltung.

 

Unveräußerlich

von Anna Knechtel

 

Was soll man eigentlich sagen,
wenn man alles sagen kann
worauf überhaupt hören,
wenn jeder seine Wahrheit ruft und schreit und schreibt und tut,
aber was kommt wirklich bei dir an?
darf man in der rosaroten Blase leben oder muss man nach all den kalten Fakten streben
wo und wie und was fang ich an
mit Freiheit soweit man blicken kann

 

Nun, man fängt erstmal am Anfang an
nicht irgendwie und irgendwo, das hinnehmen aber jenes ablehne
ohne viel zu denken seine Denkweise verrenken
Schritt für Schritt sich eine reine Meinung bilden
versteht man eigentlich genug, durch all den Trug, der um uns spukt?
ein Durchblick kommt durch klaren Blick auf diese Welt
die doch mal schön verschachtelt scheinen kann
mit spitzen Ecken, scharfen Kanten dran
und statt diesen taktisch auszuweichen, meine Welt wird mir schon reichen
ruhig mal einen Tritt nach draußen wagen
und seine Schritte auf Bedeutung hinterfragen
unser Weg, den wir wählen ist oft schon gepflastert
und wir merken oft gar nicht wie eben er daliegt
für uns bereitet, dass wir ihn auch nutzen, können und sollten
und in welchen Weiten wir leben bleibt auch oft unentdeckt
weil uns niemand mal richtig die Augen verdeckt, unsre Blicke versteckt
und umso wichtiger ist, dass wir es trotzdem bemerken und schätzen und ehren,
warum kämpfen für das was man schon hat?
weil es flüchtig ist und so leicht durch unsere Finger rinnt
und verschwinden mag, fast schneller als ein Wimpernschlag
und bevor das geschieht
Werte, Rechte, ein Grundstein unserem Schweigen erliegt
da will ich erschrecken, will fluchen, Worte suchen und rufen
Halt - fest an dem was uns zusammenleben lässt
und jeden einzelnen mit Zuversicht versetzt
aber

 

Wenn man eine Wolke im Kopf hat
die ist richtig gefüllt und so ist alles umhüllt
manchmal will man einfach etwas sagen oder etwas fragen
oder auch endlich etwas Schlaues beitragen
und es hört sich in Gedanken alles logisch an
und dann ist deine Zunge dran
und sie soll doch einfach nur die Spur
aus Gedanken und Gefühlen, Schlagworten, Sahnetorten
Meinungsbrei und Mitmachschrei, die in deinem Kopf schwirren
sich ab und zu verirren und gegen Glaswände klirren
in klaren Sätzen nach draußen bringen
und mich verständlich machen, das Richtige sagen
doch irgendwo dort oben sind die Worte wohl falsch abgebogen
denn raus kommt wieder nicht die Rede, die die Welt verändert
oder weise Worte stemmt
oder auch nur bei den andren landet
ganze Wortschätze die ins nichts hallen? Ohne Antworten zurückschallen?
doch immerhin sie können hallen, aus Mündern und in Ohren fallen

 

Es gibt auch Orte ohne Worte
wo Stille herrscht, man nur Beifall gewährt
ein Zustand des Schweigens und stummen Leidens
wo man lieber für sich behält, seine Meinung verstell
nicht den Kopf zu weit heben, den Geist zu sehr regen
Stimmen die stören sollte besser niemand hören
wenn alle gleich denken, ist das gut zu lenke
eine Richtung, reine Ordnung, keine Vielfalt
in den Plan soll man passen, der ist gut überlegt
soll doch nur Gutes schaffen, und wenn das nicht geht?
wenn man anders ist und man passt einfach nicht
in die Engen eines kleinen einseitigen Weltgebildes?

 

hier wo ich lebe, bin ich die, die ich bin
und da lebt man halt manchmal nur so vor sich hin
schön, wenn es normal ist so frei und gleich zu sein
aber wenn man massiv passiv wird und bald schon keinen Finger rührt
sich ausruht auf längst erkämpften Rechten
dann bröckelt es bald und beginnt sich zu biegen bis es sich beugt

 

nicht jeder wird von heut auf morgen Aktivist oder gleich Menschenrechts-Jurist
aber jeder kann den Wert es zu bemerken fassen
die bemerkenswerte Bedeutung achten
auch wenn du’s nur mal online eintippst
und durch ein paar Artikel klickst
immer im Hinterkopf behalten
wir können doch so viel selbst gestalten
und formen und richten mit Herz und Verstand
eine Zukunft uns dichten und mit eigener Hand
nicht nur das eigene Land, sondern eine Welt bauen
uns an eine Zukunft mit Zukunft herantrauen
die da beginnt wo alle Menschen zuerst mal Menschen sind
Unveräußerlich, von Grund auf gleich und doch so schillernd abwechslungsreich.

Anna Knechtel