08. September 2017

Opernstudio-Alumna Julia Dawson im Porträt

von unserer Gastautorin

Die 28-jährige Mezzosopranistin Julia Dawson wurde jüngst in das Ensemble der Oper Frankfurt aufgenommen worden. Zuvor war sie bis zum Sommer 2017 Stipendiatin des Opernstudios. Ihre Liebe zur Oper hat sie schon früh entdeckt, wie sie im Porträt erzählt.

Julia Dawson. Bild: Wolfgang Runkel


Julia Dawsons Begeisterung für die Oper begann im Alter von vier Jahren, als sie "Die Zauberflöte für Kinder" hörte. Daraufhin sang die Kanadierin immer wieder die berühmte Rolle der Königin der Nacht nach. Mit acht begann sie, Gesangsunterricht und Klavierstunden zu nehmen, und besuchte musiktheoretische Kurse. Das Talent dafür wurde ihr in die Wiege gelegt, ihr Vater ist Kontrabassist im Toronto Symphony Orchestra. Als sie 15 Jahre alt war, wechselte sie den Lehrer und erhielt von da an Unterricht im Operngesang. "Ich hörte eine Aufnahme von Maria Callas, einer der besten Sopranistinnen der Welt, und da wurde mir klar, dass ich Opernsängerin werden möchte", berichtet sie im Gespräch.

Von den Vereinigten Staaten nach Europa

Nach dem Schulabschluss zog Julia Dawson in die Vereinigten Staaten, um dort am Oberlin Konservatorium ihre Ausbildung zur professionellen Sängerin zu beginnen. Danach erhielt sie ein Stipendium der Rice University’s Shepherd School of Music, wo sie sie ihre Ausbildung mit dem Master of Music abschloss. Kurze Zeit später überzeugte sie bei einem Vorsingen in New York den Intendanten der Oper Frankfurt, Bernd Loebe. Er lud sie ein, sich für das Opernstudio vorzustellen, das die Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Frankfurter Patronatsverein und die Deutsche Bank Stiftung unterstützen. "Ich wollte unbedingt nach Deutschland kommen“, erzählt Dawson, "für nordamerikanische Sänger ist ein Aufenthalt in Deutschland essenziell." Dadurch, dass in Deutschland meist viele Produktionen gleichzeitig gezeigt würden, müsse sie ein großes Repertoire auf einmal beherrschen. An amerikanischen Häusern würden jährlich deutlich weniger Produktionen aufgeführt werden. "Hier muss ich sehr flexibel sein und in unterschiedliche Rollen hineinspringen können. Das ist eine sehr wichtige Erfahrung für Opernsänger", erklärt Julia Dawson.

Besonders bereichernd waren für Julia Dawson die Opernstudio-Kurse mit internationalen Künstlergrößen wie Brigitte Fassbaender und Tamara Wilson. "Brigitte Fassbaender ist eine lebende Legende unter den Sängerinnen und Regisseurinnen, das Coaching bei ihr war eine großartige Erfahrung für mich“, schwärmt Dawson. Mit der Sopranistin Tamara Wilson stand sie sogar gemeinsam auf der Bühne. Wilson sang in "Don Carlos" die Rolle der Elisabeth und Julia Dawson verkörperte Tebaldo. Davor erhielt sie Gesangsstunden bei Wilson, die "eine technisch großartige Sängerin ist". "Es war unglaublich, erst bei ihr zu lernen und dann mit ihr auf der Bühne zu stehen und Teil des Stückes zu sein", erzählt Julia Dawson mit leuchtenden Augen.

Neues Land, neue Sprache

Die größte Herausforderung wiederum war für die Kanadierin das Erlernen der deutschen Sprache. Nachdem sie sechs Monate in Deutschland war, sang sie eine Rolle in "Carmen für Kinder". Die Dialoge und der Gesang waren dabei auf Deutsch. "Kinder sind sehr ehrlich, und ich habe häufiger mitbekommen, wie sie ihre Eltern gefragt haben, warum es so lustig klingt, wenn ich spreche", erzählt sie lachend. Durch das Opernstudio erhielt sie privaten Deutschunterricht in einer kleinen Gruppe.

Ab der Spielzeit 2017/18 singt Julia Dawson als festes Ensemblemitglied an der Frankfurter Oper. "Ohne das Opernstudio wäre ich nicht so weit gekommen", sagt sie. Thomas Stollberger, dem Referenten des Opernstudios, und Bernd Loebe habe sie es zu verdanken, dass ihre Karriere gut angelaufen sei. Und dass sie bereits Preise wie den George London Foundation Award und den Anny-Schlemm-Preis gewonnen hat, stimmt hoffnungsvoll, dass es mit ihrer Laufbahn genauso gut weitergehen wird.

Interview mit Julia Dawson

Welche Inspirationen haben Sie durch das Stipendium und die damit verbundenen Veranstaltungen erhalten? Inwieweit wirkt sich das auf Ihre künstlerische Arbeit aus?

Das Stipendium hat es mir erlaubt, in einem anderen Land zu leben und zu arbeiten. Es hat den oft schwierigen Übergang vom Studenten- ins Arbeitsleben sehr erleichtert. Ich musste mich der Herausforderung stellen, in einer neuen Kultur zu arbeiten und meine Sprachkenntnisse zu verbessern. Außerdem habe ich viel mehr selbstständig gelernt und gearbeitet als im Studium. Das hat mir geholfen, mir über meine Prioritäten als Künstlerin klar zu werden.

Wie hat sich Ihr Leben durch die Stiftung und das Stipendium verändert?

Ich hatte die Möglichkeit, meine gesanglichen Fähigkeiten zu verbessern, und wurde gleichzeitig so gut bezahlt, dass es zum Leben reichte. Dadurch konnte ich mich besser auf die unglaublichen Unterrichtseinheiten konzentrieren, die die Oper Frankfurt anbietet.

Was war das schönste Erlebnis, das sie während Ihrer Zeit als Stipendiatin gemacht haben?

Ein ganz besonderes Erlebnis war mein europäisches Operndebüt als Tebaldo in der Oper "Don Carlo". Ein weiterer Höhepunkt war für mich der Auftritt als Gräfin von Ceprano in "Rigoletto". Die Titelrolle sang damals Quinn Kelsey – ein unglaublicher Musiker, der eine bewundernswerte Technik beherrscht. Während der drei Monate, in denen wir geprobt und das Stück aufgeführt haben, habe ich alleine vom Zusehen sehr viel von ihm gelernt.

Was nehmen Sie aus der Begegnung mit den anderen Stipendiaten mit?

Ich habe es sehr genossen, mit so vielen unterschiedlichen Menschen im Opernstudio zusammenzuarbeiten. Wir kommen aus unterschiedlichen Ländern, und jeder ist auf seine Weise einzigartig. Dadurch konnte ich verschiedene Gesangstechniken und -stile beobachten und kennenlernen.

Welche Projekte streben Sie als nächstes an?

Momentan bereite ich mich auf meine erste Spielzeit als Ensemblemitglied der Oper Frankfurt vor, in der ich die Titelrolle in Rossinis "La Cenerentola" sowie in Opern von Händel und Purcell singen werde. Ich habe mich sehr darüber gefreut, nach meiner Zeit im Opernstudio übernommen worden zu sein!

Der Begriff "polytechnisch" beschreibt ein Menschenbild, das von vielfältigen Talenten eines Menschen ausgeht. Konnten Sie im Laufe Ihrer Stipendiatenzeit neue Talente an sich entdecken oder ausbauen?

Ich hatte die Möglichkeit, eine neue Sprache, nämlich die deutsche, nicht nur zu lernen, sondern auch ständig anzuwenden und somit zu verbessern.

 (Text: Astrid Heindel, Bild: Wolfgang Runkel)