28. Januar 2021.

"Sie war wie ein Engel": Studie belegt Wirkung der Babylotsinnen in Frankfurt

von Elisabeth Brachmann

Zwei Jahre lang haben Professorin Dr. Sabine Andresen und ihr Studienteam der Goethe-Universität das Projekt "Babylotse" in Frankfurt untersucht. Das Ergebnis: Die Betreuung in der frühen Elternzeit unterstützt Familien genau im richtigen Moment. 

Das Projekt "Babylotse" unterstützt Familien im richtigen Moment. Das belegt eine wissenschaftliche Studie der Goethe-Universität Frankfurt. Foto: Stadt Frankfurt/Jeannette Petri


Die Zeit nach der Geburt eines Kindes ist nicht nur für das Neugeborene, sondern auch für die neugewordenen Eltern eine besonders kritische Phase. Von einem Tag auf den anderen wird der Alltag auf den Kopf gestellt – in welchem Ausmaß, ist vielen werdenden Eltern vorher noch nicht bewusst. Bundesweite Forschungen zeigen, dass mehr als ein Viertel der Familien, die Zuwachs erhalten, zusätzlichen Beratungsbedarf haben. Dazu gehören Informationen zu Elternzeit, Geburtsurkunde oder zum Knüpfen sozialer Kontakte, aber auch Unterstützung in Krisensituationen wie Obdachlosigkeit oder häuslicher Gewalt. 

Diesen Bedarf abzudecken hat sich das Projekt Babylotse zur Aufgabe gemacht. 2007 in Hamburg entwickelt, 2014 nach Frankfurt am Main transferiert und seit 2017 in allen sieben Frankfurter Geburtskliniken aktiv, wird das Projekt von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Crespo Foundation, der aqtivator gGmbH, der BHF Bank Stiftung und der Stadt Frankfurt gefördert. Träger ist der Kinderschutzbund Frankfurt. Im Auftrag der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, der Crespo Foundation und der aqtivator gGmbH untersuchte Professorin Dr. Sabine Andresen, Leiterin des Arbeitsbereichs Sozialpädagogik und Familienforschung an der Goethe-Universität Frankfurt, mit ihrem Studienteam die Wirkung des Projekts in den Jahren 2018 bis 2020. "Das Projekt Babylotse liefert in Frankfurt zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort das richtige Angebot," fasst Professorin Dr. Andresen die Studienergebnisse bei deren Vorstellung zusammen.

Professorin Dr. Sabine Andresen evaluierte mit ihrem Studienteam die Wirkung des Projekts "Babylotse" in Frankfurt. Foto: Goethe-Universität Frankfurt/Uwe Dettmar

Passgenaue, empathische Unterstützung 

Die Studie zeigt, dass die Babylotsinnen die Familien bereits auf der Geburtsstation erreichen – trotz sprachlicher Hürden und knapper Zeitfenster im Klinikbetrieb. 85 Prozent aller werdenden Eltern in Frankfurt sind über das Projekt informiert. Die Babylotsinnen erkennen Bedarfslagen, die sowohl Müttern als auch Vätern oft selbst noch unbekannt sind und bieten auf professionell-empathische Art Orientierung in der neuen Situation. "Das war, wie wenn du im Schwimmbad bist, und du kannst nicht schwimmen. Und da kommt jemand und gibt dir eine Hand," berichtet eine Frankfurter Mutter über ihre Betreuung durch eine Babylotsin.

Das Projekt vermittelt auch über die Zeit in der Klinik hinaus nahtlos und passgenau weiterführende Unterstützung, wo sie benötigt wird, wie etwa den Kontakt zu den Willkommenstagen in der frühen Elternzeit oder dem Diesterweg-Familien-Stipendium, beides Projekte der Stiftung Polytechnische Gesellschaft. "Die Babylotsin war wie ein Engel für mich. Egal, was ich brauchte, sie sagte nie 'Nein'," erzählte eine Mutter im Rahmen der Studie. Die Anwesenheit der Babylotsinnen in allen Frankfurter Geburtskliniken schafft ein flächendeckendes Betreuungsangebot. "So eine unglaubliche Bandbreite, die da abgedeckt wird. Ich wüsste nicht, wo Familien sonst so etwas bekommen können. Sonst muss man einfach zu zehn verschiedenen Stellen extra laufen", bestätigte auch eine Fachkraft der Frühen Hilfen über den Lotsendienst.

Babylotsinnen entlasten Geburtshilfe in Frankfurt

Außerdem gelingt es den Babylotsinnen, die Fachkräfte in den Geburtskliniken, deren Arbeitsbedingungen durch Zeitdruck und eine hohe Belastung geprägt sind, in ihrer Arbeit zu entlasten. Die Durchführung der Studie fiel mit dem Ausbruch der Corona-Pandemie zusammen. Auch und vor allem in dieser besonders herausfordernden Zeit, in der Besuchszeiten teilweise eingeschränkt wurden, befürworten alle Chefärztinnen und Chefärzte die Präsenz der Babylotsinnen auf den Geburtsstationen. Die Pandemie verstärkt den Bedarf an Babylotsinnen, kommen doch zu den bekannten Unsicherheiten zusätzlich Ängste vor einer Geburt unter Pandemie-Bedingungen hinzu, wie etwa gesundheitliche, soziale oder wirtschaftliche Einschränkungen. "Dass die Babylotsinnen auch in dieser Phase Familien mit Säuglingen für Gespräche zur Verfügung stehen, ist ein großer Gewinn. Ich habe großen Respekt vor diesem Engagement," so Studienleiterin Andresen. 

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, betont die Rolle des Projekts als wichtiger Brückenschlag zwischen Gesundheits- und Sozialwesen: "Die Babylotsen stärken junge Familien in der entscheidenden Phase kurz nach der Geburt und stellen damit die Weichen für einen gelungenen Bildungsweg und gesellschaftliche Teilhabe. Wir Stiftungen freuen uns, dass wir im Rahmen einer öffentlichen-privaten Partnerschaft ein Projekt auf den Weg bringen konnten, das sich nun auch nach intensiver wissenschaftlicher Prüfung als überaus wirksam erwiesen hat. Auf den Anfang kommt es an, mit Babylotse gelingt er."

Nähere Informationen zur Studie der Goethe-Universität finden Sie hier, mehr Infos zum Projekt hier

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