22. August 2019

Stadtteil-Botschafter Carl-Philipp Spahlinger mit Bürgerpreis ausgezeichnet

von Jens-Ekkehard Bernerth

Der Stadtteil-Botschafter-Alumnus Carl-Philipp Spahlinger ist Ende August für sein Projekt "Speeddating gegen Vorurteile" mit dem Frankfurter Bürgerpreis ausgezeichnet worden. 

Foto: Dominik Buschardt


Carl-Philipp  wurde in der Kategorie U21 (für Bewerber von 14 bis 21 Jahre, Einzelpersonen und Gruppen) für sein Engagement gewürdigt. Mit dem Frankfurter Bürgerpreis prämiert die Stadt Frankfurt am Main und die Stiftung der Frankfurter Sparkasse unter dem Motto „Ehrenamt verbindet“ Personen und Projekte, die sich in der Region aktiv für ein soziales Miteinander, neue sportliche und kulturelle Angebote und gelebte Demokratie einbringen.

Bei seinem Projektabschluss an der Wöhlerschule im Rahmen des "Tag der Kommunikation" im März 2019 nahmen 800 Personen teil. Ein besonderer Moment, den wir für den Polytechnik-Artikel der Ausgabe 1/2019 begleitet haben:

Die Turnhalle der Frankfurter Wöhlerschule ist von einem munteren Stimmenwirrwarr erfüllt. Wo ansonsten Geräteturnen, Basketball oder Badminton auf dem Programm stehen, findet an diesem besonderen Tag mit 800 Schülern das "Speeddating gegen Vorurteile" von Stadtteil-Botschafter Carl-Philipp Spahlinger statt. Von der Aktion erhofft sich der 19-jährige Schülersprecher eine bessere Kommunikation in der Schule für ein harmonischeres Miteinander.

"Fangen Sie mal an", fordert die Siebtklässlerin keck ihr Gegenüber, einen Lehrer, zum Dialog auf. Es gilt die Frage zu beantworten, was die beiden wohl gemeinsam haben könnten. Als ihr die Denkpause des Lehrers zu lange zu dauern scheint, plappert sie munter drauflos. Denn es bleiben nur 90 bis 120 Sekunden Zeit, um sich auszutauschen. Dann ertönt schon der nächste Pfiff, und ein neues Gegenüber nimmt auf einem der Papphocker Platz.

"Also, ich bin sportlich und aktiv", teilt sie dem leicht überraschten Lehrer mit. Der nimmt den Ball auf und berichtet, dass er früher einmal sehr musikalisch gewesen sei und Gitarre gespielt habe – "allerdings vor 25 bis 30 Jahren", schränkt er ein. "Ich könnte mir vorstellen, dass wir beide offen und neugierig sind", überlegt die Siebtklässlerin, "und ich bin gerne zu Hause." Daraus entwickelt sich ein munterer Dialog, in dem von den Geschwistern und Familienverhältnissen berichtet wird. Es ist ein Musterbeispiel dafür, wie gut das Speeddating gegen Vorurteile funktioniert und wie es vor allem dazu beiträgt, Barrieren zwischen den Generationen und Instanzen abzubauen und auf eine persönliche Basis zu gehen.

Auch der Spaß ist dabei ein wichtiges Kriterium: Fragen wie "Welche Comic-Figur wärst Du?" oder "Was sind fünf coole Orte in Frankfurt?" sorgen für Gelächter und lustige Resultate, etwa wenn ein Zwölftklässler amüsiert berichtet, wie ihm ein Fünftklässler voller Begeisterung von seinen fünf Lieblingsorten in Frankfurt erzählt hat, die der Primaner aufgrund seines Alters vielleicht nicht mehr ganz so cool findet.

Doch hinter all dem Spaß steckt auch Ernst. Denn der Ton auf dem Schulhof ist mitunter rau, das Miteinander gern auch einmal ein Gegeneinander berichten Schulvertreter und Schüler. Hier sollen das Speeddating und die übrigen Angebote, die am "Tag der Kommunikation" stattfinden, ihre Wirkung entfalten. Die gesamte Schule nimmt daran teil, 1.200 Schüler plus Lehrer und ein paar betreuende Eltern sind von 8.00 bis 14.00 Uhr in insgesamt 18 Workshops und kreativen Maßnahmen unterwegs.

Es wird gemeinsam getrommelt, die Schulwand angemalt und Impulsvorträgen zugehört, oder es werden Postkarten geschrieben. "Die Veranstaltung kann als Signal für unsere Schule funktionieren", erhofft sich Carl-Philipp Spahlinger, "mit ihr wollen wir die Kommunikation zwischen allen Instanzen verbessern und gleichzeitig über Themen wie Integration, Rassismus und Vorurteile nachdenken lassen." Das Speeddating in der Turnhalle markiert den Abschluss seines Stadtteil-Botschafter-Projekts: "Noch nie zuvor haben so viele Menschen an dem Format teilgenommen", berichtet er mit Stolz. Der Abiturient ist zudem ein Hauptorganisator des gesamten Projekttags, gemeinsam mit einem Orga-Team aus Schülern, Lehrern und Eltern kümmerte er sich monatelang um die Planung und Organisation.

Mit dem Projekttag wollen sie zweierlei erreichen: Zum einen den Weihnachtswunsch des Bundespräsidenten Frank-Walter Steinmeier ernst nehmen, der forderte, dass Menschen miteinander ins Gespräch kommen, im Gespräch bleiben und einander zuhören – unabhängig von Herkunft, Hautfarbe oder Lebensanschauung. Zum anderen die Schulgemeinschaft auf allen Ebenen stärken und so dafür sorgen, dass in der Wöhlerschule Grundgedanken des Grundgesetzes wie "Die Würde des Menschen ist unantastbar" oder "Jeder hat das Recht auf die freie Entfaltung seiner Persönlichkeit" nicht nur gekannt, sondern vor allem im Schulalltag gelebt werden.

Interview mit Carl-Philipp:

Carl-Philipp, Glückwunsch zur Auszeichnung für Dein Projekt. Rückblickend: Wie kam das Speeddating gegen Vorurteile bei den Teilnehmern des Projekttags an?

Vielen Dank. Das Speeddating wurde von den Teilnehmern, mit denen ich geredet habe, als sehr angenehm und positiv wahrgenommen. Vor allem die Menge an Gesprächen und die Möglichkeit, mit Mitschülerinnen, Mitschülern, Lehrerinnen und Lehrern auf einer freundlichen Basis zu reden und sich zu vernetzen, kam positiv an. Kritisiert wurde die Dauer und dementsprechend auch die begrenzte Anzahl an Gesprächen.

Hat sich seit dem Tag der Umgang miteinander tatsächlich wie erhofft verbessert?

Dies kann ich nicht allgemein einschätzen. Mich erreichen aber immer wieder Rückmeldungen, dass sich Leute aus einer Gruppe grüßen, obwohl man sich vor dem Tag nicht kannte.

Gab es besonders schöne Rückmeldungen aus dem Kollegium und der Schülerschaft zum Speeddating?

Besonders schön war die Aussage eines Lehrers, der sagte, dass er zu Beginn des Tages keine Lust hatte teilzunehmen und absolut überzeugt war, dass er sich langweilen und seine Zeit verschwenden werden und dann am Ende des Tages zufriedener nicht hätte sein können.

Die schönste Rückmeldung, die ich von einer Mitschülerin aus der 12. Klasse bekommen habe war, dass sie beim Speeddating erst gemerkt hätte, wie groß unsere Schulgemeinde sei und wie schön es war, die Gemeinschaft so kurz vor dem Abitur nochmal zu erleben.

Generell: Wie bist Du auf die Idee gekommen? Was war Dein Ziel mit dem Format?

Mein Ziel mit dem Format war es, mit einfachen und unkomplizierten Mitteln möglichst viele verschiedene Menschen zusammenzubringen und sie ins Gespräch kommen zu lassen. Im Lauf der Zeit hat sich die ursprüngliche Idee, Menschen ausdrücklich unterschiedlicher "Randgruppen" mit Menschen aus "der Mitte der Gesellschaft" zusammenzubringen, allerdings deutlich verändert.

Wie oft hast Du das Format durchgeführt?

Das Speeddating habe ich bei insgesamt vier Veranstaltungen durchgeführt.

Was waren generell besonders schöne Resultate der verschiedenen Speeddatings, die Du veranstaltet hast?

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir das farben- und geschmacksfrohe Speeddating 2017 in Fechenheim, beim Interkulturellen Foodfestival von Sophia Alam, und das Speeddating bei einer Veranstaltung mit älteren Damen bei meiner Kooperationspartnerin, der Nazarethgemeinde in Eckenheim, bei dem die Damen über ihre Kindheitsheldinnen gesprochen haben.

Was sind Deine Vorhaben für die Zeit nach dem Abitur?

Nach dem Abitur werde ich mit der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste für zwölf Monate nach Jerusalem gehen und im Zentralarchiv der Geschichte des Jüdischen Volkes und einem Betreuungsprogramm für (europäische) Holocaustüberlebende und die "zweite Generation" arbeiten. Danach hoffe ich, Jura in Berlin studieren zu können.