06. April 2021.

Stadtteil-Botschafter: Mittendrin im Engagement

von Elisabeth Brachmann

Die Stadtteil-Botschafter arbeiten eifrig an ihren Projekten. Denn die Motivation, die sie eint, lässt sich auch von einer Pandemie nicht bremsen: Sie wollen die Gemeinschaft mitgestalten, in der sie leben.

Lassen sich nicht bremsen: Die achte Generation der Stadtteil-Botschafter.  (v.l.n.r.: Amina El Mousaid, Benjamin Balcik, Jaqueline Bank und Nathalie Zimmermann, Lena Schumacher, Mod Abdullah, Magd Rashed, Yasmine Ikradine, Annalisa Weyel, Clara Hildt, Lotte Haardt, Lena Sieling, Merline Ahlf und Julina Böer, Opshori Haque).


Prüfungsphasen, Klassenarbeiten und Werkstatt-Tage: Die achte Generation der Stadtteil-Botschafter ist vielbeschäftigt. Seit ihrer Begrüßung in der Stiftung im August 2020 nehmen die Projekte der engagierten jungen Leute zwischen 14 und 27 Jahren mehr und mehr Gestalt an. Von Inklusion über Gesundheitsprävention und Generationendialog bis zu dem Bedürfnis, die Stimmen junger Menschen zu stärken, setzen die Projekte der Stadtteil-Botschafter an lokalen Stellen an, an denen sie ihre Wirkung besonders gut entfalten können. Anfang März tauschten sie sich bei einem munteren digitalen Kaminabend über den Stand ihrer Arbeit aus.

Besser inklusiv

Da wäre zum Beispiel Amina El Mousaid. Seit fünf Jahren betreibt sie Karate und hat dadurch erlebt, wie Sport Menschen miteinander verbindet. Deshalb möchte sie in ihrem Projekt "Sport vereint!" sehbehinderte mit nicht-behinderten Jugendlichen in Selbstverteidigungskursen zusammenbringen . Das Thema Inklusion beschäftigt auch Merline und Julina mit ihrem Projekt "Buntes Miteinander". Sie planen Workshops für Kinder mit und ohne Behinderung, für die Konzeption haben sie bereits Befragungen mit Schülerinnen und Schülern durchgeführt

In diesem Jahr wird außerdem erstmals ein Projekt einer vorherigen Stadtteil-Botschafter-Generation fortgesetzt: Annalisa Weyel bot zusammen mit Maisa'a al Dubai Workshops für Gebärdensprache an. Annalisa wirkte damals als Tochter gehörloser Eltern und Gebärdenmuttersprachlerin ehrenamtlich an Maisa'as Projekt mit: "Das hat mir gezeigt, wie viel man auch durch wenige Menschen bewirken kann. Die Berührungsängste wurden immer weniger." Während der Kontaktbeschränkungen stellt Annalisa Inhalte zu Gebärdensprache auf Instagram und YouTube zur Verfügung und bietet kostenlose Online-Gebärdensprachkurse an.

Frankfurter Geschichten erzählen

Jugendlichen eine Stimme und eine Plattform zu geben ist das Anliegen der Projekte von Lena Sieling, Lena Schumacher und Tim Evers. Lena Sieling will Kinder über ihre Einflussmöglichkeiten in einer Demokratie aufklären. Dass Kinder dazu schon früh in der Lage sind, betont sie ausdrücklich: "Eine Umfrage, die ich in den sechsten Klassen meiner Schule durchgeführt habe, hat mir gezeigt, dass sich Kinder schon früh mit Fragen zu Umweltschutz, Meinungsfreiheit, sozialer Gerechtigkeit, Frieden und Krieg beschäftigen." Damit Kinder ihre Stimme für Themen erheben können, die ihnen wichtig sind, will Lena Sieling Demokratie-Projekttage mit Expertinnen und Experten anbieten. 
Eine Plattform für die Stimmen junger Menschen wollen Lena Schumacher und Tim Evers, ehemaliger Stadtteil-Botschafter der siebten Generation, mit ihrem "Oldschool Magazin" bieten. Dass sie damit einen Nerv getroffen haben, merkten die beiden schnell: 40 Jugendliche und junge Erwachsene wirkten an der ersten Ausgabe über "Liebe und Sexualität" mit. Sie befindet sich bereits im Umlauf, die zweite Ausgabe zum Thema "Privilegien" ist in Arbeit. 

Dass Frankfurter Bürger eigene Geschichten zu erzählen haben, davon sind auch Lotte Haardt, Jacqueline Bank und Nathalie Zimmermann überzeugt. Die 16-jährige Lotte möchte im Dornbusch mit ihrem Projekt "Old and Gold" Begegnungstreffen zwischen Jung und Alt initiieren. Die Motivation für ihr Projekt ist sehr persönlich: "Mir liegt meine Oma sehr am Herzen. Und ich habe gemerkt, dass alte Menschen gerne aus ihrem Leben erzählen, aber oft hört ihnen niemand zu." Als Impuls für den Generationenaustausch über Gedichte, Rezepte, Lebensweisheiten oder Anekdoten hat sie Postkarten entworfen, die zum Erzählen anregen und im Sommer bei einer Freiluftausstellung gezeigt werden sollen. Frankfurterinnen und Frankfurter aller Generationen kommen in Jacquelines und Nathalies Projekt zu Wort. Nathalie studiert Kommunikationsdesign, Jacqueline ist Sozialarbeiterin. Zusammen produzieren sie den Podcast "Frankfurt lass ma reden", seine Themen können die Gäste und Hörer der Stadt mitbestimmen.

Selbstvertrauen durch Solidarität

Für Opshori Haque und Yasmine Ikradine ist klar, wie man das Selbstvertrauen junger Leute stärken kann: Indem man ihnen hilft, etwas zu erschaffen. Opshori will dafür in ihren "Art4all"-Kunstworkshops im Gallusviertel einen Raum bereitstellen, in dem Jugendliche ohne Leistungsdruck und Erwartungen ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. In zwei coronakonformen Kursen konnte sie im Sommer schon Spaß am Zeichnen vermitteln. Yasmine widmet sich mit "We NIED art" der Streetart im Stadtteil Nied. Mit einer Gruppe Jugendlicher will sie an einer öffentlichen Wand ein Kunstwerk schaffen, das die Vielfalt des Stadtteils widerspiegelt. "Wenn man Kunst erschaffen hat, empfindet man Stolz. Dabei entwickelt man auch Verbundenheit und Solidarität mit dem Stadtteil, in dem man lebt," erzählt Yasmine aus eigener Erfahrung.

Solidarität leben ist auch der Antrieb von Mod Abdullahs und Clara Hildts Projekten. Mod produziert einen Kurzfilm über Alltagsrassismus und Diskriminierungserfahrungen und lässt dort "Auf Augenhöhe" Betroffene zu Wort kommen. Clara arbeitet in einem Team mit fünf weiteren Personen als "Gesundheitsfinder" und informiert Menschen über Gesundheitsprävention, die sich normalerweise nicht mit dem Thema beschäftigen. In der solidarischen "Ada Kantine" konnte sie bereits ein Gesundheitscafé veranstalten. 

Mit geeinten Kräften für den Stadtteil

Ob Pilze sammeln, vegan kochen oder regional einkaufen: Jede letzte Woche im Monat heißt es bei Magd Rashed und seinen Mitstreitern "Lieber nachhaltig". In der Vorbereitung auf seine Deutschprüfung hat er gelernt, dass zwei Drittel aller Menschen dazu bereit sind, ihren Alltag zu verändern, um die Umwelt und das Klima zu schützen. Daraus entstand seine Idee, Gleichgesinnte aus Bockenheim zusammenzubringen und jede letzte Woche im Monat eine Nachhaltigkeitschallenge zu stellen. Auf der Suche nach nachhaltigen Initiativen in seinem Stadtteil war auch Benjamin Balcik, fündig nach organisierten Anlaufstellen wurde er aber nicht. Deshalb programmiert der IT-Spezialist aus Eschersheim eine Webseite, die gemeinnütziges Engagement in seinem Stadtteil sichtbar macht – ganz getreu dem Motto "Viertel vor!".

Das Kaminfeuer prasselte an diesem Abend zwar nur per Livestream, allerdings wurde deshalb nicht die Freude der Stipendiatinnen und Stipendiaten über das Zusammentreffen getrübt. "Die Projekte der Stadteil-Botschafter sind seit Entstehung des Programms Indikator für Themen, die die Zukunft der Stadt Frankfurt und der Gesellschaft insgesamt bestimmen", blickte Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, auf die neunjährige Geschichte des Programms zurück, "das lässt auch diese Generation deutlich erkennen." Denn so verschieden die Projekte der jungen Leute sind, haben sie doch eins gemeinsam: Sie gehen Themen an, die die Frankfurter Stadtgesellschaft bewegen.

Mehr über die Stadtteil-Botschafter erfahren Sie auf der Website des Projekts.

 

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