22. Februar 2018

StadtteilBotschafter: "Ich konnte einmal Chef sein"

von Jens-Ekkehard Bernerth

Seit Sommer 2017 ist die sechste StadtteilBotschafter-Generation aktiv. Viele Projekte haben bereits ein erstes Mal stattgefunden. Dunya Mansoor und Sophia Alam, die sich beide das Thema Essen ausgesucht haben, berichten über ihre Erfahrungen.

Foto: Philip Eichler


Dunya, Sophia, warum habt ihr euch beide für die Thematik Lebensmittel und Essen entschieden?

Dunya Mansoor: Ich habe von dem Projekt StadtteilBotschafter gehört und gleich angefangen zu überlegen, was ich machen will. Da kam ich auf das Thema Kochkurs, weil ich selbst auch sehr gerne koche. Allerdings fand ich einen reinen Kochkurs langweilig, weshalb ich ihn auf die Kinder zugeschnitten habe.

Sophia Alam: Ich bin mit der Prämisse an das Projekt gegangen, dass ich gerne etwas vermitteln möchte. Eines Tages kochte ich mit einer Freundin, und beim Essen sagte sie: "Du musst genau das nutzen, um das zu tun, was Du machen möchtest, um Gutes zu bewirken." Da sind meine Gedanken dann gekreist, bis die Idee geboren wurde.

Was möchtest Du bewirken?

Sophia Alam: Mit dem Internationalen Food Festival (Galerie) möchte ich gerade in diesen Zeiten der Gesellschaft zeigen, dass Vorurteile nicht berechtigt sind. Und dass man, wenn man nicht der Masse angehört, nicht automatisch in eine Ecke geschoben werden muss. Wir sind alle Menschen, und das Essen ist eine einfache Brücke, mit der ich verbinden möchte.

Wobei beim Festival selbst mehr als nur Essen geboten war, mit Musik, Tanz, Trommelmusik. Wie ist es dazu gekommen?

Sophia Alam: Das kam total unerwartet. So, wie das Festival gelaufen ist, habe ich es mir nicht ausgemalt. Ich habe viel kleiner geträumt. Beim zweiten Werkstattwochenende mit den StadtteilBotschaftern habe ich viele Gespräche geführt und gefragt, was sich meine Mitstreiter unter dem "Interkulturellen Food-Festival" vorstellen würden. Da wurde sehr oft ein kulturelles Programm erwähnt, weshalb ich diesen Gedanken in die Planung mit aufnahm. Dunya hat  angeboten, mit ihrer Tanzgruppe mitzuwirken - was dann leider nicht geklappt hat –, aber durch sie habe ich überhaupt erst den Kontakt zu dem bolivianischen Tanzverein bekommen, der dann beim Festival auftrat und wirklich toll war.

Ihr habt beide im Rahmen Eurer Projekte erfolgreich eine Veranstaltung durchgeführt: Wie liefen sie?

Dunya Mansoor: Ich fand es wirklich sehr toll, es hat mir sehr, sehr viel Spaß gemacht. Ich habe auch nicht erwartet, dass es so reibungslos läuft, habe es mir stressiger vorgestellt. Ich hatte in den Sommerferien zuerst sechs Kinder in der Kochgruppe, in den Herbstferien dann Gruppen mit jeweils acht Kindern. Die Kinder waren ganz positiv überrascht und motiviert und ich äußerst zufrieden.

Sophia Alam: Die Chance gehabt zu haben, meine Festivalidee umsetzen zu dürfen, war für mich ein tolles Erlebnis. Mit der Umsetzung und dem Ergebnis bin ich sehr glücklich, einzig das Wetter hat mir einen Strich durch die Rechnung gemacht. Aber trotz des Regens waren rund 150 Leute da, es wurden über 20 Gerichte gekocht – das hatte ich nicht erwartet und finde es mega. Auch die Resonanz der Leute hat mir sehr gefallen, ich wurde dafür gelobt, in Fechenheim etwas zu veranstalten. Das hat mich gefreut. Ich fand es auch faszinierend, was für Leute durch den Vorbericht in der Zeitung da waren. Jung und Alt, Familien oder alleine, alles gut durchmischt, also genau das, was ich bewirken wollte. Auch gerade, dass die Älteren neugierig auf das Festival waren, war toll.

Dunya, wie kann man sich Deine Kochveranstaltung vorstellen?

Dunya Mansoor: Gekocht wurde im Jugendhaus Nied. Vormittags sind wir einkaufen gegangen, danach haben wir im Jugendhaus die Vorbereitungen für das Kochen durchgeführt, zudem Warm-up-Spiele zum Kennenlernen oder Unterhaltungen zum Thema gesundes Essen und Ernährung. Gegen zwei Uhr waren wir dann jeweils fertig, auch mit Aufräumen, wobei die Kinder immer tatkräftig mitgeholfen haben.

Hast Du Dich zuvor mit Ernährungsexperten schlau gemacht zum Thema?

Dunya Mansoor: Nein, aber viel im Internet recherchiert und Bücher dazu gelesen.

Was haben die Kinder gekocht?

Dunya Mansoor: Im Sommer haben wir thailändisch gekocht, zum Beispiel Thai-Reis und Frühlingsrollen. Dann haben wir auf Wunsch der Kinder auch mal Pizza gemacht, was zwar nicht ganz so gesund ist, aber immerhin selbst produziert wurde. Eine Gemüsepfanne mit Hackfleischkebabs gab es auch, und indisches Brot mit Hühnchen. Einige Kinder in der Gruppe kannten das Gericht bereits, wussten aber nicht, wie es zubereitet wird. Die Rezepte sammele ich und füge sie zu einem Buch zusammen, das die Teilnehmer des Projekts erhalten sollen.

Woher kommen die Teilnehmer, und wie alt sind die Kinder?

Dunya Mansoor: Acht bis zwölf Jahre, wobei in den Herbstferien auch Teilnehmer dabei waren, die erst fünf, sechs Jahre alt waren. Sehr bunt gemischt. Frau Thiel vom Jugendhaus NIed war meine Ansprechpartnerin, sie hat die Eltern darüber informiert, außerdem habe ich noch Plakate und Flyer hergestellt.

Gibt es etwas, was ihr im Rückblick anders machen würdet?

Sophia Alam: Jede Menge (lacht). Aber deswegen war das Festival nicht schlecht. Das nächste Mal wäre ohnehin anders, weil es nicht mehr mein erstes Mal wäre. Aber ich würde mir heute zum Beispiel mehr Zeit lassen. Ich bin ein bisschen ein Kontrollfreak und perfektionistisch veranlagt, und wenn man mit so vielen Leuten zu tun hat, bedarf es viel mehr Planung und einer besseren Kommunikation. Aber das sind Dinge, die man erst im Nachhinein lernt.

Dunya Mansoor: Bei dem Sommerferienprojekt hatte ich mir für das erste Mal sehr viel vorgenommen. Etwa jedes Mal frisches Gemüse gekauft, das gewaschen und geschnitten werden musste, wodurch wir am Ende zu wenig Zeit zum Essen und Aufräumen hatten. Beim zweiten Mal haben wir dann einen Mix aus frischem und tiefgefrorenem Gemüse gemacht, das war einfacher. Auch Kommunikation musste ich lernen und verbessern. Und ich würde den Kindern beim nächsten Mal die Rezepte gleich beim Kochen austeilen, damit sie sie mit nach Hause nehmen können.

Wie waren die Rückmeldungen der Besucher und Teilnehmer?

Dunya Mansoor: Die Kinder waren sehr zufrieden - und satt. Auch das Jugendhaus war zufrieden. Auch die Erzieherin meinte, dass sie sehr viel Spaß hatte und beim nächsten Mal gern wieder mitmachen will, auch wegen der leckeren Speisen. Die Motivation war ganz klar das Essen, quasi als Belohnung für die Mühen.

Sophia Alam: Die Resonanz war sehr positiv, die Fechenheimer fanden es toll, dass jemand auf die Idee kommt, so ein Festival zu organisieren. Einer sagte, dass er sich selbst seit Jahren für den Stadtteil einsetze, und dass er froh sei, dass der Nachwuchs doch am Kommen ist. Sowas habe ich oft gehört, was eine schöne Bestätigung ist. Der Zeitungsbericht in der Frankfurter Rundschau schlug in dieselbe Kerbe. Die Leute, mit denen ich mich unterhalten und die ich von den verschiedenen Vereinen und der Feuerwehr eingeladen habe, sind auch alle satt geworden und zufrieden nach Hause gegangen. Viele haben sich auch was mit nach Hause genommen, wir haben noch Tage danach vom Nudelsalat gelebt (lacht). Es wurde nichts weggeschmissen.

Was war die schönste Erfahrung?

Dunya Mansoor: Ich fand die Geschichten, die die Kinder erzählt haben, spannend. Beim Schnippeln und Kochen hat immer jemand persönliche Anekdoten und Erfahrungen geteilt. Beispielsweise hat ein Kind gesagt, dass es noch nie Gemüse probiert hat. Das hat mich dann schon erstaunt, aber es war wohl tatsächlich so. Dann fand ich es supertoll, dass es alles probiert und gegessen hat, sogar Brokkoli und Spinat wurde komplett aufgefuttert.

Sophia Alam: Meine schönste Erfahrung war, dass ich einmal Chef sein konnte. Wirklich. Dass ich alles gestalten konnte, wie ich wollte - von der Dekoauswahl über die Plakatgestaltung bis zur Benennung der Cocktails. Ich kenne das sonst nicht so vom Leben. Deshalb fällt es mir auch schwer, eine besondere Erfahrung herauszupicken, weil für mich das Gesamte eine schöne Erfahrung war. Denn ich möchte was bewirken in dieser Welt.

Was kommt als nächstes? Die StadtteilBotschafter-Generation läuft ja noch bis September 2018.

Sophia Alam: Die Perfektionierung meines Konzepts und das Finden von Sponsoren, um im Jahr 2018 noch ein weiteres Interkulturelles Food Festival zu starten. 

Dunya Mansoor: Bei mir steht das Buch im Vordergrund, aber auch Workshops mit anderen Vereinen. Es geht viel Geld in den Druck rein, der Anfang Juni stattfinden soll. Es ist bereits in Planung, dass das Buch im August auf dem Stadtteilfest in Nied offiziell vorgestellt wird. Wer möchte, kann sich dann natürlich vor Ort auch gleich eins kaufen. Mir schweben auch Workshops mit Eltern und Kindern vor, in denen zusammen gekocht wird, die Kinder aber die Chefs sind und den Eltern sagen, was zu tun ist.

Überlegt ihr Kooperationen Eurer beiden Projekte? Etwa, dass die Kinder kochen und das auf dem internationalen Food Festival ausstellen?

Sophia Alam: Das habe ich bislang noch gar nicht so bedacht, aber klar, gerne könnt ihr für das nächste Food Festival kochen (lacht)

Die Entscheidung, StadtteilBotschafterinnen zu werden, hat euch also bereichert?

Sophia Alam: Auf jeden Fall.

Dunya Mansoor: Anfangs dachte ich, dass es stressig werden könnte mit der Schule, aber es klappte dann doch richtig gut.

Sophia Alam: Bei mir hat die Schule schon etwas gelitten (lacht). Ich mache gerade mein Fachabitur, und zur Hochphase der Festivalorga war es schon viel. Aber so ist das eben, man kann nicht vorhersehen, wann die Klausuren anstehen, so war Planung etwas unmöglich.

Was habt ihr für Pläne für die Zukunft?

Sophia Alam: Nach dem Abitur möchte ich soziale Arbeit studieren.

Dunya Mansoor: Ich möchte auch studieren, und zwar  Internationales Businessmanagement.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Am 2. März ist es wieder soweit: Die StadtteilBotschafter sind live ON AIR auf radio x 91.8 FM! Im Studio bei Stephan Hübner werden dann sein: Jonny, StadtteilBotschafter für die Innenstadt, mit seiner Mentorin Natalie und Sophia Bordo, StadtteilBotschafterin für Oberrad. Reinschalten, dranbleiben!