01. Mrz 2017

StadtteilHistoriker im Rausch der Quellen

von unserer Gastautorin

Koreanische Krankenschwestern in Frankfurt, Grabbepflanzungen anno 1920 und die verlorenen Denkmäler Frankfurts – die sechste Generation der StadtteilHistoriker hat sich viele spannende, teils außergewöhnliche Themen aus Frankfurts Stadtteilgeschichte vorgenommen. Beim ersten Werkstatt-Treffen wurden sie in die Grundlagen des historischen Arbeitens eingeführt.


Angelika Schreiber möchte die Geschichte des Kinderzentrums Gutleutstraße erforschen. Aber wie geht man so ein historisches Projekt  am besten an? Wo findet man Quellen, und worauf muss beim Zitieren geachtet werden? Solche Fragen stellen sich alle 25 StadtteilHistoriker der neuen Generation. Einige Antworten darauf erhielten und erarbeiteten sie beim ersten Werkstatt-Treffen, das Mitte Februar im Social Impact Lab in Bockenheim stattfand.

"Sich mit Geschichte zu befassen, befriedigt ein anthropologisches Bedürfnis", sagte Christoph Cornelißen, Professor für Neueste Geschichte an der Frankfurter Goethe-Universität. Im ersten Teil des Werkstatt-Treffens erläuterte er, was beim historischen Arbeiten zu beachten ist. Zunächst sprach Cornelißen über die drei Varianten, wie man sich nach Nietzsche mit Geschichte beschäftigen kann: Bei der monumentalistischen Variante stellen Menschen Denkmäler auf, um an Vergangenes zu erinnern. Sammler hingegen befassen sich auf antiquarische Weise mit Geschichte. Die StadtteilHistoriker wiederum setzen sich auf kritische Weise mit Geschichte auseinander, das heißt, sie stellen Fragen, auf die sie Antworten finden, die wiederum zu neuen Fragen führen. Das alles dokumentieren sie, untermauern ihre Antworten mit Quellen und stellen ihre Ergebnisse am Ende etwa in Form einer Ausstellung, eines Buches oder eines Kurzfilms vor.

Frankfurt im Fokus

Ganz allgemein ging es danach mit der Frage weiter, wann und warum Frankfurt zu einer Großstadt geworden ist. Die Teilnehmer fanden viele Gründe dafür: Die Industrialisierung und eine bequemere Lebensart durch gute Verkehrsnetze zogen die Menschen in die Stadt. Außerdem boten Freizeitangebote wie Theater und Sportvereine, Bildungsmöglichkeiten wie Hochschulen und Bibliotheken sowie die bessere Gesundheitsversorgung Anreize, vom Land in die Stadt zu ziehen. Die Teilnehmer hatten so viel zu sagen, dass Cornelißen sich beeilen musste, um genügend Zeit für die Einführung in die Quellenarbeit zu finden. Viele der StadtteilHistoriker wussten vor Beginn des Seminars nicht, wo sie am besten nach Quellen suchen können. Archive und Bibliotheken seien für die Recherche erste gute Anlaufstellen, sagte Cornelißen. Eine Beratung durch Archivare könne auch weiterhelfen. Cornelißen machte darauf aufmerksam, dass es nicht nur schriftliche Quellen gibt. Bilder, Karten und Audioquellen sowie die Befragung von Zeitzeugen gehören auch zu ihnen. Um etwas über den Familienstand einer bestimmten Person herauszufinden, eignen sich besonders Kirchenarchive.

Die Wichtigkeit der Quellenkritik

Zum Abschluss erklärte Cornelißen, was unter Quellenkritik zu verstehen ist. Bei der äußeren Quellenkritik fragt sich der Historiker, was er in der Hand hält. Von wann und von wem stammt der Text, an wen ist er adressiert und wo wurde er verfasst? Wenn kein Datum oder Empfänger angegeben ist, kann der Inhalt Hinweise darauf enthalten. Die innere Quellenkritik befasst sich dagegen mit der sprachlichen Aufschlüsselung eines Textes. Das beinhaltet beispielsweise die Übersetzung älterer Begriffe, die heute nicht mehr verwendet werden, in die moderne Sprache. Außerdem kann ein Text Anspielungen auf bestimmte Personen oder Ereignisse enthalten.

Nach der Mittagspause teilte sich die Gruppe auf, um in Workshops bei Privatdozent Dr. Michael Maaser, dem Leiter des Archivs der Goethe-Universität, und Robert Brandt, Dozent für Geschichtswissenschaften ebendort, über die einzelnen Projekte zu sprechen. Besonders wichtig war die Frage nach dem richtigen Zitieren. Ein Teilnehmer wollte wissen, ob er bei Aufzeichnungen eines Gerichtsprozesses volle Namen verwenden darf. Maaser erläuterte, dass dies gestattet sei, sofern der Genannte bereits vor mehr als zehn Jahren verstorben sei. Maaser empfahl den Teilnehmern, sich immer gleich aufzuschreiben, woher eine Quelle stamme, um späteres Suchen zu vermeiden. Eine Teilnehmerin erzählte, dass sie für ihr Projekt koreanische Krankenschwestern, die in Frankfurt gearbeitet haben, interviewen wolle. Bei der Suche nach Zeitzeugen sei es sinnvoll, sich Gesprächspartner mit unterschiedlichem Hintergrund zu suchen, damit ein möglichst differenziertes Bild entstehe, merkte Brandt dazu an.

Positive Resonanz

Die Resonanz der Teilnehmer auf das Seminar fiel positiv aus. "Die Informationen über die Quellenarbeit war sehr wichtig. Außerdem konnten wir uns sehr gut einbringen", sagte Angelika Schreiber. Auch die anderen StadtteilHistoriker hätten vieles gelernt, das ihnen bei der weiteren Planung und Durchführung ihrer Forschungsprojekte weiterhelfe, sagte sie.

Die sechste StadtteilHistoriker-Generation wurde von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft im Januar  aufgenommen. Das Projekt wurde 2007 ins Leben gerufen und findet in einer Medienpartnerschaft mit der Frankfurter Neuen Presse statt, die fortlaufend über die StadtteilHistoriker berichtet.

Die Teilnehmer forschen 18 Monate lang zu einem historischen Thema, das einen oder mehrere Frankfurter Stadtteile betrifft und das sie selbst wählen. Dabei werden sie  mit 1.500 Euro für Recherche- und Präsentationsausgaben unterstützt. Außerdem werden sie in Seminaren auf ihr Forschungsprojekt vorbereitet und während ihrer Zeit als StadtteilHistoriker bei der Arbeit begleitet.

Die Laienhistoriker sind Frankfurter Bürger aus allen Altersgruppen und verschiedenen Berufsfeldern. Das aktuelle Stipendium läuft noch bis März 2018. Dann wollen die StadtteilHistoriker die Ergebnisse ihrer Projekte vorstellen.

Sie möchten mehr über die StadtteilHistoriker erfahren? Hier finden Sie alle Teilnehmer der sechsten Generation.

(Text: Astrid Heindel, Foto: Rainer Rüffer/FNP)