05. Dezember 2017

StadtteilHistoriker: Wie der Bär in den Schlachthof kam

von Extern

Dr. Rainer Linnemann untersucht als StadtteilHistoriker das Deutschherrnviertel. Die Erkenntnisse über den Schlachthof veröffentlicht er exklusiv auf der Website der Stiftung Polytechnische Gesellschaft.

Foto: Institut für Stadtgeschichte im Karmeliterkloster Frankfurt am Main (ISG S7A1998_16000)


Jetzt ist sie online: die Website zu meinem historischen Projekt über das Deutschherrnviertel. Etliche Monate habe ich im Institut für Stadtgeschichte oder im Frankfurter Lesesaal der Uni recherchiert, viele Gespräche habe ich geführt, etliche Mails gingen hin und her. Aber die beste Geschichte habe ich noch nicht geschrieben, weil sie nicht wirklich auf die Website passte. Gut, dass es diesen Blog der Stiftung gibt!

Alles fing damit an, dass die FAZ über mein Projekt schrieb und sich der frühere Schlachthofchef Fritz Dinkel, der heute 97 Jahre alt ist, bei der Polytechnischen Gesellschaft meldete. Sofort nahm ich Kontakt mit ihm auf.

Ein Leben im Schlachthof

1936 trat er als Auszubildender in den Schlachthof ein, 1984 wurde er als dessen Leiter pensioniert. Unterbrochen wurde seine Arbeitszeit nur durch Kriegseinsatz und Gefangenschaft. Über 40 Jahre beim gleichen Arbeitgeber – heute ist so eine Berufsbiografie selten.

Er konnte mir viel vom Schlachthof erzählen, auf Bildern die einzelnen Hallen identifizieren und Zusammenhänge erklären. Vor allem aber konnte er Erlebnisse erzählen, die den nüchternen Forschungsgegenstand bunter machten.

Zum Beispiel die mit dem Bären. 

Ein rätselhafter Bär

Wenige Jahre nach dem Krieg wollte Zoodirektor Bernhard Grzimek einen toten Bären sezieren. Im Zoo gab es dafür keinen geeigneten Tisch, um so ein großes Tier unter die Lupe zu nehmen. So rief er im Schlachthof an und bat um die Genehmigung, das tote Tier im Schlachthof zu sezieren. Die wurde ihm erteilt und er konnte den Bären in den Schlachthof bringen.

So kam der Bär im Schlachthof unters Messer. Schnell stellte sich heraus, woran das Tier gestorben war: Der Bär hatte Trichinellose gehabt, eine parasitäre Infektionskrankheit, und damit eine für Großtiere nicht untypische Krankheit. Damit kannte man sich im Schlachthof aus! Der ganze Kopf des Bären war voller Trichinen, winziger Fadenwürmer. Das war nicht nur die Ursache für den Tod, sondern erklärte auch sein merkwürdiges und aggressives Verhalten.

Es gab noch einige Anekdoten rund um den Schlachthof; etwa, als Rainer Werner Fassbinder eine Szene für seinen Film "In einem Jahr mit 13 Monden" im Schlachthof drehte. Es waren immer diese Abweichungen vom Arbeitsalltag, die den Betrieb bunter erscheinen ließen.

Ein Foto, ein Mysterium

Nur bei einer Frage konnte mir auch Fritz Dinkel nicht weiterhelfen. Bei einem Bild aus dem Jahr 1900, genauer gesagt das Bild in der Rinderschlachthalle (Drittes von oben), schauen alle 16 Angestellten in die Kamera. Auch ein Uniformierter blickt den Fotografen an und unterstreicht die hoheitliche Bedeutung dieses Aktes. Was für eine Uniform trägt er? Ist er ein Hallenleiter? Ein Tierarzt? Die hatten im Schlachthof durchaus hoheitliche Befugnisse, durften beispielsweise beschlagnahmen. Ein zufällig anwesender Polizist? Für sachdienliche Hinweise bin ich dankbar, meine E-Mail finden Sie im Infokasten.

Text: Dr. Rainer Linnemann

Über den Autor

Dr. Rainer Linnemann ist StadtteilHistoriker der sechsten Generation. Die Ergebnisse seiner ehrenamtlichen Forschung über das Deutschherrnviertel finden Sie auf der eigens dafür geschaffenen Website deutschherrnviertel.org.

Deutschherrnufer@arcor.de