16. Januar 2017.

StadtteilHistoriker: Zehn Jahre Spurensuche in Frankfurts Geschichte

von Stephan Hübner

Der Startschuss fiel vor zehn Jahren: Im Deutschen Architekturmuseum erhielten damals die ersten 20 Frankfurter das StadtteilHistoriker-Stipendium für geschichtsinteressierte Bürger, die ehrenamtlich selbst gewählte lokalhistorische Themen aufarbeiten. Mit der feierlichen Aufnahme der 25 Angehörigen der nunmehr sechsten Stipendiatengeneration wurde der "kleine runde Geburtstag" am vergangenen Samstag im Saalbau Gallus gefeiert.

Die StadtteilHistoriker beim Workshop. (Foto: Rüffer/FNP)


"Seit 2007 ist viel passiert", resümiert Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt. Er ist der Vorstandsvorsitzende der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, die das Projekt einst gemeinsam mit dem Medienpartner Frankfurter Neue Presse (FNP) und mit anfänglicher Unterstützung der Gerda Henkel Stiftung an den Start brachte.

"Bis heute konnten wir 145 StadtteilHistoriker aufnehmen, die 34 Frankfurter Stadtteile repräsentieren. Einige sind und waren auch stadtteilübergreifend aktiv. Ihre Gemeinschaft repräsentiert die bürgerschaftliche Vielfalt Frankfurts: Unsere StadtteilHistoriker waren Schüler und Studenten, Dreher und Gemeindesekretärinnen, Pädagogen und Chemielaboranten, 17 bis 81 Jahre alt – um nur einige Beispiele zu nennen."

Auch die Idee zum Projekt kam aus Frankfurts Bürgerschaft: Der Oberräder Ingenieur und Autor Horst Nopens regte es 2007 in einem Leserbrief an die FNP an. "Mittlerweile wird die Bezeichnung 'StadtteilHistoriker' als Ehrentitel verstanden, und die Stipendiaten haben nachhaltig Spuren hinterlassen", blickt Projektleiterin Dr. Katharina Uhsadel zurück.

So wurde etwa auf Betreiben von Anneliese Gad das "Museum an der Kreuzkirche" eröffnet, in dem Preungesheims Geschichte dargestellt wird. In Griesheim kreierte Uta Endress eine Ausstellung zur Geschichte der Alten Falterstraße, der Expositionen zu weiteren Themen folgten. Und die Arbeit von Kerstin Stoffels in Bockenheim trug zur Restaurierung eines historischen Kirchenteppichs in der Frauenfriedenskirche bei.

Erstmals in einer anderen Stadt

"Zudem ist das Projekt 2016 dank der Wiesbaden-Stiftung erstmals in eine andere Stadt übernommen worden", ergänzt Uhsadel. Die Ergebnisse der 100 Projekte, die zwischen 2008 und 2014 in Frankfurt bearbeitet wurden, sind derweil in zwei Büchern nachzulesen, die die Stiftung kostenlos anbietet.

Nicht zuletzt hat das Stipendienprogramm inzwischen viel positive Bestätigung aus Fachkreisen gefunden: "Das Projekt StadtteilHistoriker zählt hinsichtlich seiner Idee, seines fachlich-methodischen Begleitangebots und seiner Umsetzung zur Avantgarde auf dem Feld geschichtsbezogener Erwachsenenbildung", befanden etwa Prof. Dr. Wolfgang Meseth und Karola Cafantaris von der Universität Marburg nach ihrer Projektevaluation 2015.

Und dem Bielefelder Citizen-Science-Experte Prof. Dr. Peter Finke gefallen die StadtteilHistoriker deshalb so gut, „weil dort die Fehler vermieden werden, die man so oft bei anderen bürgerwissenschaftlichen Projekten findet: etwa das Nicht-ernst-Nehmen der Bürgerforscher oder die Verwechslung von Ehrenamtlichkeit mit Kostenlosigkeit. Gerade dass Letzteres nicht so ist, beeindruckt mich, denn es gibt ganz selbstverständlich eine angemessene Unkostenpauschale.“

1500 Euro als Projektunterstützung

Diese beträgt 1.500 Euro für anderthalb Jahre und ist für die Präsentation der Rechercheergebnisse und die Deckung von Unkosten gedacht. Gemeinsam mit einer fachlichen Begleitung und der regelmäßigen Berichterstattung durch die FNP gehört sie zu den Leistungen, auf die sich die Stipendiaten freuen dürfen.

FNP-Chefredakteur Joachim Braun wiederum freut sich auf die Aktivitäten der neuen Stipendiaten: "Jeder Schritt, das Werden und Wachsen der Stadtteile besser zu verstehen, festigt dort den sozialen Kitt. Zudem berichten wir gerne über die Überraschungen, die die Beschäftigung mit der Stadtgeschichte zu Tage fördert." Aus eigener Erfahrung wisse er, wie aufschlussreich und elektrisierend dieses Forschen vor der Haustür sei: Als Journalist habe er mit großem Interesse über die NS-Zeit im bayerischen Wolfratshausen gearbeitet.

Große Themenvielfalt

"Die neuen StadtteilHistoriker der sechsten Generation", fasst der Vorsitzende der Jury, Dr. Christoph Andreas, zusammen, "bearbeiten Themen wie Graffitis und Street Art in Bockenheim, die Geschichte der jüdischen Unternehmerfamilie Wronker und ihres Kaufhauses auf der Zeil oder das Wirken Arthur von Weinbergs als Präsident des Frankfurter Renn-Klubs." Sie sind Architekten, Restauratoren oder Buchhändlerinnen, Elektrotechniker, Übersetzerinnen oder Bahn-Beamte, 18 bis 80 Jahre alt und in 18 Stadtteilen, teils auch wieder stadtteilübergreifend, aktiv. Insgesamt waren 42 gut ausgearbeitete Bewerbungen eingegangen.

Eine Vorstellung der Hobby-Historiker und ihrer Projekte finden Sie hier, alternativ auch als PDF-Download.

(Text: Stephan M. Hübner, Foto: Rüffer/FNP)