13. Dezember 2019.

Verleihung des Rosl und Paul-Arnsberg-Preises: Herausragende Forschung zur jüdischen Geschichte Frankfurts ausgezeichnet

von Monika Röttele

Stiftung Polytechnische Gesellschaft prämiert exzellente wissenschaftliche Arbeiten zur Erforschung jüdischen Lebens in Frankfurt am Main. Dr. habil. Tobias Freimüller erhält Rosl und Paul Arnsberg-Preis. Arno Lustiger-Förderpreis geht an Dr. Vera Kallenberg.

Die beiden Preisträger: Dr. Vera Kallenberg und Dr. habil. Tobias Freimüller. Foto: Dominik Buschardt


Dr. habil. Tobias Freimüller ist gestern im Deutschen Architekturmuseum für seine Arbeit zum Thema "Frankfurt und die Juden. Neuanfänge und Fremdheitserfahrungen 1945 - 1990" mit dem Rosl und Paul Arnsberg-Preis 2019 ausgezeichnet worden. Der mit 10.000 Euro dotierte und international ausgeschriebene Preis der Stiftung Polytechnische Gesellschaft ehrt herausragende Forschungsarbeiten zur Geschichte des jüdischen Lebens in Frankfurt. Er wurde in diesem Jahr zum sechsten Mal verliehen.

In seiner Arbeit reflektiert Freimüller, der seit 2017 wissenschaftlicher Mitarbeiter und stellvertretender Direktor am Fritz Bauer Institut in Frankfurt ist, die jüdische Zeit- und Lokalgeschichte Frankfurts im Kontext der Nachwirkungen des Nationalsozialismus und der bundesrepublikanischen Geschichte. Freimüller knüpft damit an die Arbeiten von Paul Arnsberg an und würdigt dessen geschichtspolitisches Engagement für eine jüdische Nachkriegsidentität in Frankfurt. „Die Arbeit zeichnet ein hochdifferenziertes Bild des komplexen Verhältnisses von Jüdinnen und Juden untereinander und zur nichtjüdischen deutschen Gesellschaft nach der Schoah“, lobte die Jury unter Vorsitz von Prof. Dr. Mirjam Wenzel, Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt am Main. Die Arbeit von Freimüller verspreche, ein Standardwerk zur jüdischen Zeitgeschichte zu werden.

Dr. Vera Kallenberg, Postdoktorandin an der Professur für Nordamerikanische Geschichte der Universität Erfurt, erhielt für ihre Arbeit „Jüdinnen und Juden in der Frankfurter Strafjustiz 1780 - 1814: Die Nicht-Einheit der jüdischen Geschichte“ den mit 3.000 Euro dotierten Arno Lustiger-Förderpreis 2019. Kallenberg untersucht einen Epochenumbruch anhand von 400 Strafgerichtsfällen. Sie eröffnet so einen interdisziplinären Zugang zum Übergang zwischen dem Ende der Frühen Neuzeit und der Moderne. In diesem Kontext überprüft die Historikerin die vielschichtige Realität jüdischer Emanzipation, indem sie geschlechter-, sozial- und rechtsgeschichtliche Aspekte miteinander in Beziehung setzt. "Damit liefert sie einen besonders innovativen Beitrag zur differenzierteren Betrachtung der Judenfeindlichkeit nach der Aufklärung", begründet die Jury ihre Entscheidung. "Die herangezogenen Quellen wurden mit diesem Ansatz bisher noch nicht untersucht. Die Arbeit verspricht, für diesen Untersuchungszeitraum einschlägig zu werden."

Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft, betonte bei der Preisverleihung die Wichtigkeit der prämierten Publikationen für das Selbstverständnis der Frankfurter Stadtgesellschaft: "Jüdische Bürger haben die Geschichte unserer Stadt stark geprägt. Die Forschungsarbeiten unserer diesjährigen Preisträger dokumentieren dies in herausragender Weise."

Über die Preise

Anlässlich des 100. Geburtstages von Rosl Arnsberg am 2. Juni 2008 rief die Stiftung Polytechnische Gesellschaft den Rosl und Paul Arnsberg-Preis ins Leben. Er wird alle drei Jahre ausgeschrieben und ist mit 10.000 Euro dotiert. Im Andenken an Prof. Dr. Arno Lustiger (1924 - 2012) ergänzte die Stiftung 2016 den Rosl und Paul Arnsberg-Preis um den Arno Lustiger-Förderpreis. Dieser wird für eine Dissertation bzw. ein Dissertationsvorhaben vergeben und ist mit 3.000 Euro dotiert. Beide Preise werden für herausragende Arbeiten zur Geschichte der jüdischen Bürger Frankfurts vergeben.

Ausgezeichnet werden sowohl bereits vorliegende Publikationen als auch Vorhaben in diesem Bereich. Die eingereichten Arbeiten müssen von besonderer wissenschaftlicher Exzellenz sein. Sie sollen insbesondere neue Erkenntnisse über die Geschichte der Frankfurter Juden enthalten oder die Gewinnung entsprechender neuer Erkenntnisse erwarten lassen. Kandidaten können sich mit bereits verfassten Arbeiten oder mit einem geeigneten Vorhaben selbst um den Preis bewerben. 

Bei der diesjährigen Ausschreibung wurden insgesamt rund 200 Lehrstühle, Institute, Museen, Archive und Kommissionen angeschrieben. Insgesamt wurden 14 qualitativ sehr hochwertige Bewerbungen aus dem In- und Ausland eingereicht. 

Die Jury 2019

Prof. Dr. Mirjam Wenzel (Direktorin des Jüdischen Museums Frankfurt am Main, Vorsitz), Dr. Gad Arnsberg (Historiker), Prof. Dr. Roland Kaehlbrandt (Vorstandsvorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft), Franziska Kiermeier (Abteilungsleiterin Zeitgeschichte und Gedenken im Institut für Stadtgeschichte Frankfurt am Main) in Vertretung für Dr. Evelyn Brockhoff (Leitende Direktorin des Instituts für Stadtgeschichte Frankfurt am Main), Dr. Birgit Sander (stellv. Präsidentin der Polytechnischen Gesellschaft e. V.)