12. März 2020.

Vier Bürger-Akademiker im Interview: "Ich kann die Bürger-Akademie jedem nur empfehlen"

von Axel Braun

Sie bilden – auch wenn sie es selber gar nicht hören wollen – die Spitze des Frankfurter Ehrenamtes, sind extrem aktiv in zahlreichen Initiativen und Projekten und auch wenn jeder von ihnen dabei einen ganz unterschiedlichen Weg eingeschlagen hat, eint sie doch mehr als man denkt: Die Teilnehmer der Bürger-Akademie. Seit Gründung des Ehrenamtsstipendiums im Jahr 2009 wurden bereits 157 Frankfurter Bürgerinnen und Bürger zwischen 20 und 70 Jahren ausgebildet. Im Rahmen der Staffelstabübergabe der sechsten an die siebte Generation haben wir vier von ihnen zum Interview getroffen.

Bürger-Akademiker aus zwei Generationen im Gespräch: Malek Boujibar und Sabine Fiedler, aus der frisch aufgenommenen 7. Generation Heidemarie Barthold sowie Markus Müller (v.l.n.r.). Foto: Dominik Buschardt


Uns würde zu Beginn interessieren: Gibt es aus heutiger Sicht rückblickend auf Ihre bisherigen Erlebnisse im Ehrenamt ein besonders schönes Erlebnis? Oder einen konkreten Auslöser für Ihr Engagement?

Markus Müller: "Das" ehrenamtliche Engagement in dem Sinne gibt es bei mir nicht. Ich bin über den Stadtverband Frankfurter Vereinsringe für die Bürger-Akademie nominiert worden. Doch reicht mein ehrenamtliches Engagement weit darüber hinaus: Ich bin stellvertretender Vorsitzender bei uns im Vereinsring Schwanheim, sowie im Verwaltungsrat unserer katholischen Kirchengemeinde und in der Feuerwehr aktiv. Präsident der Kerbegesellschaft bin ich auch. Angefangen hat mein Engagement bereits in der Jugend, zuerst in der Kirche als Messdiener, über Freunde bin ich dann mit 18 zur Feuerwehr. Was mir gefallen hat war die Tatsache, dass man dort Freunde fürs Leben findet. Es herrscht eine tolle Gemeinschaft.

Es ist also bei Ihnen quasi organisch gewachsen?

MM: Richtig, ja. Aber einmal abgesehen von der Bürger-Akademie würde ich jetzt kein weiteres Ehrenamt mehr schaffen zeitlich. Man kann nicht alles machen im Leben, und ich finde, dass man das, was man macht, richtig machen muss.

Heidemarie Barthold: Ich bin Rentnerin, eine Belastung ist das Ehrenamt für mich nicht. Ich bewundere die Leute, die berufstätig sind und sich zusätzlich ehrenamtlich einbringen. Das hätte ich glaub ich nicht geschafft, als ich damals noch an der Uni gearbeitet habe. Mit dem Ruhestand hab ich mir Aufgaben gesucht, und die Arbeit in der Flüchtlingshilfe macht mir wirklich total viel Spaß. Ein Erlebnis kann ich nennen, das zwar nicht besonders schön, aber sehr einprägend war: Normalerweise erzählen die Kinder nur ein wenig über ihre Heimat, aber nichts über ihre Flucht. Aber einmal habe ich mit einem Mädchen zusammengesessen, das hat sich mir dann anvertraut, wie große Angst es auf dem Boot hatte. Ein anderes, recht kleines Mädchen hat dann auch angefangen zu berichten, wie sehr es geweint hatte während der Überfahrt, bis ein größeres Mädchen dann gesagt hat: "Ach hört doch auf, ich mag gar nicht mehr daran denken." Das war das einzige Mal, dass sie darüber erzählt haben, und das hat mich sehr beeindruckt.

Mit dem Ruhestand haben Sie sich also ganz gezielt neue Aufgaben gesucht?

HB: Ja. Ich habe Verschiedenes ausprobiert, bis ich 2015 bei der Diakonie gelandet bin in der Flüchtlingshilfe, und bin dann mit nach Kalbach gegangen, wo die Unterkunft ist.

Sabine Fiedler: Ich hatte einen ähnlichen Zünder für mein ehrenamtliches Engagement. Ich bin zwar nicht in Rente gegangen, aber meine erwachsenen Kinder sind von zuhause ausgezogen. Unmittelbar danach habe ich mich auf die Suche gemacht nach etwas, das meinen Tag neben der Arbeit noch füllt. Ich habe dabei in meiner näheren Umgebung gesucht, und bin dann in das Billabong-Familienzentrum reingestolpert. Dort habe ich gesagt, dass ich mich engagieren möchte, und nun bin dort seit vier Jahren mit großer Leidenschaft aktiv. Das ist mittlerweile der zweite große Teil meines Lebens, das hat sich gut arrangiert. Die Arbeit gibt mir einen ganz anderen Input. Ich komme aus der Wirtschaft, wir haben ein eigenes Software-Unternehmen, da ist es was gänzlich anderes, in einem Sozialunternehmen in einer Vorstandstätigkeit aktiv zu sein. Das füllt mich wirklich gut aus – und ergänzt sich gegenseitig.

Malek Boujibar: Mich haben zwei Erlebnisse geprägt. Ich bin als junger Mensch nach Deutschland gekommen, und habe einen Großteil meiner Jugend in den Räumlichkeiten einer evangelischen Kirche verbracht. Wie es so ist als junger Mensch, nimmt man vieles als selbstverständlich war. Erst später, wenn man die Zeit Revue passieren lässt, merkt man, wie besonders das war. Ich wurde herzlich aufgenommen, nie nach meiner Herkunft oder Religion gefragt - ich bin nicht evangelisch, sondern Moslem, und trotzdem wurde mir geholfen. Das war ein sehr prägender Moment für mich. Dadurch ist der Wunsch entstanden, die Religionen in einen Dialog zu bringen. Das mache ich nun seit zehn Jahren. Wir waren vor kurzem in Bosnien, haben dort einen Dialog geführt mit den Menschen. Das war total spannend, die unterschiedlichen Generationen in dem vom Krieg geprägten Land zu sehen. Die junge Generation dort will einen Dialog untereinander, das war sehr schön.

Das andere Erlebnis war, als ich als junger Mann meinen Opa in Bonn besucht habe. Ich habe gesehen, wie ein junger Kerl für ihn eingekauft hat. Ich habe gefragt, wer das sei, ob er zur Familie gehöre, und er sagte nein, der hilft mir einfach. Wenn man kann, sollte man versuchen, im Rahmen seiner Möglichkeiten der Gesellschaft etwas wiederzugeben. Ich komme gerade von meiner zweiten Vereinstätigkeit, dem Stadtteilbüro im Gallus. Da helfen wir vor allem Migranten, die der deutschen Sprache nicht so mächtig sind. Da gibt es nicht "den" Fall, den ich erwähnen würde. Aber wenn jemand von der Kündigung oder Abschiebung bedroht ist, oder das Jobcenter das Geld gesperrt hat, dann kann man vermitteln und helfen. Und wenn man dann das Lachen sieht, ist das eine große Freude für mich.

Die 7. Generation. Foto: Dominik Buschardt

Oft genug ist das Ehrenamt eine verantwortungsschwere, zeitintensive und mühevolle Arbeit. Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Sie das eigentlich trotzdem immer noch und immer wieder tun? Was haben Sie sich selbst geantwortet?

In der Gruppe: Ja, gibts immer (lachen)

SF: Bei mir ist das noch gar nicht so lange her. Vor einem guten Jahr habe ich mich gefragt, warum ich das eigentlich mache, warum opfere ich mich so auf? Ich habe mich dann zurückgezogen, ließ das Ehrenamt kurz ruhen für eine überschaubare Zeit. Meinen Kollegen habe ich das auch so kommuniziert, dann aber schnell gemerkt, dass mir etwas fehlt. Es erfüllt einen doch sehr, auch wenn es stressig ist. Man möchte ja mit seinem Schaffen was bewegen, Gutes tun. Die Erfolge sind relativ schnell sichtbar, wenn man Teil eines Ganzen ist und etwas bewegen kann und die Dankbarkeit zurückkommt, das fängt einen ganz schnell wieder ein und man vergisst, was war. So fang ich mich immer wieder auf und bin sofort wieder drin.

Generell also Dankbarkeit als Lohn und Motivation?

HB: Das ist glaube ich zu eng gefasst. Bei dem was ich mache, bekomm ich noch ganz anderes Feedback. Ich lerne unglaublich viel, über andere Menschen, Kulturen. Das ist für mich eine große Bereicherung.

MM: Ich würde es auch nicht ganz so sehen. Als Beispiel das Engagement bei der Feuerwehr: Da gibt es öfters mal Situationen, wo man sich sagt: "Das war die zehnte Bombenentschärfung, ich habe gefühlt ewig nicht geschlafen" und man fragt sich dann unter Umständen schon, warum man das macht. Die Antwort ist jedes Mal: Weil man der Gesellschaft was zurückgeben will. Manchmal bekommt man auch offen den Dank zurück, und es ist tatsächlich schön, wenn man Menschen helfen kann, die sich in schwierigen Situationen befinden. Da hält einen bei der Stange, dass man auch jahrzehntelange Ausbildung genossen hat und die Frage, wer es denn sonst machen soll.

Was meiner Meinung nach ebenfalls sehr hilfreich für die Motivation ist, sind die Mitmenschen in den Vereinen. Ich habe tatsächlich in jedem meiner Vereine einen sehr guten Freundeskreis. Das hilft ungemein, weil eben Freunde da sind, die einem auch in harten Zeiten zur Seite stehen und gegebenenfalls aufmuntern können.

MB: Ich finde, dass wir viel zu selten hinterfragen, warum wir das überhaupt machen. Ich arbeite beispielsweise in meinem Ehrenamt mit religiösen Menschen, aber auch mit Atheisten zusammen, die sagen, dass sie sich besser fühlen, wenn sie sich einbringen. Jeder Mensch sollte sich im Rahmen seiner Möglichkeiten einbringen und der Gesellschaft etwas zurückgeben.

Die Staffelstabübergabe der 6. an die 7. Generation Bürger-Akademiker steht kurz bevor. Haben Sie eine Ahnung, was Sie in den kommenden zwölf Monaten erwartet?

MM: Ganz ungefähr (lacht). Ich persönlich bin sehr gespannt, Menschen kennenzulernen, die jetzt nicht unbedingt das gleiche machen wie ich. Also ehrenamtlich engagiert sind in Bereichen, mit denen ich vermutlich bisher noch keine Berührungspunkte hatte. Damit in Kontakt zu kommen und zu sehen, was und wie die es machen, finde ich spannend. Das ist das eine, das andere ist die persönliche Weiterentwicklung.

HW: Wir hatten ja schon mal ein gemeinsames Treffen, und es ist ein höchst unterschiedlicher bunter Haufen, aus unterschiedlichsten Bereichen, von denen ich nie gedacht habe, dass es dort überhaupt Ehrenamt gibt. Das ist sehr, sehr spannend, und alles andere werden wir sehen.

Was bleibt von Ihrer Teilnahme an der Bürger-Akademie bestehen? Was würden sie der nachfolgenden Generation mit auf den Weg geben?

SF: Rückblickend muss ich sagen, dass das, was Du gerade gesagt hast mit der Weiterentwicklung, mir persönlich sehr viel gebracht hat. Man lernt sehr viel über sich selbst. Viele andere Menschen kennenzulernen, sich andere Ehrenämter anzuschauen und die Stiftung Polytechnische Gesellschaft kennenzulernen, waren ebenfalls sehr lohnenden Aspekte. Diese intensive Zeit in der Bürger-Akademie möchte ich nicht mehr missen in meinem Leben.

MB: Die Trainer und ihre Workshops im Rahmen der Bürger-Akademie waren eine große Bereicherung. Für mich war es auch sehr inspirierend, beispielsweise zu Veranstaltungen eingeladen zu werden. Ich kann wirklich heute sagen, dass mir die Zeit in der Bürger-Akademie sehr viel gebracht hat, nicht nur für meine Vereinsarbeit, sondern auch privat. Dass ich dadurch diesen Perspektivwechsel beispielsweise kennengelernt habe, man hinterfragt sich vielleicht ja doch nicht so oft, wie es manchmal nötig wäre. Ich kann das jedem nur empfehlen, und kulinarisch war es auch eine Freude. Wir wurden sehr verwöhnt.

MM: Na wenn das nicht ein Grund ist... (lacht)

Zum Abschluss: Wir leben in turbulenten Zeiten. Welche Rolle spielt das Ehrenamt in einer freien und demokratischen Gesellschaft? Und wie wichtig ist ehrenamtliches Engagement für den Zusammenhalt der Gesellschaft?

HB: Ich glaube, man kann sich durch Ehrenamt sehr verändern und beispielsweise Dinge wahrnehmen, die man zuvor nicht gesehen hat. In meinem Bereich etwa, wann immer ich Leuten erzähle, was ich mache, stoße ich entweder auf Zustimmung oder auf verhaltene Reaktionen. Aber ich habe gelernt, anderen Leuten auch zu sagen, was es bedeutet, Flüchtling zu sein und dass es wichtig ist, in andere Bereiche reinzugucken und weiterzugeben. Wie groß der demokratische Zweck ist, kann ich nicht beurteilen, dass er existiert, bin ich mir aber sicher.

MM: Ehrenamtliches Engagement ist eklatant wichtig. Unsere Gesellschaft funktioniert nur durch Zusammenhalt. Würden die ganzen Ehrenämter, die es gibt, nicht existieren, hätte die Gesellschaft ein riesen Problem. Damit meine ich nicht nur die Feuerwehr, sondern auch viele andere Bereiche wie etwa die Flüchtlingshilfe. Ehrenamt hält eine Gesellschaft zusammen. Je mehr Menschen sich engagieren, umso besser natürlich.

SF: Durch Ehrenamt wird Zusammenhalt gebildet, und der Blick über den Tellerrand ist äußerst wichtig. Ich kann nur empfehlen, immer wieder mal einen Perspektivwechsel vornehmen, und zwar nicht nur bei Menschen mit Migrationshintergrund. Es gibt auch Deutsche, die es schwer in unserer Gesellschaft haben, und ich glaube, wenn man zeigt, dass man in der Gemeinschaft was bewegen kann, ist das superwichtig für die Gesellschaft.

MB: Manchmal finde ich schade, dass die Gesellschaft uns vorlebt, das ehrenamtliches Engagement Zeitverschwendung sei, die lieber besser investiert werden solle. Aber ich finde trotzdem, dass sich jeder engagieren sollte. Wir veranstalten Stadtteilspaziergänge im Gallus. Da gehen Muslime in Kirchen oder Christen in Moscheen. Es gibt bei den Spaziergängen ältere Teilnehmer, die noch nie in einem der Gotteshäuser der anderen Konfession waren. Weil es eben diese Hemmschwelle gibt. Aber wenn man Leute an der Hand nimmt, dann öffnet das Türen. Bei uns im Gallus haben wir ein freundschaftliches Verhältnis, ein Urvertrauen ist dort gewachsen, das ist etwas Wunderschönes. Zu wissen, dass da jemand ist, der mein Freund ist, selbst wenn er eine andere Religion hat.

Die Fragen stellten Axel Braun und Jens-Ekkehard Bernerth